Eine Frau verkauft Zeitungen, die den Start von Bitcoin in El Salvador verkünden, September 2021 (Bild: imago/Agencia EFE)

El Salvadors holpriger Start in die Bitcoin-Ära

Seit dem 7. September ist der Bitcoin offizielles Zahlungsmittel in El Salvador. Die Regierung spricht von einem großen Fortschritt für die Wirtschaft, der Start der Kryptowährung wurde allerdings von Pannen und Protesten begleitet

Seit dieser Woche ist Bitcoin offizielle Währung in El Salvador. Im kleinsten Land Mittelamerikas ist damit Realität geworden, wovon Fans der Kryptowährung seit Jahren träumen. Auch El Salvadors Präsident Nayib Bukele sieht darin eine große Hoffnung für den verschuldeten Staat mit seinen 6,5 Millionen Einwohnern.

Für den Rest der Welt ist die Einführung in dieser Woche eher ein spannendes Experiment, das zu Beginn gleich einen ersten Stresstest bewältigen musste: Am Tag der Einführung brach der Bitcoin zweistellig von 53.000 auf 44.000 Dollar ein, viele Salvadorianer konnten die staatliche Wallet „Chivo“ nicht herunterladen und die Ratingagentur Moody’s stufte die Kreditwürdigkeit des Landes angesichts der Ereignisse erstmal herab.

400 Millionen Euro an Einsparungen erhofft

Nach diesen Startschwierigkeiten bleibt die Frage, ob sich die Kryptowährung langfristig als Zahlungsmittel etablieren kann. Bukele stellte bis zuletzt vor allem Vorteile von Bitcoin als offiziellem Zahlungsmittel in den Vordergrund. Ein wichtiger Treiber für den Schritt: Rund ein Viertel der Wirtschaftsleistung fließt in Form von Überweisungen in das Land, viele Salvadorianer bekommen Geld von Verwandten aus dem Ausland geschickt, etwa den USA. Bislang gehe dabei ein großer Teil dieser 6 Milliarden Dollar an Vermittler verloren, argumentierte Bukele.

Mit der Einführung der Kryptowährung könne das Land ihm zufolge 400 Millionen Dollar an Provisionen sparen. „Alle Welt schaut, wie das mit dem Bitcoin in El Salvador funktioniert und ob die Kosten für die Geldüberweisungen stark sinken“, sagte Dante Mossi, Präsident der Zentral­amerikanischen Bank für Wirtschafts­integration (CABEI), der Nachrichtenagentur Reuters.
Nachdem das Gesetz zur Einführung im Juli im Schnelldurchlauf verabschiedet wurde, hat die Regierung ein Netz von 200 Bitcoin-Geldautomaten aufgebaut. Dort sollen Salvadorianer Bitcoin gegen Bargeld und umgekehrt eintauschen können. Steuern können ab sofort ebenfalls in der Kryptowährung gezahlt werden. Und Händler müssen sie neben dem US-Dollar, der seit 2001 Landeswährung ist, akzeptieren, wenn sie über die entsprechende Technologie verfügen, das gilt auch für die Filialen großer internationaler Ketten wie McDonald’s oder Starbucks.

70 Prozent der Bevölkerung ohne Bankkonto

Für einen Großteil der Bürger ist es die erste Form des digitalen Bezahlens. Rund 70 Prozent besitzen bislang noch gar kein Bankkonto. Sie würden mit dem Schritt in den offiziellen Wirtschaftskreislauf aufgenommen, lautete eins von Bukeles Argumenten. Eines seiner Versprechen lautete daher: Jeder Bürger, der sich für die staatliche Krypto-App „Chivo“ anmelde, werde 30 Dollar in Bitcoin bekommen. Im Vorfeld der Präsident deshalb extra 400 Bitcoin gekauft.

Ob Bitcoin aber wirklich den gewünschten Effekt erzielt ist fraglich. Nur etwa ein Drittel der Salvadorianer nutzt das Internet, fast ein Viertel lebt unterhalb der Armutsgrenze. Laut einer aktuellen Umfrage der Zeitung La Prensa Gráfica haben die meisten von ihnen nicht die Absicht, Bitcoin zu nutzen.

Diejenigen, die die Kryptowährung am Tag ihrer Einführung nutzen wollten, hatten mit technischen Problemen zu kämpfen. Zum einen war die App auf Apple- und Huawei-Geräten zunächst nicht verfügbar, dann waren die Server offenbar überlastet. Gleichzeitig zog es hunderte Demonstranten gegen die Bitcoin-Einführung auf die Straße. Berichten von „La Prensa Gráfica“ zufolge hinderten Sicherheitskräfte sie daran, zum Parlament vorzudringen und dort eine Petition gegen die Kryptowährung zu überreichen.

„Wir wissen wirklich nicht, wie dieses System funktionieren wird“, zitiert die New York Times Evelin Vásquez, die in der Hauptstadt San Salvador Handys verkauft. Sie weiß, dass die Wertschwankungen von Bitcoin dazu führen können, dass ihre Ersparnisse verschwinden: „Man kann verlieren, was man investiert hat, und nichts gewinnen.“ In einer landesweiten Umfrage der Universidad Centroamericana ordneten nur knapp fünf Prozent der Befragten Bitcoin korrekt als Kryptowährung ein.

Mit dem Kurssturz am Einführungstag stellte der Bitcoin seine viel-kritisierte Volatilität auch gleich unter Beweis. Ein Faktor für den Absturz dürfte auch sein, dass viele Anleger dem Börsen-Mantra „Sell on good news“ gefolgt sind. Im Vorfeld zum Währungsstart hatte die Kryptowährung stark an Wert gewonnen. Bukele kaufte angesichts der Entwicklung direkt weitere 150 Bitcoin nach – auch, um dem Preisverfall entgegenzuwirken.

Kryptoszene zwiegespalten, Finanzwelt skeptisch

Die Krypto-Szene sieht derweil auch einige positive Aspekte an dem Projekt. „Es wird unterschätzt, welche Auswirkungen es hat, wenn multinationale Unternehmen wie Starbucks und McDonald’s den elektronischen Zahlungsverkehr mit deutlich niedrigeren Gebühren und sofortiger Abrechnung zu spüren bekommen“, schrieb ein Nutzer angesichts von Bildern von Salvadorianern, die ihr Essen bei großen Fast-Food-Ketten mit Bitcoin bezahlen konnten. „Das geht schnell über die Grenzen von El Salvadors hinaus.“

Viele Krypto-Enthusiasten zeigten sich ebenfalls begeistert: In einer Kampagne in den sozialen Medien forderten sie auf, Bitcoin im Wert von 30 Dollar zu kaufen, um El Salvadors Schritt zu unterstützen. Bitcoin-Befürworter hoffen, dass andere Entwicklungsländer dem Beispiel Bukeles folgen werden. El Salvador könne Vorbild für andere Länder Zentralamerikas mit einer ähnlichen Wirtschaftsstruktur werden, beispielsweise Honduras oder Guatemala, so die Hoffnung.

Andere Beobachter bleiben deutlich skeptischer: „Obwohl das Interesse an der Möglichkeit, dass digitale Währungen neben dem Papiergeld bestehen können, groß ist, wird der Weg zu ihrer Einführung wahrscheinlich lang und mühsam sein“, sagt Jan Strandberg, Gründer der DeFi-Plattform Yield. „Die Regierungen wollen beispielsweise die Kontrolle über Fiatwährungen nicht aufgeben.“

Die internationale Finanzwelt lehnt den Schritt indes größtenteils ab. Der Internationale Währungsfonds hat im Vorfeld vor Kryptowährungen als gesetzliches Zahlungsmittel gewarnt und dabei Risiken für die makroökonomische Stabilität, die finanzielle Integrität, den Verbraucherschutz und die Umwelt (die Erzeugung von Bitcoin verbraucht große Mengen an Strom) angeführt. Die Weltbank lehnte eine Anfrage ab, El Salvador in Sachen Bitcoin zu beraten.

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