Wirecard stellt über Nacht einige Mitarbeiter frei – ohne weitere Bezahlung (Bild: imago/Sven Simon)

Wirecard stellt zahlreiche Mitarbeiter frei

Exklusiv: Ein Teil der Wirecard-Belegschaft ist ab sofort ohne Vergütung freigestellt. Mehrere hundert Beschäftigte sollen betroffen sein, heißt es von Insidern.

Am Montagabend um halb acht bekamen viele der verbliebenden Mitarbeiter bei Wirecard eine E-Mail, vor der sie sich seit Wochen gefürchtet haben. „Freistellung von der Arbeitsleistungspflicht“, hieß es schon im Betreff des Schreibens, das Finance Forward vorliegt. Bislang ist unklar, wie viele der mehr als 1.000 Mitarbeiter in Aschheim ab Dienstag keine Arbeit mehr haben. Doch laut Insidern dürfte es eine dreistellige Zahl der Beschäftigten betreffen, von der Hälfte der Mitarbeiter ist bereits die Rede. Eine Wirecard-Sprecherin wollte sich dazu nicht äußern.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi kritisiert den Schritt scharf. „Ich finde es schäbig, ohne Vorwarnung abends so eine Mail zu verschicken“, sagt Gewerkschaftssekretär Kevin Voss. Schon in den vergangenen Wochen hätte das Management des Unternehmens, das in einen internationalen Bilanz-Skandal verwickelt ist, mit „offenen Karten spielen können“, so Voss.

Auch die Vergütung wird ausgesetzt

In wenigen Tagen wird das Insolvenzverfahren für die Wirecard-Unternehmen eröffnet, bis auf die eigene Bank haben alle Gesellschaften Insolvenz angemeldet. Es laufen bereits Verhandlungen mit Interessenten, die Teile von Wirecard kaufen wollen. Die Landesgesellschaften in Großbritannien und Brasilien sollen einen Käufer gefunden haben. Zu den Firmen, die sich für Unternehmensteile des Kerngeschäfts interessieren, gehören etwa die spanische Bank Santander und der US-Konzern Paypal, wie Finance Forward berichtete.

Viele Mitarbeiter haben bereits damit gerechnet, dass für sie Ende August Schluss ist. Denn es wird wahrscheinlich nur ein Teil des Unternehmens verkauft. „Viele der Töchter haben keinerlei Assets, selbst die Büropflanzen waren geleast“, sagte ein Mitarbeiter.

Dass Wirecard sie wenige Tage vor Monatsende „unwiderruflich freigestellt“, kommt jedoch überraschend. Auch Geld erhalten sie ab Dienstag nicht mehr. „Eine Fortzahlung Deiner Vergütung für die Zeit ab dem 25.08.2020 ist zulasten der Insolvenzmasse nicht möglich“, heißt es in der Mail. Ob die betroffenen Mitarbeiter ihr Insolvenzgeld für August noch bekommen, ist bislang unklar. Im Gegensatz zu einer Kündigung bleibt bei einer Freistellung das Arbeitsverhältnis bestehen. Die Mitarbeiter haben weiter ein Anrecht auf Gehalt, theoretisch können sie versuchen, sich dieses Geld aus der Insolvenzmasse zu holen.

Will das Management kurz vor der Betriebsratswahl verunsichern?

Von den Freistellungen betroffen sollen vor allem Mitarbeiter der Tochter Wirecard Global Sales und Wirecard Technologies sein. In diesen Gesellschaften soll am Dienstagmorgen bei einer Betriebsversammlung ein Wahlvorstand bestimmt werden, der erste Schritt auf dem Weg zu einem Betriebsrat. „Es ist nicht auszuschließen, dass das Management die Mitarbeiter kurz vor der Betriebsratswahl verunsichern will“, sagt Kevin Voss von Verdi. Die Betriebsversammlung werde trotzdem stattfinden. Es reicht, wenn ein wahlberechtigter Mitarbeiter erscheint. Eines ist sicher: Die Stimmung wird am Boden sein.

Ein Teil der Freistellungs-Mails ist auch von der verbliebenden Produktvorständin Susanne Steidl unterschrieben. Die 50-Jährige ist mittlerweile in den Fokus der Staatsanwaltschaft München gerückt. Laut dem Handelsblatt ermittelt die Behörde wegen mutmaßlicher Untreue gegen die Vorstände Steidl und den Finanzchef Alexander von Knoop. Die beiden sollen weiter ins Büro kommen, berichten Beteiligte. Es ist umstritten, dass die beiden von ihren Ämtern noch nicht abberufen wurden. Der ehemalige CEO Markus Braun sitzt seit einigen Wochen in Haft.

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