Revolut, Nubank und Klar haben jeweils ein Büro in Berlin (Bild: Jamie Hunt/unsplash)

Warum es Banking-Startups aus aller Welt nach Berlin zieht

Berlin ist nicht nur für deutsche Startups ein wichtiger Standort. Internationale Fintechs eröffnen mittlerweile ihre Tech-Hubs in der Hauptstadt – auch solche, die gar keine deutschen Kunden gewinnen wollen. Warum?

Die deutschen Kunden sind ihnen erst einmal egal – und doch zieht es internationale Fintechs zunehmend nach Berlin. Schon vor drei Jahren eröffnete der südamerikanische Fintech-Star Nubank ein Entwicklerbüro in der Stadt. Andere Finanz-Startups sind dem Beispiel gefolgt, um wichtige Tech-Talente zu finden.

Die Neugründung „Klar“ geht dabei einen radikalen Schritt: Das mexikanische Startup beschäftigt die Hälfte seiner 60 Mitarbeiter in Berlin, unter ihnen auch der Technikchef Vijay Nayar. Der ehemalige N26-Mitarbeiter glaubt bei der Suche nach guten Entwicklern an die Magnetwirkung  der Stadt.

Einhörner holen die Talente

Der mexikanische Gründer Stefan Möller, der deutsche Vorfahren hat, ist im vergangenen Jahr mit dem Fintech Klar gestartet. Der ehemalige Bain-Berater will in Mexiko ein Banking-Startup aufbauen, dessen Konto sich vor allem per App managen lässt. Er will damit den Erfolg von Nubank in Brasilien und N26 in Berlin nun auch in Mexiko wiederholen. Marketing und Kunden-Support macht Möller mit seinem Team vor Ort, das gesamte Produkt entsteht in Berlin.

Es ist eine Stadt, die Finanz-Startups wie N26, Raisin oder Solarisbank hervorgebracht hat. Große europäische Fintechs wie Revolut und Klarna haben in den vergangenen Jahren große Entwicklerzentren aufgebaut. Klarna plant für dieses Jahr sogar mit 500 Mitarbeitern. In Berlin sind zudem einige Startups entstanden, die mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet sind, sogenannte Einhörner.

„Mexiko hat kein einziges Startup mit Einhorn-Status“, sagt der Klar-Gründer Stefan Möller im Gespräch mit Finance Forward. Es gebe auch kein einheimisches Startup, dessen Produkt zehn Millionen Kunden verwenden – in einem Land mit immerhin 126 Millionen Einwohnern. „Hier ist kein richtiges Ökosystem von Tech-Talenten entstanden, die bereits Erfahrung darin haben, erfolgreiche Produkte zu entwickeln.“ Das läge unter anderem daran, dass im Nachbarland USA das Silicon Valley eine immense Sogkraft für Talente habe. Dort locke mitunter ein sehr viel höheres Gehalt, gute Arbeitskräfte blieben somit selten in Mexiko.

Die Nähe zu N26 spielt eine Rolle

In Berlin bekomme er die richtigen Leute, sagt Möller – für ein angemessenes Gehalt. Sehr viel weniger als im Silicon Valley, aber gleichzeitig teurer als in Mexiko. Das zahle sich jedoch aus: „Berlin bietet das einzige Ökosystem für Startups, das mit dem Silicon Valley mithalten kann.“ Sein Technikchef, Vijay Nayar, könne besser mit 15 guten Entwicklern in Berlin zusammenarbeiten als mit 150 mittelmäßigen Fachkräften in Mexiko, die in der Summe genauso viel kosten würden, sagt er. „Hier haben viele bereits bei erfolgreichen Startups Erfahrung gesammelt.“

Die Nähe zu N26, das seinen Hauptsitzt in der Stadt hat, spielt sicherlich auch eine Rolle. Es kursiert die Geschichte, dass einige Konkurrenten vor allem wegen der Challengerbank ihre Büros in Berlin eröffnet haben, um gute Leute abzuwerben.

Nayar kommt aus den USA, er kennt die dortigen Arbeitsverhältnisse. Startup-Mitarbeiter würden den starken Kontrast zunehmend erkennen, den das deutsche Arbeitsrecht dazu ausmache. „Die Arbeitgeber müssen das Gesetz respektieren“, sagt er. In den USA sei es zum Beispiel üblich, dass Unternehmen sogenannte Schiedsvereinbarungen in die Arbeitsverträge schreiben. Mit denen sei es nicht möglich bei einer Kündigung zu klagen. Gute Arbeitsbedingungen werden in Startups immer wichtiger, das zeigt auch der jüngste Fall bei N26, bei dem Mitarbeiter einen Betriebsrat gründen wollen. „Die hohen Standards zeichnen den deutschen Arbeitsmarkt aus“, sagt der Chief Technology Officer. Es würde weitere gute Leute anziehen.

„Top-Mitarbeiter wollten nach Berlin ziehen“

Die Sogkraft Berlins zeigt sich auch am Beispiel Nubank, das mit mehr als zehn Milliarden Dollar bewertet wird. „Wir hatten bei Nubank Top-Mitarbeiter, die nach Berlin ziehen wollten – und denen sagten wir: Wir wollen euch nicht verlieren. Helft uns in Berlin unseren Tech-Hub aufzubauen“, sagte Mitgründer David Vélez im Interview mit Finance Forward.

Zudem gebe es „viele gute brasilianische Programmierer in Berlin“, allein bei N26 seien 20 Prozent Brasilianer. Es plant nicht, in naher Zukunft Europäern Konten anzubieten. Trotzdem hat das brasilianische Fintech 2017 einen Tech-Hub mit etwa 25 Mitarbeitern in Berlin eröffnet, seither ist das Team weitergewachsen.

Nubank und Klar bauen keine Produkte, die für deutsche Kunden besonders interessant sein dürften. Dafür sind die Bedürfnisse der Bankkunden zu unterschiedlich. Klar richtet sich vor allem an Menschen, die bislang noch kein Konto besitzen. Mit der einfachen Banking-App können sie sich zum Beispiel das Gehalt früher auszahlen lassen oder Kredite beantragen.

Klar will das Team verdoppeln

Das Startup besitzt eine mexikanische Banklizenz. Und konnte schon zum Start viel Geld einsammeln. Sieben Millionen Dollar erhielt Klar in der Seed-Finanzierung im vergangenen Jahr und weitere 50 Millionen Dollar an Fremdkapital, um die Kredite stemmen zu können. Etwa 160.000 Kunden hat er in den vergangenen zwölf Monaten damit gewonnen. „Das ist ein ganz anderer Markt als der deutsche“, sagt er.

Doch Berlin wird auch weiterhin „das Herz seines Unternehmens“ bleiben. Klar sei kurz davor, eine Series-A-Finanzierungsrunde einzusammeln, sagt Möller. Nach der Seed-Runde soll noch diesen Herbst nachgelegt werden. Ein großer Teil des Kapitals werde in den Ausbau des Berliner Büros fließen. Die Zahl der Mitarbeiter soll sich hier im kommenden Jahr verdoppeln.

Der mexikanische Klar-Gründer Stefan Möller hat deutsche Vorfahren (Bild: PR)
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