In der neuen Startup-Hochburg Miami ist Pipe gestartet. (Bild: Ryan Spencer/Unsplash)

Der Pipe-Hype erreicht Europa – drei deutsche Teams bereiten ihren großen Start vor

Es schaffte die Milliarden-Bewertung in weniger als einem Jahr – das Fintech Pipe erlebt in den USA einen Boom. Auf dieses erfolgreiche Modell stürzen sich nun gleich mehrere Teams in Europa. Wer zählt dazu?

Harry Hurst gehört zu den Phänomenen des aufgeheizten Fintech-Marktes. Im Sommer 2019 gegründete er die Finanzierungsplattform Pipe.com in dem neuen Startup-Hotspot Miami – und hat seitdem mehr als 300 Millionen Dollar eingesammelt. Rund ein Jahr nach dem Launch bewerteten die Investoren Pipe mit mehr als zwei Milliarden Dollar. Schauspieler und Investor Ashton Kutcher und Siemens mit seinem Fonds Next47 sind unter anderem eingestiegen.

Die großen Finanzierungsrunden unterliegen einer gewissen Ironie, schließlich will der britische Gründer mit Pipe eine Alternative zu Venture Capital aufbauen. Software-Startups können ihre Erträge damit vorfinanzieren, die monatlichen Gebühren erhalten sie ein Jahr im Voraus. Der Vorteil für die Unternehmen: ihre Anteile verwässern nicht. Mehr als eine Milliarde an Finanzierungsvolumen werden auf der Plattform gehandelt.

Der Trend ist in der europäischen Fintech-Szene nicht unbemerkt geblieben, mindestens vier Teams arbeiten an einem Produkt – und die Investoren durchsuchen den Markt, um das aussichtsreichste Team zu finden. Darunter sind die beiden Liqid-Macher mit ihrem Fintech Re:cap, das in zwei Tagen sein Geld für die Startphase zusammen hatte – und weitere Gründer werkeln in Berlin an dem Produkt. Mehrere Finanzierungsrunden stehen in den kommenden Tagen und Wochen an.

BRIDG hat losgelegt

Abgesehen von Re:cap bereiten zum Beispiel Saket Kumar und Grzegorz Janik den Start ihres Produktes vor. Anfang 2020 sei er gestartet, so der Gründer. Als Investor bei La Famiglia war Kumar in engen Kontakt mit den Startups und überlegte, wie sich die Finanzierung für die Unternehmen, deren Umsätze sich nicht vervielfachen, verbessern lasse. So entstand die Idee für Rail. Details zum Start nennt der Gründer nicht, das Unternehmen ist in London gemeldet – während das Gründerteam in der Berliner Factory sitzt. Ein bekannter Frühphasen-Investor soll bei Rails bereits eingestiegen sein, Kumar will den Namen aber nicht nennen.

Ein weiteres verteiltes Team ist kürzlich mit BRIDG gestartet und habe bereits Kunden in Spanien, Frankreich, Deutschland, Irland und Israel, sagt der Gründer Shahram Rezasade. 26 Millionen Euro an Umsätzen seien auf der Plattform, ein Münchner Family Office habe bereits eine halbe Million in die Firma investiert – bald würde eine nächste Finanzierungsrunde folgen. Den Namen nennt er nicht.

Pulse ist eine weitere Firma, die an einem vergleichbaren Produkt arbeitet – und damit hört es nicht auf. In den kommenden Wochen stehen weitere Finanzierungsrunden an, auch mit bekannten Fintech-Geldgebern. Niemand will den Trend verpassen. Doch was macht die Finanzierungsart so attraktiv?

Eine Wette auf die Subscription Economy

Die Startups wetten auf eine Veränderung der Wirtschaft. Sie konzentrieren sich mit den Finanzierungen erst einmal auf Software-Firmen, bei denen mit monatlichen Einnahmen zu rechnen ist – doch danach ist auch die ganze sogenannte Subcription Economy als Zielgruppe attraktiv – etwa Streaming-Anbieter oder Kochboxenversender. „In der Zukunft sind auch andere Geschäfte denkbar, die wiederkehrende Umsätze aufweisen – Abo-Einnahmen sind ein großer Trend“, sagt der Re:cap-Gründer Paul Becker.

Als Plattform fungieren die Firmen dabei: „Es handelt sich um eine Art Vorfinanzierung, unsere Kunden verkaufen ihr künftigen Umsätze, die gut planbar sind“, sagt Becker. Vergleichbar ist die Finanzierungsform mit Factoring, bei Ausfällen – zum Beispiel, wenn Abos wegbrechen – haften die Unternehmen, die ihre Forderungen verkaufen. Auf der anderen Seite der Plattform sind institutionelle Anleger, die die Einnahmen vorfinanzieren. „Im Vergleich zur Eigenkapitalfinanzierung verwässern die Firmeneigentümer nicht, der Prozess ist zudem einfacher. Auch würden viele Software-Unternehmen von traditionellen Banken heute nach wie vor kein Darlehen bekommen“, sagt Becker.

Im Unterschied zu umsatzbasierten Finanzierungen sind auch höhere Summen möglich, weil die Fintechs die Finanzierungen nur vermitteln. „Über die Plattform können sie auch 10- oder künftig auch 100-Millionen-Finanzierungen platzieren. Zudem sind die Konditionen attraktiver, weil es auf dem Marktplatz mehr Auswahl gibt“, sagt Becker. Das Fintech geht von Gesamtkosten zwischen fünf und 15 Prozent pro Jahr aus. Ein Teil bleibt dabei bei den Fintech-Plattformen hängen.

Nun muss sich zeigen, dass die neue Finanzierungsform auch in Europa gut angenommen wird – nur so können die Unternehmen auch einen Umsatz aufweisen, der sich mit Pipes Aufstieg vergleichen lässt. Außerdem ist die große Frage, ob Pipe auch nach Europa will. Die Expansion nach Großbritannien sei Arbeit, sagt Hurst gegenüber Sifted. Sicherlich ist Raum für mehrere Anbieter in dem jungen Markt, allerdings profitiert der größte Anbieter, weil es über seine Plattform die besten Konditionen gibt.

Becker und sein Team sind bislang entsapnnt. „Damals, bei Liqid im Robo-Advisor-Markt, waren auch alle überzeugt, dass Betterment und Wealthfront expandieren und den Markt zu machen. Das ist nicht eingetreten“, sagt Becker. Liqid gehört mittlerweile zu den größten Anbietern im Markt.

Über die Finanzierung von Re:cap haben wir am Freitag berichtet. Mehrere bekannte Szene-Köpfe sind bei der Firma eingestiegen.

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