Ein Bild aus der Vor-Corona-Zeit: Wefox-Stand auf einem Versicherungskongress (Bild: imago images / Cord)

Wefox verkündet 650-Millionen-Finanzierung – was hat das Insurtech damit vor?

Zu einer Bewertung von drei Milliarden Dollar nimmt das Versicherungs-Startup Wefox neues Geld auf und plant nun wieder die große Expansion. Es setzt dabei auf eine traditionelle Vertriebsstrategie.

Ursprünglich wollte Julian Teicke für sein Startup rund 200 Millionen Dollar bei Investoren einwerben, doch über die Monate sei klar geworden: das Interesse ist deutlich größer. Angebote für mehr als eine Milliarde Dollar habe er auf dem Tisch gehabt, sagt der Gründer im Gespräch. Sie hätten überlegt, wie viel Geld sich sinnvoll für den nächsten großen Wachstumsschritt einsetzen lassen würde.

Herausgekommen ist eine der größten Insurtech-Finanzierungsrunden Europas. Finanz-Szene und Finance Forward hatten über die anstehende Nachricht bereits berichtet, nun ist es offiziell: 650 Millionen Dollar erhält die Berliner Firma zu einer Bewertung von drei Milliarden Dollar (rund 2,45 Milliarden Euro). Der Wagniskapitalgeber Target Global hat die Finanzierung angeführt, er ist bereits seit einigen Jahren bei Wefox investiert.

Für aggressive Wetten bekannt

Zu den neuen Geldgebern zählen zudem der israelische Fonds FinTLV, die Schweizer Investoren Partners Group und die Bank LGT aus Lichtenstein, wo Wefox auch die Versicherungslizenz hat. Was auffällt: Mit Target Global ist es ausgerechnet ein Bestandsinvestor, der eine dermaßen große Finanzierungsrunde anführt. In der Regel versuchen Startups, bei größeren Runden einen externen Lead-Investor zu gewinnen – um eine unvoreingenommene Bestätigung ihres Wachstums zu erhalten. „Es gab andere Termsheets, aber Target hat das beste Angebot gemacht“, sagt Teicke.

Der Geldgeber, der einen seiner wichtigen Standorte auch in Berlin hat, ist durchaus für seine aggressiven Wetten bekannt: Bei der Gebrauchtwagen-Plattform Auto1 führte Target Global vor einigen Jahren eine große Finanzierungsrunde an, während andere bekannte Wagniskapitalgeber wegen der zu dem Zeitpunkt bereits hohen Bewertung absagten. Die Wette ging auf: Auto1 ist mittlerweile an der Börse – und nochmals deutlich mehr wert als damals.

Diese Erwartung gibt es nun auch für das Wefox-Management. Das neue Geld soll dabei in weitere Produkte und die große Expansion fließen. Noch in diesem Jahr seien 24 neue Versicherungsprodukte geplant, so Teicke. Bislang liegt der Fokus auf Haftpflicht-, Hausrat und Kfz-Versicherungen. Nun kündigt die Firma zum Beispiel eine Tierversicherung und im kommenden Jahr dann Kranken- und Lebensversicherungen an.

Andere Vertriebsstrategie als die Konkurrenz

Weitere Märkte sind zudem im Blick. „Erst soll es in andere europäische Länder wie Frankreich gehen, danach stehen Asien und die USA auf dem Plan“, sagt Teicke. Die bisherigen US-Pläne hatte man 2020 erst einmal wieder auf Eis gelegt. Nun, mit neuem Geld soll der Sprung in die großen Märkte gelingen. Im US-Markt treffen die Berliner dabei auf ihren Konkurrenten Lemonade, eines der großen Vorbilder für viele der hiesigen Insurtech-Startups. Das Unternehmen ist vor allem mit seiner Versicherungs-App erfolgreich, über die sich Policen kaufen und Schäden melden lassen.

Wefox schlägt allerdings eine grundlegend andere Strategie ein. Die Firma startete einst als App-Plattform für Versicherungsmakler, die ihre Policen und das Geschäft mithilfe der Wefox-Technologie organisieren konnten; das Startup erhielt im Gegenzug einen Teil der Provisionen. 2017 gründete Wefox dann eine eigene Versicherung mit dem Namen One Insurance, die speziell 2020 stark gewachsen ist: Der Umsatz lag bei 33 Millionen Euro, verglichen mit sechs Millionen Euro ein Jahr zuvor. Bemerkenswert: Die Tochter agiert laut Abschluss sogar knapp profitabel. Die Marke One soll allerdings wieder eingestampft werden. Denn die eigenen Versicherungen laufen stattdessen nun auch unter dem Namen Wefox, auf den sich die Firma künftig konzentriert.

„Konzentrieren uns auf Makler“

Im Gegensatz zu den anderen Anbietern setzt Wefox auf eine etablierte Verkaufsstrategie: „Beim Vertrieb konzentrieren wir uns auf Makler, die exklusiv unsere Versicherungen verkaufen“, sagt Teicke. Dies seien zurzeit 700, die ausschließlich die Produkte des Startups verkaufen. 5.000 Makler würden die Versicherungen mitverkaufen. Der große Vorteil von Wefox soll es sein, im Hintergrund effizienter zu arbeiten – und viele Schritte zu automatisieren. „Die Investoren haben erkannt, dass es nicht reicht, eine schöne Oberfläche zu haben“, sagt Teicke.

Im deutschen Markt konzentrieren sich sonst viele der neuen Anbieter auf das Vergleichsportal Check24, der US-Player Lemonade versucht es derweil direkt die Kunden zu gewinnen – doch die Erträge sind bislang bescheiden. Nun muss Wefox beweisen, dass seine Strategie auch auf dem Heimatmarkt von Lemonade aufgeht.

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