Versuchen jetzt ihr Glück alleine: Die ehemaligen N26-Manager Nicolas Kopp, Noor van Boven und Dennis Müller (Bild: PR)

Was wurde aus den Startups der N26-Mafia?

Was in den USA als „Paypal-Mafia“ betitelt wird, das ist in Deutschland inzwischen die N26-Gründerschmiede: Ein Startup, dessen ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter viele weitere Firmen gegründet haben. Wie steht es um die Ausgründungen aus der N26-Mafia?

Es ist acht Jahre her, dass N26 seinen ersten Mitarbeiter einstellte. Im Herbst 2014 stieß Alex Weber zu den beiden Gründern, seitdem schaffte das Startup den Aufstieg zum wertvollsten deutschen Finanz-Startup und hat mehrfach die Ambitionen geäußert, eine globale Bank zu werden. Weber ist Valentin Stalf und Maximilian Tayenthal bis heute treu geblieben, seit Ende 2019 verantwortet er das Wachstum. Dabei hat sich N26 im Lebenslauf zu einer eigenen Marke entwickelt, die viele seiner früheren Kollegen dazu brachte, das Startup zu verlassen – mit eigenen Gründungsambitionen.

Im Sommer 2020 berichtete Finance Forward bereits über die N26-Gründerschmiede, doch seitdem ist viel passiert. Im März ist mit Amie eine lang-erwartete App in die Betaphase gestartet, die Smartphone-Kalender mit To-Do-Listen verknüpft. Gründer Dennis Müller bekam dafür auch ein Investment von Ex-Kollegen und dem Investor Creandum. Jetzt legten sie gemeinsam mit Spark Capital und Personio-Gründer Hanno Renner sieben Million Dollar nach. Der 26-Jährige ist mit seinem Startup öffentlich sehr präsent.

Parallel steigt die Zahl der Gründungen aus der N26-Belegschaft weiter. Im April hatten 132 ehemalige Beschäftigte auf dem Karriere-Netzwerk Linkedin „Founder“ als Jobbezeichnung angegeben. Inzwischen ist die Zahl auf 145 gestiegen. Wer sind die Hoffnungsträger – und was haben sie vor?

Neue Startups aus dem N26-Management

Einer der frühen Amie-Geldgeber war der ehemalige US-Chef von N26, Nicolas Kopp. Er hatte 2020 selbst gekündigt, um zu gründen. Im März tauchte im Handelsregister mit der Kölner Machinebrain GmbH ein erster vager Hinweis dazu auf, was er machen wird – Unternehmensgegenstand: „die Softwareentwicklung im Finanzbereich“. Auf seinem Linkedin-Profil ist er mittlerweile als Gründer von Rillet zu finden, eigenen Angaben zufolge die „erste Unternehmensressourcenplanung, die speziell für SaaS-Unternehmen entwickelt wurde“. Dem Impressum zufolge besteht zwischen den beiden Firmen allerdings nicht unbedingt ein Zusammenhang.

Etwas weiter war indes Robert Kilian, ehemaliger General Counsel, mit seinem 2020 gegründeten Startup Beams. Der Ursprungsplan: Nutzerinnen und Nutzer sollten in der App ihre Lieblingsorte mit Freunden teilen und Touren erstellen können, beispielsweise „Lieblingsplätze in London“ (Finance Forward berichtete). An die Idee glaubte unter anderem auch N26-Mitgründer Maximilian Tayenthal.

Wohl befeuert durch den Clubhouse-Hype in der Pandemie hat sich das Produkt in der Zwischenzeit zu einem reinen Audio-Format gewandelt, Beams positioniert sich als eine Art „Tiktok für Audio“. Nutzer können 90-sekündige Aufnahmen posten. Im Januar ist Beams nach einer Betaphase offiziell gestartet, kurz vorher hatte es noch sechs Millionen Dollar von Redalpine, Mangrove und TVC eingesammelt. Kilian ist nach Informationen von Finance Forward allerdings wieder raus, laut Handelsregister wird er seit April nicht mehr als Geschäftsführer geführt. Kürzlich wurde er in den Aufsichtsrat von N26 berufen (Finance Forward berichtete).

Die ehemalige Personalchefin Noor van Boven hat Anfang 2021 mit Invested eine Mischung aus Investitions- und Beratungsfirma gegründet. Laut der eigenen Webseite ist sie darüber bei Startups wie Gorillas, Mollie und Bitpanda beteiligt, offenbar über die N26-Investoren Hedosophia und Speedinvest. Sie genießt in der Szene einen guten Ruf.

Gründerinnen und Gründer aus dem N26-Netzwerk:

– Seit einem Jahr arbeitet Thomas Ball an einem eigenen Unternehmen, er hatte zuvor die Geldwäscheabteilung bei N26 verantwortet. Gemeinsam mit Vitay Golz – aus der gleichen Abteilung bei N26 – hat er Berfin gegründet, es kümmert sich eigenen Angaben zufolge um die „effiziente Bewältigung der Herausforderungen der Finanzkriminalität“. Was die Bafin dazu wohl sagt?

– Plantclub, ein Pflanzenmietdienst der beiden ehemaligen N26-Mitarbeiter Max Brennsell und Jack Lancaster. Das Startup richtet sich an Unternehmen, die ihre Büros verschönern wollen – die Gründung hätte im Februar 2020 nicht zu einem schlechteren Zeitpunkt kommen können. Einen Monat später verabschiedete sich die Büro-Welt ins Home-Office. Doch Plantclub hat es offenbar durch die Zeit geschafft, es führt elf Mitarbeiter und gibt auf seiner Webseite an, Unternehmen wie Netflix, Taxfix und Pleo mit Pflanzen zu beliefern. Es ist in Hamburg, Berlin und Wien aktiv. Seit diesem Jahr ist mit Spoke Technologies GmbH ein weiteres Startup der beiden hinzugekommen. Spoke nutzt Künstliche Intelligenz, um „effektives Arbeiten zu ermöglichen, indem es mühelos die Verbindung zu Teamkollegen herstellt, Informationen entdeckt, destilliert und mit ihnen teilt“, steht auf der Webseite neben einer Warteliste.

Jordan Abderrachid, ehemaliger N26-Entwickler, hat die App Donut mitgegründet, die einfachen Krypto-Handel ermöglichen soll und in den USA gestartet ist. Angel-Investor ist der N26-Aufsichtsratsvorsitzende und Branchenkenner Marcus Mosen. Abderrachid hat das Unternehmen allerdings im Sommer 2020 wieder verlassen – und unterstützte Amie im ersten Jahr. Danach ging er zu Stripe.

Nadine Heintzeler war im Business Development der Bank tätig und hat später den Möbel-Mietservice Lyght Living gegründet, an dem auch Gorillas-Gründer Kagan Sümer mitgearbeitet hatte. Im August 2020 gelang der Exit an Furniture Leasing, einen Kaufpreis nannte das Unternehmen nicht. Deuring ist seitdem bei

Julian Lechner, der bereits vor ein paar Jahren bei der Neobank war, hat mit Rex eine App für Tierarztpraxen gegründet. Von Vorwerk und Picus gab es im Sommer fünf Millionen Euro Funding.

– Zwischen 2015 und 2017 war Christian Rebernik Technikchef bei N26. Dann gründete er das Health-Startup Vivy, inzwischen ist er da raus und hat ein eigenes Bildungsstartup unter dem Namen der Tomorrow University.

– Die Softwarebude Boxplot von Malte Berresheim wurde im Dezember 2021 von Hyperscience übernommen. Der ehemalige Produktmanager arbeitet seither bei dem von Tiger Global und Bessemer finanzierten Startup.

– Das Insurtech Feather ist bereits 2018 an den Start gegangen, bislang hat es knapp vier Millionen Dollar eingesammelt, unter anderem von Wise-Chef Taavet Hinrikus. Mitgründer Vincent Audoire war zuvor iOS-Developer bei N26. Das Startup mit rund 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern generiere bereits „mehrere Millionen Umsatz“, sagt ein Brancheninsider.

– Mit Wonder versucht Pascal Steck seit 2020, die Welt der Videokonferenzen zu verbessern. Das Startup hat rund zwölf Millionen Dollar eingesammelt, unter anderem von EQT.

– Target Global setzt unter anderem auf die Idee von Mateusz Pniewski. Transactionlink organisiert den KYC-Prozess für Fintechs.

Philip Billaudelle hat sich bei N26 um die Banklizenz gekümmert, Lucia Payo war leitende Softwareentwicklerin. Jetzt hat N26-Mitgründer Maximilian Tayenthal in ihre Physiotherapie-App Exakt Health investiert, wie Gründerszene berichtete.

– Auch Max Schertel und Alexander Talkanitsa haben ein Investment von Tayenthal bekommen, mit dem sie sich laut einem Insider besonders gut verstanden haben. Finmid arbeitet an einem einen Service für Software-Firmen, die über eine Schnittstelle Finanzprodukte in ihrem Angebot integrieren können (Finance Forward berichtete).

– Mit der Videostreaming-Plattform war der ehemalige N26-Mitarbeiter Akarsh Sanghi sogar im renommierten Y-Combinator im Silicon Valley. Inzwischen ist er bei dem umstrittenen deutschen Krypto-Startup Worldcoin angestellt und sein Startup findet auf Linkedin keine Erwähnung.

Ruslan Khalilov hat gleich zwei Startups gestartet, beide entwickeln HR-Software: Placesetters und Twiso.

– Als Manager und Finanzchef von N26 kam Matthias Oetken 2016 in die Fintech-Szene. Seit 2020 baut er das Immobilien-Startup Estating auf – und will an die Milliarden-Gelder auf den Girokonten ran, in Zukunft auch mit einer Investment-App. Über seine Pläne hat er vor einem Jahr im FinanceFWD-Podcast gesprochen.

Der geheimnisvolle Stealth-Mode

Auf Linkedin finden sich zudem mehrere ehemalige N26-Mitarbeiter, die angeben, derzeit an einem Startup im sogenannten Stealth-Mode zu arbeiten.

Markus Müller, von 2015 bis 2017 Head of Product bei N26, ist laut Linkedin seit März 2022 in Stealth-Mode. Vor wenigen Monaten recherchiert er zu Elektromobilität und Solarenergie, inzwischen steht dort: Medtech.

– Eine gute Fintech-Vita hat auch Stefan Wille. Er war nach Stationen bei der Deutschen Bank und Credit Suisse zunächst als Senior Vice President Finance bei N26, dann wurde er Vize-Finanzchef beim ärgsten Konkurrenten Revolut. Seit 2020 ist er laut Linkedin im Stealth-Mode – wobei der Manager seit Februar im Handelsregister als neuer Geschäftsführer des HR-Softwareanbieters Workmotion geführt wird.

– Nach dem Abgang von Georg Hauer als N26-Deutschlandchef übernahm Mohamed Berhanu interimsmäßig, er war zuvor Head of Strategy and Operations. Seit Mai ist er raus – und laut Linkedin im Stealth-Mode.

Daniel Hoppe ist schön länger raus bei N26, danach war er bei Circ, Cherry Ventures und Dance. Jetzt: Stealth-Modus.

– Schon lange im Untergrund ist Ben Menning, ehemaliger Product Manager von N26. Seit 2020 arbeitet er an etwas, im Handelsregister ist dazu noch nichts aufgetaucht.

Noch steht der Sprung eines Startups aus der N26-Mafia aus. Bislang ist noch kein junges Unternehmen dabei, das mehrere hundert Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Dafür gibt es einige Hoffnungsträger wie etwa Amie, Finmid oder Feather. Die Auswahl zeigt aber auch, wie schwierig das Startup-Geschäft ist – von einigen Unternehmen hat man lange nichts mehr gehört.

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