(Bild: Zulnureen Shariff/Unsplash)

Tiger Global, Softbank, Coatue: Wie aggressive Wachstumsinvestoren die Fintech-Szene bestimmen

21,8 Milliarden Euro sind 2021 in die europäische Fintech-Szene geflossen, ein neuer Rekord. Geldgeber wie Tiger Global haben den Rest der Investorenwelt vor sich hergetrieben. Mit einem neuen 400-Millionen-Scheck platziert Tiger Global jetzt die nächste Fintech-Wette – mit Auswirkungen für den deutschen Markt.

Eigentlich, so heißt es in Branchenkreisen, wollte das Fintech Qonto schon vor ein paar Monaten eine Finanzierungsrunde verkünden – und sich dabei mit beachtlichen drei Milliarden Euro bewerten lassen. Doch dann kam der Investor Tiger Global um die Ecke, erhöhte das Funding und war sogar bereit, zu einer Bewertung von 4,4 Milliarden einzusteigen, wie Insider berichtete.

Allein 100 Millionen der nun insgesamt 486 Millionen Euro will der Banking-Anbieter für Geschäftskunden in den deutschen Markt pumpen, sagt Gründer Alexandre Prot im Gespräch mit Finance Forward. Damit versucht sich das Pariser Fintech gegen hiesige Konkurrenten durchzusetzen, die jeweils wesentlich schlechter finanziert sind. Zum Vergleich: Penta kommt auf rund 70 Millionen Euro Funding – seit Gründung vor fast fünf Jahren.

Hinter dem Funding-Wahn steht die Frage: Lässt sich ein Markt nur mit schieren Geldsummen gewinnen? Nach einem Rekordjahr der europäischen Fintech-Szene mit einem Finanzierungsvolumen von 21,8 Milliarden Euro wird diese Frage immer öfter gestellt. Der japanische Tech-Investor Softbank war einst als Königsmacher in die Szene gekommen: Auf wen Softbank setzt, der gewinnt, lautete die Wette. Denn Geld spielt keine Rolle mehr. Seit dem vergangenen Jahr hat sich nun Tiger Global im Markt zusätzlich breit gemacht, zahlt hohe Bewertungen und investiert in einem wahnsinnigen Tempo – 355 Deals machte es allein 2021.

Großer Auftritt von Tiger Global

Zuerst hatte es Tiger Global vor allem auf schnellwachsende Software-Firmen abgesehen, doch wie eine Auswertung vom französischen Venture Capitalist Blackfin für Finance Forward zeigt, finden sich auch für das Jahr 2021 bei den zehn größten Fintech-Deals in Europa jeweils zweifach die Namen: Tiger Global, Softbank, Coatue, die alle ähnlich ticken und aggressiv investieren.

Während die Geschichte um den japanischen Softbank-Gründer Masayoshi Son und seinen Tech-Fonds hinlänglich bekannt sind, gerieten Firmen wie Tiger Global erst im vergangenen Jahr in den Fokus der Öffentlichkeit. Bei Tiger Global und Coatue handelt es sich um sogenannte Tiger Cubs, die VCs entstammen beide aus der Dynastie von Tiger Management. Sie sind unter den bekannteren der langen Liste von Fonds, die von ehemaligen Mitarbeitern gegründet wurden.

Mit Qonto, dem Berliner Kernbanken-Software-Anbieter Mambu, Revolut, Saltpay und der „Buy-now, pay later“-Firma Scalapay baut Tiger Global in Europa sein Fintech-Portfolio weiter aus. Doch auch andere deutsche Player betreffen die Mega-Runden indirekt immer stärker.

Beispielsweise das große Funding von Softbank und Tiger Global in die Neobank Revolut, die als ein Musterbeispiel für eine Wachstum-um-jeden-Preis-Firma gilt. Es hat mit seinem Funding den Vorsprung gegenüber dem Berliner Konkurrenten N26 massiv ausgebaut, die Bewertung ist mehr als dreimal so hoch, bei 33 Milliarden Dollar.

Geld hilft nicht immer

Beim französischen Fintech Qonto deuten bislang die verfügbaren Zahlen darauf hin, dass Geld nicht automatisch einen Vorsprung garantiert. Es veröffentlicht zwar keine deutschen Kundenzahlen, doch beim Websiten-Traffic entfällt laut Similarweb gerade einmal viereinhalb Prozent auf Deutschland. Ein Großteil der 220.000 Unternehmenskunden sitzt offenbar im Heimatmarkt Frankreich und Italien. Der deutsche Konkurrent Penta kommt hierzulande immerhin auf mehr als 40.000 Firmenkunden. Von den insgesamt 500 Qonto-Mitarbeitern kümmern sich bislang lediglich 25 um den deutschen Markt.

Dabei verfügte auch Qonto schon in der Vergangenheit über ein gutes Finanz-Polster, allein die Series C betrug 104 Millionen Euro. Davon floß ein bedeutender Teil auch in die Deutschland-Expansion. Nun bekommt mit den 100 Millionen die nächste Chance, richtig durchzustarten. Die Mitarbeiterzahl für den deutschen Markt soll um 100 weitere Mitarbeiter ausgeweitet werden. Gründer Prot hat große Pläne, weltweit will er bis 2025 eine Million Kunden erreichen.

Bislang sieht es nicht danach aus, als würde sich das Funding-Klima für Finanz-Startups ändern. Die hohen Bewertungen – angeheizt von Tiger Global und Softbank – dürften am Markt weiter gezahlt werden. Obwohl es durchaus Grund zur Sorge gibt. Die Bilanz der gehypten Fintech-Startups, die 2021 an die Börse gegangen sind, ist bislang ernüchternd, wie eine Grafik zeigt. Fast alle haben bis Ende Dezember stark an Wert verloren und sind Anfang des Jahres noch stärker unter Druck gekommen. Der große US-Broker Robinhood ist akutell nur noch halb so viel Wert wie Revolut. Irgendwann müsste sich diese Situation auch bei den Finanzierungsrunden durchschlagen. Die Frage ist, wie lange es dauert.

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