Das Team von Tokenstreet hat sich bei der Code University kennengelernt (Bild: PR)

Neues Fintech-Angebot Tokenstreet: Traditions-Investor Earlybird finanziert sich über die Crowd

Das junge Berliner Finanz-Startup Tokenstreet will den Zugang zu Wagniskapital-Fonds vereinfachen, ab 100 Euro ist ein Einstieg beispielsweise bei dem N26-Investor Earlybird möglich. Doch die Kleinanleger haben Nachteile gegenüber regulären Geldgebern. Ist das eine ernstzunehmende Anlageform?

Bis heute sind es die Legenden des Silicon Valleys. Zum Beispiel, wie es dem Startup-Finanzier Sequoia gelang, aus seinem 60-Millionen-Investment in Whatsapp einen Gewinn von drei Milliarden Dollar zu machen. Facebook kaufte den Messenger damals. Es sind Wertzuwächse, auf die am Aktienmarkt investierte Kleinanleger stets neidvoll blickten, denn in aussichtsreiche Venture-Capital-Fonds (VC) lässt sich erst ab hohen Summen investieren.

Diesen Markt haben sich nun gleich mehrere Startups vorgenommen. So wie es den Trading-Apps Robinhood oder Trade Republic gelungen ist, neue Anleger an den Aktienmarkt zu holen, wollen diese Startups die VC-Welt jedem zugänglich machen. In Pressemitteilungen ist von einer „Demokratisierung der Assetklasse“ zu lesen. Ein neuer deutscher Anbieter heißt Tokenstreet, der bereits ab 100 Euro ein Investments in die Fonds von Earlybird und IQ Capital ermöglicht. Dahinter steht ein junges Team von Absolventen der Berliner Code University. „Wir glauben, jeder sollte die gleichen Chancen am Kapitalmarkt haben“, heißt es auf der Webseite. Doch ein genauer Blick auf das Angebot zeigt: Noch sind die Chancen nicht gleich.

Zwischen 15 und 25 Prozent Jahresrendite?

Gestartet ist das Fintech als Semesterprojekt. Das war 2020. Schnell sei klar geworden: da ist mehr drin, sagt Mitgründerin Mona Feder. Angel-Investoren gaben rund eine Million Euro an Startkapital, dann entwickelte das junge Team Produkt und App. Earlybird, das bei prominenten Fintechs wie N26, Smava, Payhawk oder dem insolventen Nuri beteiligt ist, und IQ Capital aus Großbritannien öffnen derzeit zur Betaphase ihre Fonds für den Anbieter.

An den Erfolg von Geldanlage-Startups wie Trade Republic wolle das Unternehmen anschließen – und eine junge Zielgruppe erreichen. „Das ist eine für uns relevante Gruppe, die bereits ihr Interesse an Kapitalanlagen unter Beweis gestellt hat“, sagt Feder. Dafür wirbt Tokenstreet mit hohen Renditeversprechen um Privatanleger: Zwischen 15 und 25 Prozent pro Jahr sei das Ziel, heißt es in der App.

An das Geschäftsmodell wagen sich bereits mehrere Anbieter. Die Münchner Investitionsplattform Econos, finanziert von einem Alexander-Samwer-Fonds, bietet ab 100 Euro Investments in Planet A und Worldfund. Bei Inventure gibt es Zugang ab 1.000 Euro in Lemniscap, der beispielsweise in die Krypto-Börse FTX investiert hat.

Die Beteiligungskonstrukte sind dabei kompliziert. Die Tokenstreet-Kunden investieren nämlich nicht direkt in die Fonds, sondern steigen per Schuldverschreibung bei einem sogenannten SPV (Special Purpose Vehicle) ein, über das die Investments in die Fonds wie Earlybird und IQ Capital jeweils zu 50 Prozent gebündelt werden. Das ganze ist mit Token unterlegt, dafür arbeitet das Startup mit dem Münchner Anbieter Tangany zusammen. Nach zehn Jahren wird ein Exit in Aussicht gestellt. Bis zu acht Millionen Euro will das Unternehmen für die beiden Fonds einsammeln, wie den Unterlagen zu entnehmen ist.

Handeln auf dem Sekundärmarkt

Es handelt sich also um ein Fremdkapital-Investment ohne ein Rückzahlungsversprechen. Im Basisinformationsblatt des Anbieters heißt es dazu:„Alle Zahlungen an die Anleger hängen von der Wertentwicklung der einzelnen Zielfonds und des Fondsportfolios insgesamt ab. Sollten sich einzelne Zielfonds und/oder das Fondsportfolio negativ entwickeln, kann es im ungünstigsten Fall zu einer Insolvenz der Emittentin kommen. In einem solchen Fall besteht das Risiko, dass keine Auszahlungen an Sie geleistet werden. Die Anteile unterliegen keiner Einlagensicherung.“

Derzeit liegt die von Tokenstreet erhobene Gebühr bei 0,6 Prozent pro Jahr – das werde sich allerdings zum Ende der Betaphase noch erhöhen, kündigt Feder im Gespräch mit Finance Forward an. Sie solle aber immer bei weniger als einem Prozent liegen. Um die Anteile bereits vor Ende der zehn Jahre handelbar zu machen, arbeitet Tokenstreet an einem Sekundärmarkt, der sich für Anleger nach zwölf Monaten öffnet. Dabei hilft die Token-Infrastruktur. Das bietet Privatanlegern, die vergleichbare Assetklassen mit einer Anlagedauer von rund zehn Jahren noch nicht kennen, mehr Flexibilität.

Doch darin liege auch eine Gefahr, sagt Tech-Aktien-Experte Philipp Klöckner. „Die Performance von VC-Fonds folgt in der Regel einer sogenannten J-Curve.“ Besonders in den ersten drei bis vier Jahren geht es nach unten. Die ersten Startups aus dem Fonds scheitern, während die langfristig guten Wetten noch keine soliden Zahlen schreiben. Einige Privatanleger könne das zu einem vorzeitigen Verkauf treiben. „Sie wissen nicht, dass die starke Performance in den letzten fünf Jahren liegt.“

Das Startup weist auf die mögliche Wertentwicklung hin:

Ein Nachteil gegenüber den sonstigen Geldgebern von Venture-Capital-Fonds, sogenannte Limited Partner, ist für Anleger der Wegfall von Informationsrechten. Durch die Schuldverschreibung müssen die VCs die Tokenstreet-Anleger nicht wie sonst üblich über die Details ihrer Investments aufklären – und auch nicht über die genaue frühere Performance der Zielfonds. „Wir sind uns der Herausforderung bewusst und versuchen an der Stelle, so viel Transparenz zu schaffen, wie es uns möglich ist“, sagt Feder. Wie das konkret aussehen wird, das muss sich zeigen.

Ein neuer Pool an Geldgebern für VCs

Die in Aussicht gestellten 15 bis 25 Prozent Rendite pro Jahr hält Klöckner indes für zu optimistisch. „Die besten Fonds, die in der Regel diese Rendite erreichen, werden es nicht nötig haben, sich an die Crowd zu wenden, um ihre Fonds zu füllen“, sagt er. Wenn VCs die Wahl haben, dann würden sie immer einen Limited Partner bevorzugen. Doch die Zahlen würden auf Renditen basieren, die die Fonds „über mehrere Fondsgenerationen hinweg in der Vergangenheit im Durchschnitt für ihre Investoren erzielt haben, abzüglich eines ,Defensiv’-Abschlags“, sagt Tokenstreet-Gründerin Feder dazu.

Earlybird verspricht sich von dem Konstrukt, die Anlageform Venture Capital der breiten Masse zugänglich zu machen. „Besonders unsere Wachstumsfonds werden künftig deutlich größer, da wollen wir natürlich auch unseren Pool an Geldgebern ausbauen“, sagt Gründungspartner Christian Nagel. Außerdem sei es eine gute Möglichkeit für die hiesige Branche, zu wachsen. „In den USA kommen zwei Drittel des VC-Geldes von Pensionsfonds und Stiftungen, das haben wir in Deutschland nicht.“ Es sei also an der Zeit, Alternativen zu finden. Tokenstreet ist dafür ein solider Testballon.

Bei Earlybird handelt es sich um den Earlybird Growth Opportunities V, der Geld über Tokenstreet einsammelt. Der Fonds schießt Geld bei bereits vorhandenen Wetten des Investors nach, in dem Fall sind es das Fintech Upvest und das Versicherungs-Startup Getsafe. Es handelt sich nicht um den Hauptfonds, mit dem Earlybird seine Frühphasen-Wetten finanziert. Das mag das Ausfallrisiko verkleinern, doch die Wertsteigerungen wie aus den Legenden des Silicon Valleys wird es sehr wahrscheinlich auch nicht mehr geben.

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