Die Wirecard-Zentrale in Aschheim (Bild: imago images / Future Image)

Wirecard-Insolvenzverfahren eröffnet – 730 Mitarbeiter und verbleibende Vorstände gekündigt

Das Amtsgericht München eröffnet das Insolvenzverfahren für die Wirecard AG und die weiteren Tochterunternehmen. 730 Mitarbeiter müssen gehen – knapp 600 Beschäftigte aber dürfen bleiben, teilt Insolvenzverwalter Michael Jaffé mit.

Dass im Hintergrund gerade etwas passiert, deutete sich schon gestern Abend an: In einer Mail stellte das Wirecard-Management zahlreiche Mitarbeiter mit sofortiger Wirkung frei. Nur Stunden später wurde nun das Insolvenzverfahren vom Amtsgericht München eröffnet – wie schon bekannt, übernimmt der erfahrene Anwalt Michael Jaffé offiziell das Ruder.

„Die Cash-Burn-Rate bei Insolvenzantragstellung war enorm, so dass dringender Handlungsbedarf besteht“, teilt Jaffé mit. „Das Unternehmen hatte Ressourcen für ein nur vermeintliches Wachstum aufgebaut und mit dem Erwerb zahlreicher Gesellschaften, deren Integration nicht oder nur schleppend betrieben wurde, erhebliche Überkapazitäten geschaffen.“ Dies habe zu einem Missverhältnis zwischen den „vorhandenen und benötigten Ressourcen“ geführt.

Mit Eröffnung des Insolvenzverfahren läuft auch das Insolvenzgeld aus – das Unternehmen müsse nun wieder selbst Geld erwirtschaften, so Jaffé. Trotz schlechter Ausgangslage („keine Liquidität“) sei es gelungen, das „laufende Geschäft zu stabilisieren und die Basis für eine weitere Fortführung zu schaffen“, heißt es weiter.

Wie von vielen Mitarbeiter befürchtet, sind die Einschnitte hart: 730 Mitarbeitern wird gekündigt, auch die verbleibenden Vorständsverträge werden insolvenzbedingt beendet. Die Staatsanwaltschaft München hatte zuletzt Ermittlungen gegen die beiden aus der Ära von Ex-CEO Markus Braun verbliebenen Vorstände Susanne Steidl und Alexander von Knoop wegen mutmaßlicher Untreue aufgenommen.

Der Insolvenzverwalter kündigte an, dass 570 Mitarbeiter im Unternehmen verbleiben sollen: 350 in den insolventen Gesellschaften und 220 in der Wirecard-Bank, die noch keine Insolvenz angemeldet hat. Gerade laufen Verhandlungen, das Kerngeschäft in Deutschland zu verkaufen; andere Landesgesellschaften haben bereits Käufer gefunden.

Im Unternehmen herrscht seit gestern eine gedrückte Stimmung. Zusätzliche Verunsicherung lieferte heute Mittag ein Vorgesetzter, der seinen Angestellten per Mail erklärte, er habe die Freistellungs-Mail von gestern Abend an seine Mitarbeiter in der Wirecard-Tochter Global Sales nicht verschickt, obwohl sein Name unter der Mail stand. Sein Name sei „missbraucht“ worden, klagt der Manager. Die Mail von heute Mittag liegt Finance Forward vor.

Unterdessen wollen die Mitarbeiter weiter kämpfen. Heute Mittag fanden die Betriebsversammlungen mehrerer Gesellschaften statt, die einen Betriebsrat wählen wollen, um sich für Rechte der Mitarbeiter in dieser Krise einzusetzen. Etwa 130 Mitarbeiter seien insgesamt zu den Versammlungen bekommen, berichten Beteiligte.

Gleichzeitig kündigte der Insolvenzverwalter an, die Aufklärung voranzutreiben: „Die Prüfung etwaiger, aus unerlaubten Handlungen oder Pflichtverletzungen resultierender Haftungsansprüche wird jedoch angesichts des enormen Umfangs der zu prüfenden Daten und Zahlungsvorgänge noch einige Zeit in Anspruch nehmen.“ Er wolle „erfolgversprechenden und werthaltigen Schadenersatzansprüchen“ nachgehen, so Jaffé.

Hinweis: Die Zahl der Mitarbeiter bei den Betriebsversammlungen wurde nachträglich ergänzt.

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