SO1 ermittelt individuelle Rabatte für Supermärkte. (Bild: imago images/photothek)

Wirecard übernimmt Berliner Big-Data-Startup SO1

Exklusiv: Bei Wirecard scheint sich im Moment alles um Personalquerelen und Täuschungsvorwürfe zu drehen. Im Hintergrund aber treibt der Payment-Konzern den Ausbau seines Geschäfts voran – und hat dafür nach Informationen von Finance Forward einen Berliner Big-Data-Spezialisten übernommen.

Zum ersten Mal kam die Software von SO1 in einigen Berliner Kaiser’s-Supermärkten zum Einsatz – sechs Jahre ist das her, die Märkte gehören längst zur Konkurrenz. Am Eingang der Läden konnten Konsumenten ihre Kundenkarte einscannen, aus dem Gerät kam dann ein Rabattcoupon.

Was sich nach einem unspektakulären Vorgang anhört, war damals technisch fortgeschritten. Denn die SO1-Software analysierte das Kaufverhalten der Kunden und berechnete individuelle Rabatte. „Wenn wir den Cola-Absatz erhöhen wollen, finden wir heraus, ob Du als Pepsi-Liebhaber für Cola ein potenzieller Kunde bist“, erklärte Gründer Raimund Bau das Konzept im Gespräch mit der Zeit. In dem Beispiel würde der Kunde einen Rabattcoupon für eine Cola erhalten. Auf diesem Weg wollte SO1 für jeden Kunden einen individuellen Preis ermitteln – „die totale Preisdifferenzierung, also quasi der heilige Gral der Mikroökonomie“, so Bau gegenüber Gründerszene.

Nach dem Ende von Kaiser’s testeten auch große Supermarktketten wie Rewe und Edeka das System von SO1. Doch in den vergangenen Jahren wurde es ruhig um das Berliner Startup. Nach Informationen von Finance Forward hat SO1 nun einen neuen Eigentümer gefunden: Der Aschheimer Zahlungsdienstleister Wirecard hat das Berliner Unternehmen gekauft. Der Exit an den umstrittenen Dax-Konzern blieb derweil längere Zeit unbemerkt, bereits seit Wochen ist der Unternehmenskauf im Handelsregister eingetragen.

Ein Zukauf mit Signalwirkung

Zu dem Zukauf von SO1 und der Übernahmesumme äußerte sich Wirecard auf Anfrage nicht. Der Kaufpreis dürfte im hohen einstelligen oder niedrigen zweistelligen Millionenbereich liegen, finanziert wurde die Firma über die Jahre etwa vom Wagniskapitalgeber Target Partners.

Für Wirecard sind das keine Dimensionen, die groß ins Gewicht fallen. Zumal der Konzern im Moment ganz andere Sorgen hat: Wegen des Verdachts der Bilanzmanipulation steht das Unternehmen derzeit permanent im Fokus der Öffentlichkeit. Mit Spannung erwartet wird der Jahresabschluss, dessen Verkündung mehrfach verschoben wurde und der nun am 18. Juni vorliegen soll.

Trotzdem zeigt der Zukauf, wie sich Wirecard strategisch ausrichtet. Das Unternehmen verdient bislang Geld vor allem als Zahlungsdienstleister – Händler wie etwa der Haushaltswarenhändler WMF oder das Telekommunikationsunternehmen Orange lassen ihre Zahlungen über Wirecard abwickeln. Der Kauf von SO1 gibt Hinweise darauf, wie das Payment-Unternehmen in Zukunft sein Angebot erweitern will. Mit der Software von SO1 könnte es künftig möglich sein, den Unternehmen auch Marketingdienstleistungen zu verkaufen.

Werbeagenturen als neue Konkurrenz

Zusammen mit den Payment-Daten von Wirecard selbst kann SO1 theoretisch noch genauere Preisvorhersagen treffen – und das Wissen nutzen, gezielte Werbekampagnen auszuspielen, zum Beispiel mit Rabattaktionen. In diesem großen Markt konkurriert die neue Wirecard-Tochter SO1 mit Werbeagenturen, die große Marketingbudgets von Händlern verwalten.

Um gegen die Konkurrenz bestehen zu können, müsste es dem Payment-Konzern gelingen, mithilfe der Datenanalysen und den entsprechenden Marketingkampagnen bessere Verkaufsergebnisse zu erzielen als die Wettbewerber. Wirecard werde die Marketing-Dienstleistungen vorausichtlich noch weiter ausbauen, heißt es aus der Branche.

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