Sebastian Siemiatkowski, CEO und Gründer von Klarna, in der Zentrale in Stockholm (Bild: imago/TT)

15 Gründe für den krassen Absturz von Klarna

Der einstige Payment-Star Klarna soll neues Geld zu einer Bewertung von 6,5 Milliarden Dollar aufnehmen – nur ein Bruchteil der 46 Milliarden Dollar, mit denen das Unternehmen noch vor einem Jahr bewertet wurde. Wie konnte es soweit kommen?

Wenn fast alle Fintechs Federn lassen – dann ist klar, dass auch Klarna nicht verschont bleibt. Sumup zum Beispiel wurde zwar zurecht gefeiert für seine Bewertung von acht Milliarden Euro – allerdings soll der deutsch-britische Terminal-Spezialist signifikant mehr angestrebt haben: nämlich rund 20 Milliarden Euro. Ein anderes Beispiel für die momentane Fintech-Baisse: Paypal. Die Aktie ist auf zwölf-Monats-Sicht um 72 Prozent gefallen  Oder: das Geldtransfer-Fintech Wise. Aktie 59 Prozent runter seit dem Börsengang Anfang März.

All das konnte an Klarna nicht spurlos vorbeigehen. Und so verfolgte man in den letzten Monaten mit einer „Klingt irgendwie plausibel“-Attitüde, wie dem schwedischen „Buy now, pay later“-Spezialisten zunächst die angeblich angestrebte 60-Milliarden-Dollar-Bewertung versagt bliebt (Krieg in der Ukraine …), wie dann eine Taxierung von nur noch 30 Milliarden Dollar kolportiert wurde (So sind nun mal die Zeiten …) und wie daraus sogar nur mehr 15 Milliarden Dollar wurden (Okay, okay – wenn jetzt die Rezession kommt … ).

Indes: Nun wird laut Financial Times plötzlich nur noch über eine Bewertung von 6,5 Milliarden Dollar verhandelt. Und das – ist dann doch eine Größenordnung, wie sie selbst vor vier bis fünf Wochen noch jenseits aller Vorstellungen lag. Stimmt die Zahl wirklich? Und lässt sie sich rational begründen?

15 mögliche Gründe für den krassen Absturz des eben noch erfolgreichsten europäischen Finanz-Startups:

1. Momentan sinken fast alle Fintech-Bewertungen. Das zeigen die genannte Beispiele, aber auch Robinhood etwa.

2. Die „Buy now, pay later“-Fintechs trifft es am härtesten. Die Aktie von Klarnas US-Konkurrent Affirm ist seit dem November-Hoch um 90 Prozent gecrasht.

3. Der E-Commerce-Boom macht Pause. Vor Corona hatte Klarnas Bewertung auch nur bei 5,5 Milliarden Dollar gelegen. Der eigentliche Hype begann erst mit der Pandemie und dem großen Shift in Richtung Online-Shopping. Dieser Trend jedoch hat spürbar nachgelassen. Die Folge …

4. Klarna wächst nicht mehr. Die Erträge aus dem ersten Quartal von umgerechnet 329 Millionen Euro bedeuteten zwar ein Plus von 20 Prozent zum Vorjahresquartal – aber einen Rückgang (-11 Prozent) zum Vorquartal.

5. Wie global ist Klarna wirklich? Neben dem E-Commerce-Boom war ein weiterer Treiber für die Bewertungsexplosion die (durchaus erfolgreiche) US-Expansion. Gleichwohl kamen 2021 immer noch die Hälfte aller Erträge aus den beiden Kernmärkten Schweden und Deutschland.

6. Die drohende Rezession macht Wachstum zum Vabanque-Spiel. In den Bestandsmärkten ließe sich das Geschäft zurzeit nur um den Preis schlechterer Bonitäten ausweiten, sagen Experten. Das aber wäre bilanziell gesehen hochriskant, zumal …

7. Klarnas Gewinn- und Verlustrechnung ist anfällig für steigende Ausfallraten. Im ersten Quartal reichten Kreditausfälle von 1,9 Prozent gemessen am Volumen, um ein Drittel des Umsatzes zu verschlingen.

8. Der Funding-Druck ist enorm. Im zweiten Halbjahr 2021 verbrannte Klarna eine komplette Funding-Runde (525 Millionen Euro); auch von Januar bis März machten die Schweden wieder 235 Millionen Euro Verlust – gemessen an einem Eigenkapital von zuletzt noch rund 1,5 Milliarden Euro. Eher früher als später muss das Fintech (das als Bank ja auch Eigenkapitalvorgaben zu erfüllen hat) wieder Geld einsammeln.

9. Die Refinanzierungs-Kosten steigen. Für einjähriges Festgeld bietet Klarna deutschen Sparern aktuell 1,3 Prozent. Vor zwölf Monaten waren es 0,5 Prozent. Und: Nicht nur für Klarna wird das Geld teuer – das Gleiche gilt für Klarnas Investoren.

10. Die Regulatoren kommen. Sowohl in der EU als auch in den USA drohen dem „BNPL“-Modell vonseiten der Regulierer strengere Vorgaben.

11. Wachsende Konkurrenz. Überall auf der Welt sind in den zurückliegenden zwei bis drei Jahren neue BNPL-Player entstanden, in Europa beispielsweise Scalapay. Für Händler (deren Provisionen letztes Jahr 76 Prozent von Klarnas Erträgen ausmachten) tun sich Alternativen zu dem schwedischen Fintech auf.

12. Apple. Auch und gerade der Anfang Juni verkündeten Einstieg des US-Konzerns ins BNPL-Geschäft (via „Pay later“-Funktion in der Apple-Wallet) könnte merkliche negative Folgen für Klarnas Marktposition haben.

13. Fehlender Fokus? Im Boom wurde Klarna für seine Weiterentwicklung vom BNPL-Fintech zur Shopping-App gefeiert. Denkbar, dass Investoren diese Strategie inzwischen sehr viel kritischer sehen.

14. Wie stark ist die Brand wirklich? Kunden erhalten zurzeit bis zu 50 Euro, wenn sie neue Nutzer für die Klarna-App werben. Fragt sich, ob das noch aggressiv ist oder schon desperat.

15. Vielleicht sind die 6,5 Milliarden Dollar ja auch Low-Balling. Sollte Klarna jedenfalls dann doch zu, sagen wir, zwölf oder 17 Milliarden Dollar funden, sähe das plötzlich fast schon wie ein großer Erfolg aus.

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