Verwaltungsgebäude des Versicherungsdinosauriers Munich Re (Bild: PR)

Banken vs. Versicherungen: Wer traut sich, in Startups zu investieren?

Im Vergleich zu Banken gelten Versicherungen als digital noch rückständiger. Aber ist das wirklich so? Eine exklusive Auswertung von Insurtech- und Fintech-Deals durch die Digitalberatung Hy weckt daran Zweifel.

Versicherungen, befand Andrew Rear 2016 in einer schonungslosen Analyse zum Stand der Digitalisierung seiner Branche, seien „eine der letzten Bastionen des 19. Jahrhunderts“. Rear muss es wissen: Der Mann ist CEO von Digital Partners, einer Startup-Einheit des Rückversicherungsgiganten Munich Re.

In regelmäßigen Abständen stellen Studien der Branche mangelhafte Digitalzeugnisse aus. Innovationssprünge gebe es „weder im Produktangebot, in den Prozessen noch in der Technologie“, kritisierte jüngst die Beratungsfirma Zeb. Bei Lünendonk hieß es 2018: „Versicherungen erkennen die Möglichkeiten der Digitalisierung, aber sind zu zögerlich.“

Selbst die Bankenbranche, die nun nicht gerade zu den erklärten digitalen Vorreitern zählt, gilt als progressiver als die Versicherungswirtschaft. „Die Notwendigkeit der Transformation steht bei Banken im Mittelpunkt – Versicherungen müssen noch aufholen“, schrieb Capgemini im Frühjahr.

Doch wie schlimm steht es wirklich um den digitalen Fortschritt großer Versicherer? Und sind Banken tatsächlich so viel weiter? Finance Forward hat die Berliner Digitalberatung Hy Daten zu globalen Deals im Fintech- und Insurtech-Segment sowie zur Investmentaktivität von Versicherern und Banken auswerten lassen – und Ergebnisse aufgetan, die deutlich differenzierter sind als uns die Erzählung von der langsamen Versicherungswirtschaft und den fortschrittlichen Kreditinstituten glauben lassen will.

Erste interessante Feststellung: Die Deal-Aktivität ist im Fintech-Bereich deutlich höher als im Insurtech-Segment. Weniger als 2.000 Finanzierungsrunden wurden seit 2010 im Versicherungsbereich gezählt – im Finanzsegment waren es mehr als 16.000. Das Bild ähnelt sich auch in Bezug auf das investierte Kapital: Etwas über 15 Milliarden Dollar waren es seit 2010 für Insurtechs, für Fintechs hingegen fast 137 Milliarden.

Zweites Resultat – und hier wird es überraschend: Schaut man sich den Anteil der Deals an, an denen Versicherungen beziehungsweise Banken im jeweiligen Digitalsegment beteiligt sind, so zeigt sich, dass Versicherungen tatsächlich lange Zeit untätig waren. Erst ab 2014 sind überhaupt Insurtech-Finanzierungen mit Corporate-Beteiligung zu verzeichnen. Anschließend aber wächst der Anteil dieser Deals signifikant und erreicht 2018 über elf Prozent aller Insurtech-Deals in diesem Jahr. „Versicherer haben lange faktisch nicht in Insurtech investiert, dann aber rapide aufgebaut“, analysiert Hy-Experte Martin Spindler.

Eines der prominentesten Beispiele ist Allianz X, der Investmentarm des gleichnamigen Versicherungskonzerns, der 2016 als Inkubator startete, später zur Beteiligungseinheit umgebaut wurde und seit diesem Jahr über ein Fondsvolumen von einer Milliarde Euro verfügt. Über ihn wurde etwa 2017 in das US-Insurtech Lemonade investiert (die Amerikaner haben auch Axa als Gesellschafter an Bord). Im gleichen Jahr bekam Ottonova, eines der wichtigsten deutschen Versicherungs-Startups, ein Investment der Debeka, dem deutschen Marktführer für private Krankenversicherungen.

Banken auf der anderen Seite sind laut der Hy-Auswertung schon ab 2010 an Fintech-Deals beteiligt, ihr Anteil bleibt aber lange im niedrig einstelligen Bereich. Für das Jahr 2018 beträgt er etwas über neun Prozent. Das heißt: Bei dieser Maßzahl haben die vermeintlich schläfrigen Versicherer die Banken überholt. „Banken haben zwar vorher schon in Fintech-Startups investiert (wenn man sie damals denn so genannt hat), haben aber nur sehr langsam ihr Commitment erhöht“, so Spindler.

Die Hy-Analysten haben sich auch das investierte Kapital angeschaut, allerdings lässt sich nur schwer ausrechnen, mit welchem Anteil Corporates bei Finanzierungsrunden beteiligt sind – denn diese werden in der Regel nicht auf individuelle Anteile heruntergebrochen. Der Anteil der Deal-Summe mit Corporate-Beteiligung wuchs im Insurtech-Bereich demnach von etwa zwölf Prozent 2015 auf 27 Prozent 2018. Die Corporate-Beteiligung im Fintech-Bereich, gemessen an den Finanzierungssummen, beträgt ab 2010 zunächst meist weniger als zehn Prozent – ab 2014 steigt er dann auf teilweise deutlich über 20 Prozent.

Spindler erklärt das dadurch, dass Versicherungen frühphasiger investierten, „um eher an disruptiven Ideen dran zu sein und zu partizipieren“. Banken hingegen hätten „lange eher spätphasig investiert beziehungsweise ausschließlich strategisch agiert“ – da seien „die Tickets natürlich deutlich höher“. Nur ein Beispiel: Schon 2015 investierte die Commerzbank erstmals über ihren Corporate-Venture-Capital-Arm CommerzVentures in ein Fintech – das isrealische Tradingportal eToro, das damals in seiner Serie-D-Finanzierungsrunde fast 40 Millionen Dollar einstrich (für damalige Verhältnisse viel Geld).

Letzte interessante Beobachtung: Laut Spindler investierten Versicherer häufiger außerhalb des eigenen Kerngeschäfts, etwas, das Banken noch „relativ selten“ wagen würden. Zwei Beispiele: Allianz X, das sich 2018 führend an N26 beteiligte; und die Übernahme des IoT-Spezialisten Relayr durch Munich Re zu einer Bewertung von 300 Millionen Dollar im selben Jahr. Was Munich-Re-Mann Andrew Rear zu dem Deal gesagt hat, ist nicht überliefert. Klar ist: Für die Münchner dürfte es einen großen Schritt ins nächste Jahrhundert bedeutet haben.

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