Die Suche nach neuen Vorständen läuft. CEO Markus Braun und sein Finanzchef Alexander von Knoop (Bild: imago images/Sven Simon).

Wirecard unter Druck: Wer könnte in den Vorstand einziehen?

Der angeschossene Zahlungsdienstleister Wirecard hat angekündigt, seinen Vorstand zu erweitern – CEO Markus Braun verliert an Macht. Doch die Suche nach neuen Managern dürfte sich für den Dax-Konzern schwierig gestalten. Wer könnte passen?

Die Ad-hoc-Meldung von Freitagnachmittag war als Befreiungsschlag geplant. Wirecard, der seit Monaten unter dem Verdacht der Bilanzmanipulation stehende Aschheimer Payment-Konzern, kündigte als Reaktion auf die massive Kritik an, seinen Vorstand zu erweitern. Seither stellen sich Mitarbeiter die Frage: Welche neue Führungskraft könnte die Zukunft des Zahlungsdienstleisters gestalten, sich vielleicht sogar für die langfristige Nachfolge von CEO Markus Braun warmlaufen? Laut Handelsblatt gibt es bereits eine Shortlist mit geeigneten Kandidaten, laut Unternehmen spreche der Aufsichtsrat bereits mit „erfahrenen Managerpersönlichkeiten“.

Die Suche nach dem zukünftig richtigen Spitzenpersonal ist eine der aktuell wichtigsten Aufgaben von Wirecard – und eine der schwierigsten. Die Nachrichten der vergangenen Tage dürften sie nicht einfacher gemacht haben. Gestern wurde bekannt, dass die Anlegerkanzlei Tilp in Deutschland Klage gegen Wirecard eingereicht hat, zusätzlich untersucht die Finanzaufsicht Bafin das Unternehmen verstärkt. Seit Ende März stehen der Payment-Anbieter und sein CEO Markus Braun unter großem Druck: Weil ein Bericht der Wirtschaftsprüfer KPMG die Vorwürfe zu Bilanztricksereien nicht ausräumen konnte, rauschte der Börsenkurs ab. Umbau und Erweiterung des Vorstands sollten die Kritiker aber fürs Erste beruhigen.

Wie es heißt, fahnden Headhunter bereits nach geeigneten Kandidaten für die beiden offenen Vorstandsposten. Gesucht wird ein Chief Operating Officer (COO): ein mächtiger Managementposten, der das operative Geschäft, Personalwesen und die Tochtergesellschaften verantworten soll. Der zweite neue Posten wird ein Vertriebsvorstand sein, ebenfalls eine wichtige Aufgabe.

Vor allem in der Paymentbranche oder bei Tech-Konzernen wie Google oder Facebook suche Wirecard nach Kandidaten, heißt es von einem Brancheninsider. Der Kreis der Payment-Unternehmen ist relativ klein und gut vernetzt, viele kennen sich seit Jahren. Mit Managern des französischen Anbieters Ingenico habe es zum Beispiel bereits vor Längerem Gespräche über einen Wechsel zu Wirecard gegeben, heißt es von dem Branchenexperten – doch dann wurde das Unternehmen von Wordline für 8,6 Milliarden US-Dollar geschluckt.

Ein weiterer Konkurrent, bei dem sich Kandidaten finden, ist das niederländische Unternehmen Adyen. Doch die Firma gilt als großer europäischer Hoffnungsträger, an der Börse ist sie mittlerweile dreimal so hoch bewertet wie Wirecard. Es dürfte in der jetzigen Situation schwierig sein, dort eine Person aus dem Top-Management abzuwerben. „Viele in der Branche haben außerdem Wettbewerbsklauseln in ihren Verträgen“, heißt es aus der Geschäftsführung eines bekannten Payment-Anbieters. Die Manager könnten nicht einfach zur Konkurrenz gehen.

Davon wären Vertreter der Big Techs nicht betroffen. Aber: „Die Leute von den Tech-Konzernen haben wahrscheinlich Bedenken, dass ihre Reputation bei Wirecard Schaden nehmen könnte“, sagt jemand aus der Szene. Zudem haben amerikanische Tech-Konzerne in Europa kaum eigene starke Manager aufgebaut. Einer der wenigen bekannteren Namen ist Martin Ott. Er verantwortete jahrelang für Facebook das Europageschäft und wechselte dann zum Coworking-Anbieter Wework, der kurz nach seinem Einstieg in die Krise stürzte. Ott hat tatsächlich auch eine Payment-Vergangenheit – fünf Jahre lang leitete er den Bezahldienst Skrill. „Er hat außerdem gute Kontakte bei Wirecard“, sagt jemand, der sein Umfeld kennt.

Doch will er wirklich nach Aschheim? Und würden wichtige Gesellschafter diese Personalie abnicken? Schließlich könnten sie befürchten, dass Softbank durch Ott versuchen könnte, seinen Einfluss bei Wirecard zu vergrößern. Der japanische Konzern ist der wichtigste Geldgeber von Wework und auch bei Wirecard investiert.

Der künftige COO brauche „Kredibilität“ sowie bestenfalls Führungserfahrung in einem börsennotierten Unternehmen, sagt ein langjähriger Payment-Manager. Aus der Branche müsse er nicht zwangsläufig kommen. Anders sehe es mit dem neuen Vertriebschef aus. „Für den Posten könnte ich mir vorstellen, dass ein Top-Vertriebler von SAP oder Microsoft geeignet ist“, sagt er.

Klar ist, dass die Suche schwierig wird. Zusätzlich wird der Verlauf der kommenden Wochen die Kandidatensuche beeinflussen. Wirecard steht zudem unter Zeitdruck, in wenigen Wochen sollen die Jahreszahlen präsentiert werden, Anfang Juli ist die Hauptversammlung – und in dieser Zeit sollte möglichst ein Kandidat präsentiert werden, sagt ein Branchenkenner. Wie die Suche läuft, ist derweil unklar. Zu mehreren wichtigen Aktionärsvertretern sind Details zu Gesprächen und Kandidaten bislang noch nicht durchgedrungen.

Mitarbeit: Birgit Haas

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