Ein neues Fintech-Großprojekt soll in Berlin starten. (Bild: Photo by Christian Lue/Unsplash)

Der große Angriff – Vanguard soll an Robo-Advisor für Europa arbeiten

Exklusiv: Vanguard startete einst die ETF-Revolution, ist heute zweitgrößter Vermögensverwalter der Welt und in den USA wichtigster Player im Robo-Advisor-Geschäft. Nun gibt es Anzeichen, dass der Konzern das Robo-Konzept nach Europa bringen könnte – in Berlin läuft ein Geheimprojekt.

Vor dem Hauptquartier von Vanguard steht eine Statue von John Bogle – eine Legende der Finanzwelt, weil er einst den ETF erfunden hat. Der Vorteil des populären Finanzprodukts: niedrige Gebühren und breite Risikostreuung.

Seine Erfindung machte auch sein Unternehmen zum Giganten: Der Vermögensverwalter Vanguard kommt aktuell auf Kundengelder in Höhe von 6,2 Billionen US-Dollar – nur Blackrock ist größer. Vanguard ist heute der zweitgrößte Anbieter von ETF-Produkten und zählt damit zu den mächtigsten Finanzakteuren der Welt.

In Europa sucht Vanguard nun offenbar nach einem neuen Wachstumsfeld: Von Insidern heißt es, dass sich der Vermögensverwalter mit einem eigenen Robo-Advisor auf den hiesigen Markt wagen will. In Berlin soll ein kleines Team bereits an dem geheimen Projekt arbeiten. Ein Eintritt von Vanguard würde die Karten auf dem deutschen Markt neu mischen.

Ein Robo mithilfe von BCG Digital Ventures

Für das neue Projekt soll der Vermögensverwalter Vanguard nach Finance-Forward-Informationen BCG Digital Ventures beauftragt haben. Die Digitaleinheit der Beratungsfirma entwickelt für Konzerne wie Volkswagen und Daimler Startups. So entstand beispielsweise der Elektroroller-Verleih Coup, der kürzlich von Bosch wieder eingestampft wurde, mithilfe von BCG Digital Ventures.

Dass sie das Geschäft mit den Robo-Advisorn beherrschen, haben die Vanguard-Leute bereits bewiesen: In den USA betreibt der Vermögensverwalter bereits den mit Abstand größten Anbieter, er verwaltet 148 Milliarden Dollar an Kundengeldern. Das Geld legt der Robo automatisiert in die eigenen ETFs an.

Zum Vergleich: In Deutschland kommen alle Robo-Advisor in Summe auf einen Betrag von etwa viereinhalb Milliarden Dollar, allein die Hälfte entfällt auf Marktführer Scalable Capital. Trotz dieser vergleichsweise geringen Summen sieht Vanguard offenbar auch in Europa einen Zukunftsmarkt.

Standort des Fintech-Projektes soll Berlin sein

Die BCG-Digitalberater legen seit einiger Zeit einen Schwerpunkt auf die Fintechbranche. Für die Royal Bank of Canada hat das Unternehmen bereits einen Robo-Advisor entwickelt. Zudem holte sich BCG im vergangenen Jahr Branchenexpertise an Bord: Manuela Rabener ist vom Robo-Advisor Scalable Capital zur Beratung gewechselt. Sie hat als Partnerin im Londoner Büro angefangen.

Standort des neuen Robo-Projektes soll allerdings Berlin sein. Auf verschiedenen Portalen finden sich Jobanzeigen von BCG Digital Ventures für ein neues Fintech, darunter zum Beispiel ein „Head of Technology“. In dem Beschreibungstext heißt es:

„BCGDV is partnering with an international innovator in financial services to launch a digital investment platform here in Berlin. The FinTech venture will combine a user-centric approach and modern technology to reshape financial planning and drive value for customers. Bringing to bear the competitive advantage and market-leading products of their corporate partner, the innovative service enables users to manage a customised portfolio of investments, whilst preparing for key life events.“

Finanziert sei das Projekt von einem „Global Player“ – wer das ist, will BCG Digital Ventures auf Nachfrage nicht verraten. Vanguard Deutschland erklärt, man kommentiere keine Gerüchte. Der Vermögensverwalter untersuche „kontinuierlich neue Produkte und Märkte auf der ganzen Welt“. Man habe „derzeit keine Pläne, unser Geschäft auszubauen“.

„Vanguard hätte noch eine Chance“

Doch die verstärkten Aktivitäten von Vanguard wurden in deutschen Finanzkreisen aufmerksam registriert, der Vermögensverwalter habe nach neuem Personal gefahndet, heißt es. „Vanguard ist einer der wenigen Player, der noch nicht im Robo-Markt hierzulande ist und eine Chance hätte“, sagt ein Branchenkenner.

Konkurrent Blackrock ist bereits beim größten deutschen Robo-Advisor, Scalable Capital, investiert. Für den Konkurrenten Vanguard wäre es ein logischer Schritt, um in Europa nachzuziehen. In andere aussichtsreiche Märkte ist Vanguard erst kürzlich expandiert: Ende 2019 kündigte der Konzern an, zusammen mit dem milliardenschweren Alibaba-Fintech Ant Financial einen Robo-Advisor für den chinesischen Markt zu starten.

Marktbeobachter werten die mögliche Expansion positiv: Es sei ein gutes Zeichen, wenn so ein mächtiger Player noch in den Markt einsteige, sagt ein Branchenexperte. Ein Wettstreit zwischen den beiden Giganten Vanguard und Blackrock im Robo-Advisor-Markt könnte das Anlageprodukt insgesamt bekannter machen – ein Vorteil auch für die anderen Fintechs und Banken.

Mitarbeit: Birgit Haas

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