Wer sind jetzt hier die Bösen? Am Donnerstag demonstrierten Anleger an der Wall Street gegen die Trading-App Robinhood (Bild: IMAGO / ZUMA Wire)

Die Reddit-Horde hatte keiner auf dem Zettel

Kommentar: Auf einmal ist sie da, die Disruption am Finanzmarkt – aber von gänzlich unvermuteter Seite. Die Fintech-Welt muss sich schleunigst überlegen, wie sie damit umgehen will. 

Disruption! Es ist der altbekannte Schlachtruf aller Digitalrevolutionäre. Alte Industrien, traditionelle Geschäftsmodelle – all das gehört disruptet.

Am Ende dieser wilden, verwirrenden Woche, die damit begann, dass sich Kleinanleger auf Reddit organisierten, um einige Hedgefonds zu ärgern, und die damit endete, dass sich das Weiße Haus um den Einfluss von Trading-Apps auf die Finanzmarktstabilität sorgen musste, ist eines zumindest klar: Die Disruption der Finanzbranche ist in vollem Gange. Das System ist erschüttert.

Hochspannend ist die Frage, wer eigentlich die Treiber hinter dieser Disruption sind. Was wurde in den vergangenen Jahren nicht herumspekuliert und -prophezeit, von wo der Finanzmarkt ins Wanken gebracht werden würde: Die Big Techs – Amazon, Google, Facebook oder Apple – könnten sich mit ihrer unheimlichen Nutzermacht die Branche unter den Nagel reißen. Blockchain-Technologie und Kryptowährungen würden dank dezentralem Charme und unaufhaltsamer Popularität den Markt vom Kopf auf die Füße stellen. Von wegen!

Die Disruption ging am Ende von einem Reddit-Messageboard aus, das nicht nur bereits seit acht Jahren existiert, sondern das vor allem auf einer Uralt-Technologie der Internetwelt basiert. Schon vor 25 Jahren tauschten sich Nutzer über Webforen aus. Wer hätte gedacht, dass diese Dinosaurierform der Kommunikation noch einmal solche Kraft entfalten würde?

Natürlich, möglich wurde der Sturm auf die Börsen nur durch das Aufkommen neuer Fintechs – allen voran Robinhood, das Startup, das mit dem Versprechen quasi gebührenfreier Trades groß wurde und dem seit einem Jahr die einzigartige Mischung von volatilen Börsen und gelangweilten Kleinanlegern mit zu viel Zeit in die Hände spielt. Genau wie das deutsche Pendant Trade Republic profitierte Robinhood massiv vom wachsenden Interesse am Aktienhandel, und von der verbreiteten Lust am Zocken. Sie waren die notwendige Bedingung für den Reddit-Sturm.

Die Trading-Apps warben immer damit, selbst Teil der Revolution zu sein, den Zugang zum Börsenhandel demokratisieren zu wollen und den Großen mit ihren vermeintlich unfairen Gebühren das Handwerk zu legen. Mit der Entscheidung beider Fintechs, gestern die Reißleine zu ziehen und bestimmte Aktien wie Gamestop oder Blackberry vom Handel auszunehmen (beziehungsweise im Falle von Robinhood sogar Zwangsverkäufe herbeizuführen), hat dieses Selbstbild tiefe Risse bekommen. Die Trading-Apps haben die Erwartungen ihrer Nutzer enttäuscht.

Bei Trade Republic dürfte es „nur“ darum gegangen sein, den Ansturm der Gamestop-Trader auf das System zu mildern, um so anderen Anlegern überhaupt noch die Möglichkeit geben zu können, weiter zu handeln. Aber einem Fin-Tech sollte das eben nicht passieren – schließlich steckt das Versprechen der Technologie schon im Namen.

Im Falle von Robinhood geht die Enttäuschung tiefer, denn hier zeigte sich, dass die schon vor Jahren kritisierte Verbandlung mit Hedgefonds (denen erlaubte Robinhood Frontrunning mithilfe seiner Nutzerdaten!) in der Krise zum Problem wurde. Im Zweifel steht Robinhood dann nicht auf der Seite der Kleinen, sondern der Großen. Dieser Eindruck – ungeachtet, wie die Entscheidung konkret zustande kam, ob die Robinhood-Gründer überhaupt eine Wahl hatten und dass es auch gute Gründe für die Handelssperrung gab – ist fatal. Und er wird bleiben.

Keiner konnte ahnen, dass das Disruptionsmoment für den Finanzmarkt von einer Horde Trading-Nerds aus einem Internetforum ausgehen würde. Gut möglich, dass das ganze aber nur ein Vorbote ist – auf eine neue Realität, in der der Markt von Reddit-Foren und Elon-Musk-Tweets bewegt wird. Die Fintech-Welt muss sich darauf einstellen und überlegen, welche Rolle sie spielen will. Und daran ihre Narrative, Systeme und Geschäftsmodelle anpassen.

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