Mehr als eine Million Kunden zählt das Unternehmen aus Berlin. (Bild: IMAGO / Political-Moments).

Fünf-Milliarden-Bewertung: Warum schließt Trade Republic gegenüber dem Rivalen Robinhood auf?

Der gehypte Neobroker Trade Republic hat eine neue Finanzierungsrunde über 250 Millionen Euro abgeschlossen und konnte die Firmenbewertung leicht steigern – trotz einer Krise-Stimmung in der Branche. Wie steht das wichtige Berliner Fintech da?

Nach den schlechten Nachrichten der vergangenen Wochen war die Meldung am Freitagmittag fast wie ein Befreiungsschlag für die deutsche Fintech-Szene. Das Geldanlage-Startup Trade Republic gab eine Finanzierungsrunde über 250 Millionen Euro bekannt, die Bewertung stieg dabei leicht – auf fünf Milliarden Euro. Vor dem Hintergrund der Entlassungswellen bei anderen prominenten Finanz-Startups und der miesen Stimmung unter Startup-Investoren ließ sich jeder Anstieg als ein Erfolg verbuchen. Einstige Fintech-Stars wie Klarna stehen aktuell vor Abwertungen durch ihre Geldgeber, sogenannte Downrounds.

Doch die Erfolgsnews in einer schwierigen Zeit führt nun zu einer sonderbaren Situation: Während das US-Vorbild Robinhood mit grundlegenden Problemen zu kämpfen hat und an der Börse zurzeit noch mit 7,6 Milliarden Dollar (7,2 Milliarden Euro) bewertet wird, nähert sich Trade Republic mit seinem neuen Firmenwert der amerikanischen Firma an. Zur Erinnerung: Vor weniger als einem Jahr brachte es Robinhood an der Börse noch auf 45 Milliarden Dollar Firmenwert – seitdem ging es rasant bergab.

Der Berliner Konkurrent konnte seine Firmenbewertung in diesem Zeitraum hingegen von 4,3 Milliarden Euro auf fünf Milliarden Euro steigern. Ein Wert, der das neu investierte Geld allerdings mit einschließt. Dabei ist Trade Republic zurzeit noch wesentlich kleiner. Es dürfte bei den Kundenzahlen bei schätzungsweise zwischen zwei und drei Millionen liegen. Robinhood bringt es dagegen auf 22,8 Millionen.

Wachstum hält bei Trade Republic an

Schon länger haben sich die öffentlichen Finanzmärkte und die sogenannten privaten Märkte entkoppelt, die Wagniskapitalgeber bezahlen teilweise noch immer höhere Firmenbewertungen als die Geldgeber der börsennotierten Digital-Firmen. Langsam nähern sich die Werte jedoch an. Denn die Market Caps der börsennotierten Firmen gelten als Orientierung für Venture Capitalists. Denn irgendwann müssen die Startups an die Börse gehen oder werden verkauft. Komplett lässt sich der Unterschied also nicht damit erklären. Was könnten weitere Gründe sein?

Das Problem der Analyse: Trade Republic veröffentlicht nur wenige Geschäftszahlen. In der aktuellen Pressemitteilung verzichtet es komplett auf neue Zahlen, die Hinweise zur Entwicklung geben. Letzte kommunizierte Kundenzahl ist „mehr als eine Million“ Kunden und mehr als sechs Milliarden Euro an Vermögen, das das Unternehmen für seine Kunden verwaltet.

Aus der Branche ist jedoch zu hören, dass das Wachstum bei Trade Republic anhält. Die Zwei-Millionen-Kunden-Grenze dürfte das Unternehmen schon längst geknackt haben. Gerade die Expansion in neue Märkte kann zu einem schnellen Wachstum führen. Denn in anderen Ländern ist es einfacher für das Fintech, eine digitalaffine Zielgruppe zuerst zu erreichen. Diese Kundengruppe ist in Deutschland schon stärker abgegrast. Das deutsche Fintech ist mittlerweile in sechs europäischen Märkten aktiv.

Bei dieser Dynamik unterscheiden sich die Rivalen: Robinhood enttäuschte zuletzt bei den Geschäftszahlen. Die Zahl der monatlich aktiven Nutzer sank im Vergleich zum starken Vorjahresquartal auf 15,9 Millionen Nutzer. Mitte des vergangenen Jahres waren es rund fünf Millionen mehr – und auch andere wichtige Kennzahlen wie beispielsweise die Umsätze fielen. Denn Robinhood ist zum einen größer, dabei wird das Wachstum zunehmend schwieriger. Zum anderen ist es von Hypes wie um die Aktie des Computerspiele-Verkäufers Gamestop oder die Spaßwährung Dogecoin abhängig. Eine schrumpfende und gleichzeitig verlustreiche Firma kommt bei allen Geldgebern nicht gut an.

Trade Republic dürfte weiter wachsen und versucht schon länger stärker seine Sparplan-Funktionen in den Vordergrund zu stellen. Eine Funktion, die die Abhängigkeit von Börsen-Hypes kleiner macht. Die schlechten Zahlen des Rivalen können auch ein Signal für den neuen Geldgeber sein: Wir sind besser aufgestellt.

Dreht die Stimmung?

Allerdings: Auch bei Trade Republic wird sich die aktuelle Börsenentwicklung in den Geschäftszahlen bemerkbar machen. Inoffizielle, allerdings von Marktteilnehmern als glaubwürdig etikettierte Handelszahlen der LS Exchange zeigen, dass die Aktivitäten seit Beginn des Jahres abgenommen haben. Es ist der Handelsplatz, über den ein Großteil der Trades des Berliner Startups abgewickelt werden. Anfang des Jahres lag das durchschnittliche Handelsvolumen pro Tag noch bei 263 Millionen Euro und 171.000 Trades. Die Werte sanken im vergangenen Monat immer weiter: auf durchschnittlich 169 Millionen Euro pro Tag an Handelsvolumen und 103.000 Trades. Es handelt sich dabei um den schwächsten Monat seit Oktober 2020 bei der Anzahl und dem niedrigsten Volumen seit September 2021. Jeder Broker ist von den Marktphasen abhängig. Es wird schwierig für das Unternehmen sein, dagegen zu steuern.

Das Fundraising für den Neobroker soll derweil nicht ohne Probleme abgelaufen sein. Ursprünglich visierte das Team um Gründer Christian Hecker eine weitaus höhere Unternehmensbewertung an, wie Deutsche Startups berichtete. Zudem soll ein Geldgeber bei einem Investment-Angebot, das die Firma im Mai diskutierte, eine Mindestverzinsung von „mindestens rund 8 bis 10 Prozent pro Jahr“ gefordert haben, um sein Risiko abzusichern, berichtete das Manager Magazin. Welche Zugeständnisse die Firma im Hintergrund gemacht hat, ist derweil nicht bekannt.

Das Geld gibt Trade Republic nun einen Puffer, sich zu beweisen. Die steigenden Zinsen spielen Trade Republic dabei in die Karten. Bislang war es ein Wettbewerbsvorteil, dass Robinhood das Geld auf den Kundenkontos anlegen konnte und einen kleinen Zins dafür bekam. Durch die Zinswende könnte dies nun auch für das Berliner Fintech ein weiterer Einnahmestream werden. Damit wäre das Startup nicht mehr so abhängig von den Rückvergütungen. Die Europäische Union diskutiert zurzeit ein Verbot des sogenannten „Payment for Orderflow“. Deutschland hat sich allerdings dagegen positioniert. Ob es kommt, ist unklar.

Ein Showdown steht bevor

Auch hat sich Robinhood nie nach Europa getraut – ein Wettbewerbsvorteil für Trade Republic. In einer der Phase der Stärke brach der US-Player die geplante Expansion nach Großbritannien ab. Damals testete das Unternehmen auch den deutschen Markt, wie Finance Forward berichtet. Amerikanische Fintech-Anbieter tun sich traditionell schwer, nach Europa zu kommen.

Doch Robinhood wagt nun einen neuen Anlauf: Es hat den britischen Kryptoanbieter Ziglu für 170 Millionen Dollar gekauft und will damit auch stärker nach Europa expandieren, wie es in einer Mitteilung heißt. Dann werden sich die beiden Unternehmen direkt miteinander messen können.

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