Jack Ma liebt die Show. 2019 feierte er den 20. Firmengeburtstags (Bild: imago images / VCG)

Ant Financial plant Fintech-Fonds in Berlin

Exklusiv: Trotz abgesagtem Börsengang und Konflikten mit der eigenen Regierung expandiert das chinesische Super-Fintech Ant Financial weiter: Nun bereitet es einen europäischen Startup-Fonds vor – mit Sitz in Berlin. 100 Millionen Dollar sollen zusammenkommen.

Seine Rede am 24. Oktober 2020 könnte als die teuersten 20 Minuten in die Finanzmarkt-Historie eingehen: Für jede Minute, die Jack Ma sprach, verlor sein Online-Händler Alibaba 12,8 Milliarden Dollar an Wert, wie ein Financial-Times-Journalist vor wenigen Tagen errechnete.

Der Tech-Unternehmer hatte bei seinem Auftritt die staatlichen Banken als wenig innovativ kritisiert. Der darauf folgende Streit mit der Regierung führte dazu, dass die zweite Gründung von Jack Ma, das Fintech Ant Financial, seinen Rekordbörsengang über angepeilte 37 Milliarden Dollar absagen musste. Präsident Xi Jinping soll laut Financial Times die Entscheidung persönlich gefällt haben. Zurzeit wird über den Verbleib von Ma spekuliert, der seit einigen Monaten nicht mehr öffentlich aufgetreten ist. Er sei in China und halte sich bedeckt, zitiert die Wirtschaftszeitung einen Freund.

Davon unbeeindruckt arbeitet das Fintech-Imperium nach Informationen von Capital und Finance Forward derweil an einem europäischen Startup-Fonds. Die Vorbereitungen dafür laufen bereits seit Monaten.

700 Millionen Menschen nutzen Alipay regelmäßig

Ant Financial will sich künftig verstärkt an hiesigen Finanz-Startups beteiligen. Die gut vernetzte Managerin ­Jasmine Zhang sucht in Berlin nach einem Führungsteam für den Fonds. 100 Millionen Dollar sollen laut Brancheninsidern zusammenkommen, einen Teil werde Ant Financial beisteuern, weitere Gelder sollen von anderen Investoren kommen, heißt es von Brancheninsidern. Im Fokus stehen die Blockchain-Technologie und Fintech-Geschäftsmodelle. Das Unternehmen und Zhang wollten sich dazu nicht äußern.

Lange Zeit galt die Firma als globaler Tech-Superstar, Ant Financial hat das äußerst erfolgreiche chinesische Bezahlsystem Alipay entwickelt. Nach eigenen Angaben verwenden 700 Millionen Menschen die App regelmäßig, etwa die Hälfte der chinesischen Bevölkerung, 80 Millionen Händler sind angebunden. Mit Alipay lässt sich nicht nur bezahlen, sondern auch ein Taxi bestellen oder ein Platz im Kino reservieren. In Europa kann mit der App ebenfalls bezahlt werden, zum Beispiel im Kaufhaus Breuninger oder am Flughafen München. Allerdings richtet sich das Angebot vor allem an chinesische Touristen.


Jack Ma vs. Xi Jinping: die Zukunft der Privatwirtschaft in China

Der Unternehmer Jack Ma ist seit längerer Zeit nicht mehr öffentlich aufgetreten. Zwischen ihm und der Kommunistischen Partei spielt sich ein Kräftemessen ab, dessen Ausgang entscheidend für die Zukunft der chinesischen Wirtschaft sein könnte.

Die ganze Geschichte über das Zerwürfnis könnt ihr hier auf Capital+ lesen.


Statt unter eigener Marke stärker zu expandieren, beteiligte sich Ant Financial außerhalb von China an ähnlichen Geschäftsmodellen. Im vergangenen März verkündete der große Payment-Konzern Klarna, dass die chinesische Firma eingestiegen sei. Worldfirst aus Großbritannien ist ein weiteres Investment. Und bei vielen asiatischen Fintechs ist Ant ebenfalls in großem Stil investiert. Der chinesische Tech-Konzern sei bei knapp der Hälfte aller aussichtsreichen digitalen Wallets auf der Welt bereits an Bord, berichteten Ant-Manager kürzlich stolz im Gespräch mit einem Geschäftspartner.

Der Tech-Konzern experimentiert mit Blockchain

In Europa eifern die Fintechs zunehmend den Super-Apps Alipay und Wechat nach. Für Ant Financial und den neuen Fonds könnten die Startups attraktive Investments sein. Zudem investiert die Firma schon länger in Blockchain-Projekte. Unter der Marke Antchain experimentiert sie mit konkreten Anwendungsfällen, etwa der Überwachung von Lieferketten. Der neue Fonds soll nach Informationen von Finance Forward und Capital verstärkt Blockchain-Ideen in den Blick nehmen. Gerade in Berlin gibt es eine umtriebige Szene.

Durch den aktuellen Konflikt mit der chinesischen Regierung soll sich der Zeitplan des Fonds verzögert haben. Aktuell wird über eine Zerschlagung des Unternehmens diskutiert. Zurzeit sieht es danach aus, als müsse sich der Konzern neu sortieren und werde in Zukunft stärker reguliert, heißt es in dem Bericht der Financial Times.

Mehr Informationen zu den chinesischen Super-Apps:

  • Im Podcast sprach der Berliner Gründer Fabian Spielberger kürzlich über die Macht der chinesischen Fintechs.
  • Auch Ant-Konkurrent Tencent, der hinter Wechat steht, ist in Europa aktiv. Vor wenigen Tagen investierte der Konzern beim Frankfurter Versicherungs-Startup Clark.
  • Was hat Jack Ma genau gesagt? Ein Transkript der Rede gibt es übersetzt auf dem Blog Interconnected.
  • Ein Unternehmenslenker als Filmstar: Jack Ma ist vor einiger Zeit in einem Ku-Fu-Streifen aufgetreten.
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