Die Trading-App Robinhood ging im vergangenen Jahr an die Börse (Bild: Imago/Richard B. Levine).

„Es reicht nicht, Fantasien zu verkaufen“ – ruppiges Börsenklima für Fintechs

Einige große deutsche Finanz-Startups peilen bereits einen Börsengang an, darunter die beiden Banken N26 und Solarisbank – auch die Kreditplattform Smava wollte einmal an die Börse. Doch nun sind ihre Aussichten erst einmal düster.

Schon 2019 gab es die ersten Gerüchte über einem Börsengang des Kreditvermittlers Smava. Mit Sebastian Bielski hat das Unternehmen einen langjährigen Finanzchef, der bei der Investmentbank Goldman Sachs war und den richtigen Lebenslauf vorweisen kann, um einen IPO zu wagen. Zu der Zeit sagte Smava den Schritt erst einmal wieder ab, weil die Geschäftszahlen nicht gestimmt haben sollen. Doch früher oder später muss sich auch Smava wieder mit den Plänen auseinandersetzen.

Zusammen mit N26 und der Solarisbank gehört es zu den wichtigen deutschen Fintechs, die an der Schwelle stehen, bald an die Börse zu drängen. Dabei herrscht ein Börsenklima, das deutlich schwieriger ist als noch vor einem halben Jahr.

Erste Tech-IPOs wurden bereits abgeblasen oder zumindest verschoben, da­runter die Pläne der Plattform Meinauto oder der Sprachlern-App Babbel. Weitere Absagen sollen folgen, sagt ein Brancheninsider. „Es ist unwahrscheinlich, dass wir in Europa 160 Börsengänge mit rund 50 Milliarden Euro und mehr wie im letzten Jahr erleben werden“, lautet die Prognose von Bastian Schiedat, dem Leiter des Syndikats im europäischen Kapitalmarktbereich bei Berenberg.

Techfirmen müssen zeigen, dass sie „in absehbarer Zeit Gewinne machen können“

Ein großes Thema für den IPO-Markt sind steigende Zinsen. Zuletzt sind die Renditen von Bundesanleihen deutlich angestiegen. „Für die Eigenkapitalmärkte sind Zinserhöhungen immer unangenehm“, sagt Joachim von der Goltz, der bei der Credit ­Suisse das Kapitalmarktgeschäft für Nordeuropa leitet. „Es fließt dann weniger Kapital ins System.“ Mit den steigenden Zinsen geht die Abkehr von hoch bewertetem Wachstum einher – hin zu günstigeren Value-Aktien. Unterbewertete Unternehmen finden sich allerdings eher selten unter Börsennewcomern.

Gerade die Wachstumsunternehmen, die vergangenes Jahr mit hohen Bewertungen an die Börse kamen, gerieten im Ausverkauf der Techaktien zu Jahresbeginn unter die Räder. Schiedat zufolge wird rund die Hälfte aller europäischen Börsenneulinge aus dem Jahr 2021 inzwischen unter ihrem Emissionspreis gehandelt. Die Kurse von vielen US-amerikanischen Fintech-Stars sind in den vergangenen Monaten abgeschmiert. Kein Wunder, dass dies Investoren abhält, jetzt in IPOs zu investieren.

Statt Wachstum zu jedem Preis suchten Investoren inzwischen solide Firmen mit „starken Geschäftsmodellen“, sagt Julian Schoof, Leiter des Investmentbankings der Deutschen Bank für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Alexander Joel-Carbonell, Partner beim Wagniskapitalfonds HV Capital, ergänzt, es reiche nicht mehr, „Fantasien zu verkaufen“ – die Techfirmen „müssen zeigen, dass sie in absehbarer Zeit Gewinne machen können“. Auch für die deutschen Fintech-Kandidaten kein einfaches Unterfangen.

Doch Firmen, die gute Zahlen vorweisen können, würden auch bei dem schwierigen Börsenklima „weiter ihren Weg an die Börse finden“, prognostiziert Julian Riedlbauer von der Investmentbank GP Bullhound. Die großen Firmen würden mindestens mehrgleisig fahren und schauen, ob sie sich über Wagniskapitalgeber finanzieren oder doch den Weg an die Börse finden. Klarna hat gezeigt, dass große Finanzierungen weiterhin möglich sind – laut einem Bericht von Bloomberg will es Kapital zu einer Bewertung von 50 bis 60 Milliarden Dollar einsammeln.

Das richtige Timing spielt dabei eine größere Rolle: Für Startups „ist es heute deutlich komplexer, das richtige Zeitfenster für einen IPO abzupassen, als noch vor einem halben Jahr“, sagt Damian Polok von der Silicon Valley Bank. Dass die Bewertungskorrektur auch gesund ist, da sind sich viele Experten einig. In den vergangenen zwei Jahren hätte sich gezeigt, „dass Firmen an die Börse gekommen sind, die noch nicht börsenreif waren“, sagt Riedlbauer.


Mitarbeit: Stefan Schaaf und Hannah Schwär.

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