Ethereum-Mitgründer Joseph Lubin zusammen mit OMR-Gründer Philipp Westermeyer (v.li) © Felix Disselhoff

Ethereum-Mitgründer Joseph Lubin im FinanceFWD-Podcast: „Das Finanzsystem ist am Ende seines Lebenszyklus“

Er hat eine der wichtigsten Kryptowährungen und mit ihr ein ganzes Blockchain-Ökosystem mitbegründet: Joseph Lubin war zu Gast auf der NEXT Conference in Hamburg. Wir haben mit dem Ethereum-Vordenker gesprochen: über seine Pläne für die Blockchain, seine Kritik am Geschäftsmodell von Facebook und Co. und wie die Technologie die aktuellen Probleme der Finanzindustrie lösen könnte.

Bei Vitalik Buterin und Joseph Lubin drängt sich schnell der Vergleich zwischen Steve Wozniak und Steve Jobs auf. Nerd trifft auf Charismatiker. Doch schon nach wenigen Minuten mit dem Ethereum-Mitgründer auf der NEXT-Bühne im Herzen St. Paulis wird klar: Lubin ist zurecht neben dem Ethereum-Erfinder Buterin einer der wichtigsten Personen in der Kryptoszene. Derartige Vergleiche sind ihm aber spürbar unangenehm. Ebenso wie die Reduzierung von Krypto auf den Währungsaspekt. „Tools wie Coinbase nutze ich nur sehr selten“, erklärt Lubin. „Ich bin gar nicht so aktiv in Sachen Kryptowährungen. Wir konzentrieren uns darauf, gute Software zu bauen.“ Gemeint ist Lubin 2014 gegründete Firma Consensys mit mittlerweile über 1100 Mitarbeitern weltweit. „Wir sind ein Hybrid. Consensys ist eine Softwarefirma, ein VC, Berater und hilft Drittanbietern. Außerdem machen wir Audits und haben ein Accounting-Team“, so der Ethereum-Evangelist.

„Blockchain hilft uns, aus dem schleichenden Verfall herauszuwachsen“

Seit mittlerweile fünf Jahren ist Lubin voll investiert in die Blockchain-Technologie. Der Auslöser liegt allerdings viel weiter zurück: „Die Finanzkrise 2008 hat mich verändert. Ich war enttäuscht.“ Zuvor hatte Lubin nicht nur für Goldman Sachs gearbeitet, sondern erfolgreich einen Hedgefonds aufgebaut und betrieben. „Aber das war’s für mich. Ich hörte auf und ging nach Jamaika.“ Dort verbrachte er seine Zeit zu Teilen am Strand und in der Musikindustrie. Bis er 2011 das Bitcoin-Whitepaper für sich entdeckte. „Das war ein sehr viel optimistischeres Szenario der Finanzwelt als alles andere, was ich bis dato kannte. Für mich ist das aktuelle Finanzsystem am Ende seines Lebenszyklus.“ Die Schulden seien immens, Wachstum gebe es kaum noch. „Als Wachstumstreiber hätten da vielleicht noch kostenlose Energiegewinnung oder Teleportation wirken können“, scherzt der 53-Jährige. „Nun stellt sich heraus, dass die Blockchain zwar nicht so mächtig wie kostenlose Energiegewinnung ist. Aber sie hilft uns dabei, alternative Infrastrukturen zu bauen – und aus dem schleichenden Zerfall herauszuwachsen.“

Der Kontakt zum Crypto-Kid Buterin, damals 19 Jahre jung, kam für den Kosmopolit über die Verbundenheit zum gemeinsamen Geburtsort Toronto. „Ein alter Kollege aus Toronto stellte uns vor. Vitalik schickte mir danach sein Whitepaper. Ich verschlang es noch am selben Abend.“ Schnell wurde deutlich: „Jamaika ist nicht der geeignete Ort, um ein High-Tech-Projekt voranzutreiben.“ In Folge verbrachte der Kanadier mehrere Jahre in der Schweiz und New York – und gründete dort 2014 Consensys.

„Wir waren die Ersten – und haben seitdem verdammt hart gearbeitet“

Seitdem gilt Etherum neben Bitcoin als die bekannteste Kryptowährung – die Marktkapitalisierung liegt derzeit bei über 18 Milliarden Euro – und das vielversprechendste Blockchain-Projekt. Lubins Erklärung für den Erfolg: „Wir waren einfach die Ersten. Weil das Projekt von Beginn an technologisch top war, haben wir schnell auch die hellsten Köpfe angezogen. Und seitdem sehr hart gearbeitet.“ Ethereum sei letzten Endes „ein Haufen guter Ideen und Menschen“, die leidenschaftlich für die Sache arbeiten. „Nicht nur der Technik wegen, sondern aus philosophischer und soziokultureller Überzeugung.“ Da verwundert es nicht, dass sich der Krypto-Vordenker nach wie vor nicht zu seinem Investment in die eigene Kryptowährung Ether äußern will. Gerüchte, wonach er mehrfacher Krypto-Milliardär sei, dementiert er dennoch auf Nachfrage: „Nur, weil es im Internet steht, muss es noch lange nicht stimmen.“ Dabei gab es laut Lubin auch nie die Idee, nur eine weitere Währung zu entwickeln: „Wir wollten nie ein weiteres Bitcoin bauen, sondern eine dezentralisierte App-Plattform, die nur „crypto-fueled“ ist, um den Betrieb zu gewährleisten. Aber abgesehen davon: Es ist eigentlich eine viel bessere Kryptowährung als Bitcoin. Einfacher zu nutzen, programmierbarer und schneller.“

Dennoch stehe man immer noch am Anfang. Phase 1, der Aufbau des Trust-Layers, sei so gut wie abgeschlossen. Künftig werde es verstärkt darum gehen, die Technologie skalierbar zu machen. „Das Ziel ist, dass wir hunderte und tausende Transaktionen pro Sekunde abwickeln können.“ Probleme, die Technologie zu vermarkten, hatte das Ethereum-Projekt seiner Meinung nach bislang aber nicht. „Wir bei Consensys konzentrieren uns auf Dinge, die Sinn stiften, um Ethereum bekannter zu machen.“ Man hänge keine Billboards an Highways auf. „Wir bilden Menschen aus und nehmen an Events wie diesem Teil.“ Dann benötige man auch kein kostspieliges Marketing.

„Ich mag das Web 2.0 – aber es ist unfertig“

Ein solches Projekt, das Sinn stiftet, ist laut Lubin „Civil“. „Es geht darum, ethischen und nachhaltigen Journalismus vernünftig zu monetarisieren und Journalisten gleichzeitig einen kompletten Technolgie-Stack zur Verfügung zu stellen. Civil ermöglicht Journalisten, Newsrooms zu bilden und sich der Plattform gemeinsam mit den Lesern anzuschließen.“ Diese Plattform verfüge über eine Verfassung, derer man sich neben dem Verfassen einer Charta verpflichtet. „30 Newsrooms sind schon dabei. Wenn Deine Leser dann finden, dass Du Dich unethisch verhältst, können sie Dein Recht, auf der Plattform zu sein, in Frage stellen.“ All das passiert auf der Ethereum-Blockchain. Für Lubin ist es der Versuch, Qualitätsjournalismus im Web zu finanzieren. „Es ist einer der wenigen ICOs, an denen ich selbst teilgenommen habe“, erklärt er. „Ich will alles tun, um das Projekt so erfolgreich wie möglich zu machen.“

Trotzdem hält der Krypto-Pionier das Internet nicht für unheilbar kaputt: „Ich mag das Web 2.0. Aber es ist unvollständig, etwa beim Schutz der eigenen Identität. Blockchain kann dabei helfen, dass Menschen künftig wieder mehr Kontrolle über ihre Identität und persönliche Informationen bekommen.“ So würden sie weniger zum Produkt. Eine Kampfansage gegen Facebook, Google und Co.? Auf die Frage, ob er vor den Tech-Riesen Angst hätte, erwidert Lubin: „Diese Firmen sollten Angst haben vor dem, was sie tun. Es sind Unternehmen mit guten Leuten, die nichts Böses wollen.“ Doch ihre Produkte würden Menschen süchtig machen, sie ausnutzen und vielen Personen schaden. „Im Silicon Valley wird gerade eine lebhafte Diskussion geführt. Das Business-Modell muss sich ändern. Sie können weiterhin Werbung verkaufen, aber müssen das ethischer tun. Es gibt diesen Vorschlag, dass Firmen, die mit persönlichen Informationen Geld verdienen, einer Treuhandspflicht nachkommen müssen.“ So wie es in der Finanzbranche schon seit Jahrzehnten gang und gäbe ist.

Warum Lubin demnächst mit noch mehr Konkurrenz im Blockchain-Sektor rechnet und ob er mit Ethereum sein Lebenswerk gefunden hat, hört Ihr im FinanceFWD-Podcast.

Alle Themen des Podcasts im Überblick:

  • Was hat Lubin vor Ethereum gemacht? (ab 0:15)
  • Wie kam er in Kontakt mit Vitalik Buterin und gründete mit ihm Ethereum? (ab 5:50)
  • Wie viel hat Lubin in Ether investiert? (ab 8:30)
  • Wie wichtig ist Europa für Krypto? (ab 9:30)
  • Wie wurde Ethereum so erfolgreich? (ab 11:30)
  • An welches Ethereum-Projekt glaubt Lubin gerade am meisten? (ab 15.30)
  • Welche Systeme kann die Blockchain „reparieren“? (ab 17:00)
  • Was wird langfristig wichtiger: Krypto oder Blockchain? (ab 18:30)
  • An welchen ICOs hat Lubin partizipiert? (ab 20:37)
  • Wofür steht Consensys? (ab 21:00)
  • Was läuft aktuell falsch mit dem Web 2.0? (ab 22:45)
  • Sind Amazon und Co. eine Konkurrenz? (ab 24:00)
  • Was läuft bei Facebook und Co. falsch? (ab 24:57)
  • Kann sich Lubin ein Leben nach Ethereum vorstellen? (ab 26:37)

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