In Berlin müssen sich gerade einige Mitarbeiter auf Jobsuche machen. (Bild: Chris Curry/Unsplash)

Massenentlassungen und skeptische Geldgeber – was droht der Fintech-Szene?

Fast jeden Tag gibt es neue Entlassungen bei bekannten Fintechs, auch in Berlin sind Finanz-Startups wie Klarna, Nuri und Kontist betroffen. Die Geldgeber sind außerdem zunehmend zurückhaltend. Eine Krise – mit Konsequenzen für die ganze Fintech-Szene.

Es beginnt eine neue Zeit. „Ich muss mich erst einmal dran gewöhnen, wieder Due Diligence zu machen“, sagt ein bekannter Berliner Geldgeber. Unter Due Diligence versteht man die sorgfältige Prüfung von Geschäftszahlen, bevor ein Investor mit vielen Millionen auf ein Startup setzt.

Was nach einem Witz klingt, war in den vergangenen Monaten üblich. „Als wir eine Liste mit Fragen zu Unternehmenszahlen an ein großes Startup geschickt haben, hieß es dort: Warum wollt ihr das? Die anderen Geldgeber haben auch ohne diese Details zugesagt“, erzählt der Investor. Milliarden an Dollar flossen weltweit in die Startup-Branche – teilweise innerhalb von Tagen zugesagt, ohne große Prüfung. Bei einer  Finanzierungsrunde des schwedischen Milliarden-Startups Klarna durften nur die größten Investoren überhaupt detaillierte Geschäftszahlen sehen, die anderen lernten lediglich per Video-Call das Management kurz kennen.

Doch damit ist jetzt Schluss. Schon seit Monaten bahnt sich die Krise an, nun schlägt sie voll durch. Mit Klarna hat das größte europäische Finanz-Startup gerade angekündigt, zehn Prozent seiner Mitarbeiter zu feuern. Und weitere prominente Finanz-Startups wie Sumup, Kontist und Nuri haben Entlassungen angekündigt. In den kommenden Monaten dürfte es schwierig werden, Finanzierungsrunden zu hohen Bewertungen einzusammeln. Wie geht es weiter?

Prominentester Mahner aus Deutschland: Oliver Samwer, Chef der Gründerschmiede Rocket Internet und Startup-Urgestein. Bereits im April verschickte er einen Weckruf an die Unternehmen im Rocket-Portfolio, der Capital und Finance Forward vorliegt. „Ich möchte euch nicht erschrecken oder entmutigen“, schreibt er und zeichnet in der E-Mail dann ein Schreckensszenario, das er mit der Finanzkrise von 2008 vergleicht. Sein Schreiben endet mit dem Hinweis, dass man als Unternehmen „höchstwahrscheinlich sterben wird, wenn man Maßnahmen verzögert“.

Samwer mag besonders alarmistisch sein, aber er ist längst nicht der einzige Warner. Investoren berichten, dass sie ihre Portfolios bereits auf mögliche Risikokandidaten durchleuchten. Der legendäre Wagniskapitalgeber Sequoia hat eine umfassende Präsentation zur Situation geschrieben, die mittlerweile öffentlich ist. In den USA, wo sich solche Trends oft schneller entfalten, sind Auswirkungen der Finanzierungsflaute schon in Form von Sparrunden und Entlassungen zu spüren. Nun schwappt die Unsicherheit über den Atlantik.

Nach einem beispiellosen Job-Boom der vergangenen Jahren, wurden innerhalb weniger Wochen in der europäischen Fintech-Szene rund 930 Mitarbeiter gefeuert, wie aus Zahlen des Portals Layoffs.fyi und Finance-Forward-Recherchen hervorgeht. Weitere Entlassungen bei Fintechs werden folgen, prognostiziert der Tech-Experte Philipp Klöckner im Doppelgänger-Podcast. Schaue man sich die Kosten von Klarna an, seien die 700 entlassenen Mitarbeiter noch zu wenig.

Die Gründe für die Krise sind vielfältig: Die steigenden Zinsen führen dazu, dass Tech-Firmen an der Börse abgestraft werden. Zudem hat sich der E-Commerce-Boom abgeschwächt, von dem viele Payment-Player profitierten. Das Interesse am Trading kühlt ab, wie sich in den Geschäftszahlen des US-Players Robinhood zeigt. Die besondere Übertreibung in den vergangenen eineinhalb Jahren macht sich nun durch eine besonders harte Korrektur bemerkbar.

Obwohl die Venture-Capital-Fonds noch gut gefüllt sind, zeigen sich die Investoren seit einigen Monaten immer zurückhaltender, zeigen Daten des Branchendienstes Dealroom, die Capital ausgewertet hat. Während Geldgeber von Oktober bis Dezember 2021 noch 6,5 Milliarden Dollar in deutsche Startups steckten, war es im ersten Quartal nur noch die Hälfte. Einen solch steilen Knick in der Kurve gab es zuletzt Ende 2019, kurz vor der Pandemie. „Im Markt war aber auch jedem klar, dass es nicht jedes Jahr eine Verdreifachung des Finanzierungsvolumens geben wird“, sagt Thomas Prüver, Techexperte und Partner bei der Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY).

Besonders bei größeren Schecks scheinen Investoren risikoscheuer zu werden. Denn: Der Großteil des Finanzierungseinbruchs geht auf eine Flaute bei den Megarunden zurück. Bei Finanzierungsrunden jenseits der 100 Millionen Dollar kamen im Weihnachtsquartal 14 Deals zustande, im ersten Quartal waren es dann nur noch sieben.

Klar: Im historischen Vergleich ist das erste Quartal immer noch das fünfterfolgreichste Quartal aller Zeiten. Auch relativ zum Vorjahreszeitraum liegt es leicht drüber. Doch der volle Effekt wird sich im zweiten Quartal zeigen, da viele der Startup-Geldgeber ihre Strategie erst in den vergangenen Wochen angepasst haben. Noch gibt es Finanzierungsrunden, aber viele sind bereits vor einiger Zeit unter Dach und Fach gebracht worden, wie zum Beispiel beim „Buy now, pay later“-Anbieter Mondu.

Durch die mögliche Funding-Flaute wird es nun für viele Fintech-Startups wichtig, ihr Geld zusammenzuhalten und möglichst lange auszukommen – ohne neue Millionen einsammeln zu müssen. Derweil dürfte sich bei einigen das Geschäft sogar gut entwickeln. Die Zinsplattform Raisin etwa, bekannt unter der Marke Weltsparen, könnte von den steigenden Zinsen profitieren, weil ein Festgeld-Investment dadurch attraktiver wird. Auch Startups, die profitabel gearbeitet haben, stehen in der jetzigen Situation besser da.

Trotzdem ist es wahrscheinlich, dass die Skepsis gegenüber der gesamten Fintech-Kategorie auch weniger betroffene Startups beeinflusst, spätestens wenn sie nach Geldgebern suchen.

Ein Teil des Textes stammt aus dem Capital-Magazin, dort erschien kürzlich die Geschichte „Start-up-Winter“.

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