Die Tomorrow-Gründer Jakob Berndt, Inas Nureldin und Michael Schweikart (v.li.) © VIERTEL/VOR Magazin, Marcus Werner

Was will „Tomorrow“? Die Nachhaltigkeits-Banker Jakob Berndt & Inas Nureldin im FinanceFWD-Podcast

Smartphone-Banken, Robo-Advisor und Co.: Geld lässt sich mittlerweile einfach smart anlegen. Aber ist das dann auch nachhaltig? Dieser Frage sind der Lemonaid-Erfinder Jakob Berndt, Inas Nureldin und Michael Schweikart – allesamt Gründer mit Nachhaltigkeitsdrang – nachgegangen. Weil sich nichts Passendendes fand, machten sie’s kurzerhand selbst. Nun stehen schon Tausende Nutzer Schlange, um bei der ersten smarten, nachhaltigen Bank dabei zu sein: Tomorrow. Im FinanceFWD-Podcast erzählen die Hamburger, wie man 2018 ein Geldhaus gründet, wo man sich von N26, Revolut und Co. absetzen will und warum es einen Wertewandel in der Finanzbranche braucht.

„Zugegeben: Wenn ich Freunden und Bekannten auf Partys erzähle, dass ich jetzt mit Kollegen eine Bank gründe, ernte ich schon verdutzte Blicke“. Jakob Berndt ist sich bewusst, dass er mit dem „gemeinen Banker“ so gar nichts gemeinsam hat. Schlichte schwarze Cap, weißes Shirt, Jeans. „So sieht also ein Bankgründer aus“, frage ich mich, als ich ihn und Co-Gründer Inas Nureldin zum Podcast in der Hamburger Schanze treffe. Aber vermutlich ist das schon Teil der Mission. Anders sein. „Wir machen Bank anders: technologisch, wertetechnisch und auch, was den Dialog mit den Kunden angeht“, erklärt Nureldin den Tomorrow-Ansatz. „Der Banken- und Finanzmarkt ändert sich massiv. Er sortiert und erfindet sich technologisch neu“, so Berndt im FinanceFWD-Podcast. „Das Feld wird neu sortiert, allerdings vor allem technologisch. Was dieser Markt aber auch ganz dringend braucht, ist ein Wertewandel.“

Inas Nureldin ergänzt: „Die Frage, die sich immer mehr Menschen stellen: Was bewirkt mein Geld überhaupt? Es gibt seit vielen Jahrzehnten Nachhaltigkeitsbanken, die tolle Arbeit machen – aber aus der Nische nie rausgekommen sind. GLS, Umweltbank, Triados usw..“ Gleichzeitig stellen „smarte Banken“ wie Revolut oder N26 gerade unter Beweis, dass Banking auf dem Smartphone funktionieren kann. „Unsere Idee ist es, dieses Momentum zu nutzen: Viele, vor allem junge Menschen, überdenken gerade ihren Finanzalltag. Denen wollen wir als erster Anbieter eine technologisch ausgereifte, zeitgemäße, coole Alternative zu ihrer Bank bieten, die aber dieses Nachhaltigkeitsversprechen mitbringt.“

„Es war Zeit für was Neues“

Nachhaltigkeit ist bei den drei Neu-Bankern scheinbar tief in der unternehmerischen DNA verwurzelt. Berndt hat vor zehn Jahren mit Freunden Lemonaid und Charitea gegründet, mittlerweile eine der bekanntesten FairTrade-Marken Deutschlands, mit etlichen Millionen Euro Umsatz. Nureldin gründete vor zehn Jahren ein Software-Unternehmen, Muddy Boots, das Lieferketten-Transparenz in globalen Wertschöpfungsketten ermöglicht. Zu seinen Kunden zählten Unilever und andere Top-Konzerne. Schweikart kommt aus der Unternehmensberatung und hat zuletzt „jobs4refugees“ mit aufgebaut und -geführt. Eine Plattform, die Geflüchteten den Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt ermöglicht. Kurzum: Da wollen nicht drei Banker die Nachhaltigkeitswelle reiten, sondern drei erfolgreiche Gründer mit Nachhaltigkeitsdrang etwas im Finanzsektor bewegen.


„Es war der Punkt gekommen nach zehn Jahren, da war es einfach Zeit für was Neues“, erklärt Nureldin. „Wir hatten große Lust, etwas Neues zu gründen. So hatte ich bis dato mit Nachhaltigkeitsthemen zu tun, war aber davon abhängig, was die Kunden diktiert haben.“

„Nachhaltige Finanzen aus der Nische holen“

Schnell kam die Frage auf: Worin investiert man das Geld aus früheren Unternehmungen? Und: „Wie kann man Geld smart anlegen“, so Nureldin. „Der ganze Hype mit ETFs, Robo Advisor usw.. Erstmal super, dass man das relativ easy umsetzen kann. Aber dann kam der Gedanke: Was steckt eigentlich dahinter? In so einem ETF ist von Rüstungskonzernen über Kinderarbeit bis zu Kohlekraft alles dabei.“ Eigentlich wolle man doch in eine Zukunft investieren, in der man gerne selbst leben möchte. „Das war der Auslöser. Da gab es Nischenprodukte, aber alles kaum transparent und nicht einfach zugänglich. So fing es an: mit der Idee einer Geldanlage. Aber schnell war klar: Der Zugang muss anders erfolgen. Alltagstauglicher. Über das Smartphone also. Wollten mehr: nicht nur Anlage, sondern Ökosystem.“

Dieses Ökosystem nennen die drei Gründer: Tomorrow. Nach eigenen Angaben ein „nachhaltiges Girokonto fürs Smartphone“. Etwas despektierlich nennt die Presse das auch „das N26 für Ökos“. Dabei ist „Öko“ im Jahr 2018 wohl etwas zu kurzgegriffen und Nachhaltigkeit für viele Menschen zunehmend ein wichtiger Faktor bei Kaufentscheidungen – nur noch nicht beim Geld selbst: „Wir glauben, es gibt viele, die sich der Wirkung ihres Geldes noch nicht ganz bewusst sind“, so Berndt. Das liegt vielleicht auch an den Barrieren. „Wir sind überzeugt davon, das Thema nachhaltige Finanzen aus der Nische rauszuholen zu können“, erklärt Berndt. „Das können wir besser als die aktuellen Akteure. Wir holen die Leute von 20 bis Mitte 40 ab. Wir sorgen dafür, dass es cool ist. Und hintenraus stellen wir sicher, dass das Geld an der richtigen Stelle ankommt.“

Knapp 4000 Nutzer stehen schon auf der Warteliste

Das Ergebnis mutet erstmal an wie ein Hybrid aus einer Smartphone-Bank, wie etwa N26 oder Revolut, und einer „grünen“ Geldanlage, wie man es von einer GLS oder Triados kennt. „Es geht ja auch darum, wo unser Potenzial am besten aufgehoben ist. Wir wollen gerade vor allem ein zeitgemäßes Produkt rausbringen und eine App, die Spaß macht. Wir verbinden das mit einem Design und einer Tonalität, die einfach viel mehr Leute, für die das bisher zu verstaubt und komplex war, abholt. Das ist unsere Mission.“

Für diese Mission haben sich mittlerweile schon viele Freiwillige gefunden: „Wir haben eine Warteliste, auf der sind knapp 4000 (Anm.d.Red.: Stand Anfang August 2018) Menschen“, erklärt Nureldin. Zahlen, von denen eine ottonova nach einem Jahr intensiven Marketings nur träumen kann. „Die Resonanz sei enorm.“ Im September soll dann nach einer Beta-Phase der offizielle Start erfolgen. „Perspektivisch denken wir das Thema schon groß“, meint Berndt. „Das Handelsblatt hat uns ein bisschen belächelt für 1 Mio. Kunden. Das halten wir aber nicht für unrealistisch. Es ist ja per se ein internationales Thema.“ Das Nahziel seien aber erstmal 15.000 Kunden bis Ende kommenden Jahres.

Ein strenger Screening-Prozess für nachhaltige Finanzprodukte

Aber wie bauen nun drei Typen, von denen nur Schweikart wirklich länger im Finanzsektor beruflich unterwegs war, eine Bank? Die kurze Antwort: mit der Solaris. Die etwas längere Antwort liefert Nureldin: „Wir entwickeln das Konto selbst. Die Kernfunktionalitäten, wie etwa die Überweisungen, werden über ein Kernbankensystem abgewickelt. Die Solaris-Bank stellt dafür die Schnittstelle. Unser Backend kommuniziert wiederum mit dem Kernbankensystem. Wir haben dann spezielle Regelungen, wie das Geld unser Kunden behandelt wird. Das wird separat geparkt. Wie entscheiden dann zusammen mit Solaris, in welche Projekte das Geld fließen darf.“ Währenddessen sorgt die Solaris dafür, dass die Einlagen der Kunden gesichert sind. Für Berndt ist das die beste Lösung: „Eine Bank zu gründen, das ist natürlich ein hochkomplexer und aus guten Gründen hochregulierter Prozess. In den letzten Jahren wurde das aber doch einfacher. Dass es Banking-as-a-Service-Provider gibt, die man einkaufen kann, macht es uns möglich, in nur einem Jahr das Projekt komplett von der Idee zum fertigen Girokonto auf die Straße zu kriegen.“

Automatisch nachhaltig und grün ist eine smarte Bank aber dennoch nicht. Wie werden die richtigen Finanzprodukte ausgewählt, in die das Geld der Kunden investiert wird und besagten „Impact“ machen kann? Dafür hat das Team einen dezidierten Prozess entwickelt : „Die Projekte müssen erstmal einen positiven Beitrag zu den sogenannten Sustainable Development Goals der UN, kurz SDG, leisten. Dann folgt ein sogenanntes ESG-Screening mit der Frage: Ist das Produkt ökologisch wertvoll, liefert es einen sozialen Beitrag und wird verantwortungsvoll gesteuert? Zudem gibt es ein „Negativ-Screening“ mit einer Blacklist von Branchen, die wir ausschließen. Als dritten Schritt liefert ein externes Board nochmal Supervision und externe Kontrolle.“ Erst dann würde die kaufmännische Performance beurteilt. „Zu allerletzt. Das ist ja eigentlich da, wo andere Banken anfangen.“

„Eine Bank muss künftig eine Software-Firma mit Banklizenz sein – nicht andersrum“

Was das für den Kunden in der Praxis heißt, erklärt Berndt: „Wir haben einen automatischen Mechanismus eingepflanzt, dass wir die Interchange-Fee in die Interchangetheworld-Fee umbenannt haben und umlenken in Klimaprojekte. Das ist ein Beitrag, den nicht der Kunde leistet, sondern wir als Tomorrow.  Jedes Mal, wenn man sich einen Flat White oder Cappuccino  kauft, dann kommt dieser Effekt zum Tragen.“ Nureldin: „Unsere App wird außerdem ein Impact-Board haben, in dem man sehen kann, welchen Impact ich als Kunde mit der Tomorrow-Community habe. Also: Welche Projekte werden unterstützt und welches Geld geht in welche Bereiche?

„Community“, das ist für meisten Banken in 2018 immer noch ein Fremdwort. Aktuell kann die Tomorrow-Community – und jeder andere – die Roadmap für die kommenden Monaten einsehen. Die Gründer haben sie bei Trello veröffentlicht. „Ob wir auch einen ICO machen oder Crowdfunding, um die Community zu beteiligen, das müssen wir uns mal in aller Ruhe anschauen“, so Berndt. Fest steht aber, dass es weitere Fundingrunden geben wird. „Dafür sind wir aktuell auch schon mit Impact-Investoren im Gespräch.“ Das meiste Geld wird dann in die Entwicklung fließen. Nureldin: „Schon jetzt sehen wir mehr nach einer Software-Firma als nach einer Bank aus. Wir glauben, dass eine Bank künftig vielmehr eine Software-Firma mit einer Banklizenz sein muss als andersherum.“ Bei dieser Aussage dürfte jetzt wohl jeder Bank-CTO allerheftigst mit dem Kopf nicken – und mit Blick auf die hauseigene IT eben jenen gleich wieder in den Händen vergraben.

Warum die Tomorrow-Gründer glauben, dass Banking-as-a-Service künftig eine absolute Commodity sein wird, wieso die Community so wichtig für den Erfolg sein wird warum eine Zukunft als White-Label-Anbieter für sie keine Option ist, hört Ihr im FinanceFWD-Podcast.

Alle Themen des Podcasts mit den Tomorrow-Gründern Jakob Berndt und Inas Nureldin im Überblick:

  • 1:53 Was haben die drei Gründer vor Tomorrow gemacht?
  • 5:15 Warum macht man etwas Neues, wenn man doch sehr erfolgreich war?
  • 6:50 Grüne Banken gibt es schon. Smartphone-Banken auch. Was macht Tomorrow anders?
  • 9:09 Wie wurde aus der Idee ein Business Case?
  • 12:24 Wie gründet man eine Bank?
  • 14:41 Wie läuft die Zusammenarbeit mit der solaris?
  • 15.50 Wie garantiert man, dass die richtigen, nachhaltigen Projekte ausgewählt werden?
  • 18:30 Wie werden nachhaltige Projekte gefördert?
  • 20:30 Warum stellt man sich als Banker die Frage nach der Profitabilität zuletzt?
  • 22:51 Wie sichert man das Geld der Kunden?
  • 24:20 Kommt irgendwann der Schritt zur „richtigen“ Bank? Oder braucht es das gar nicht mehr?
  • 30:55 Wie viele Nutzer haben sich schon angemeldet?
  • 33:30 Wie will sich Tomorrow gegen Revolut und Co. durchsetzen? Und wie wachsen?
  • 36:02 Wo steht Tomorrow in einem Jahr?
  • 36:21 Wie ist das Team aufgestellt?
  • 38:12 Woher stammt das Geld?
  • 40:45 Wäre eine Zukunft als White-Label-Anbieter für die Bankenbranche denkbar?

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