Amazon Go: Angriff auf den Einzelhandel oder der perfekte Payment-Showcase? © Amazon

Warum Amazon schon längst eine Bank ist

Eine riesige Kundenbasis, massig Cashresserven und die Bereitschaft zu scheitern: Die Sorgen des Finanzsektors, dass Amazon groß ins Bankengeschäft einsteigen könnte, sind nicht ganz unberechtigt. Eigentlich kommen sie aber zu spät: Amazon ist praktisch schon eine Bank.

Würde die Sparkasse um die Ecke oder gar eine Direktbank jemals einen Servicemitarbeiter zum Kunden nach Hause oder ins Büro schicken, damit er eine Einzahlung tätigen kann? Sehr wahrscheinlich nicht. Aber Amazon macht genau das. Nicht in Europa. Noch nicht.

Doch in Indien nehmen Zusteller von Amazon-Lieferungen bereits Bareinzahlungen an der Haustür entgegen. Denn indische Kunden bevorzugen nach wie vor die Barzahlung bei der Paketannahme. Das Unternehmen sammelt dabei Gelder über die Cashload-Funktion in Amazon Pay ein. Amazon erlaubt es zudem, überschüssiges Bargeld aus dem Einkauf auf dem eigenen Amazon-Pay-Konto einzulagern. Etwa auch, um Guthaben für zukünftige Bestellung anzusparen. Praktisch: Diese Guthaben lassen sich auch zur Bezahlung anderer Rechnungen über Partner-Websites und -Apps sowie für Amazon-Dienste, wie z.B. Prime, verwenden. Auf diesen Konten befinden sich dann Guthaben von Geschenkkarten sowie Gutschriften für Retouren. Ausgaben- und Saldenverfolgung sind inklusive. Bis zu 10.000 Rupien, umgerechnet rund 121 Euro, können Kunden in Indien monatlich einzahlen – ein bedeutender Betrag in einem Land, in dem das Durchschnittseinkommen bei etwa 42 Euro pro Monat liegt. Neben der Cashload-Funktion erlaubt Amazon auch Einzahlungen von Kreditkarten, Debitkarten und Bankkonten.


Die vielen Finanzprodukte aus dem Hause Amazon

Per Definition ist eine Bank „ein Kreditinstitut, das entgeltliche Dienstleistungen für den Zahlungs-, Kredit- und Kapitalverkehr anbietet“. Wohlgemerkt: Indiens Wirtschaft basiert zu 80 Prozent auf Bargeld. Nur die Hälfte der Bevölkerung besitzt ein Bankkonto. Dennoch stellt sich die Frage: Ist Amazon nun schon eine Bank? Zumindest ermöglicht das Unternehmen den Banklosen in Indien, am wirtschaftlichen Aufschwung zu partizipieren – auf der eigenen Plattform wohlgemerkt. Ist das schon ein Vorgeschmack auf die „Bank of Amazon“, vor der die Banken in einem Atemzug mit der „GAFA-Bank“ solche Angst haben? Schließlich entwickelt Amazon seit geraumer Zeit Finanzprodukte:

Amazon Go: Ein Pilotprojekt für den Einzelhandel, aber vor allem ein Showcase für die Zukunft des Payments: „Keine Warteschlange. Keine Kasse. Nein, im Ernst“, heißt es den Schaufenstern der Filialen. Ein Slogan, der auch gut zu einer Bank der Zukunft passen könnte, oder?

Amazon Pay: Den Service nutzen laut Lindsay Davis, Tech Industry Analyst bei CB Insights, bereits 33 Millionen Kunden in 170 Ländern. In Indien gibt es zudem den Cashload-Service. Und in Mexiko, bis heute traditionell eine bargeldbasierte Gesellschaft mit vielen Menschen ohne Bankverbindung, stattet Amazon so viele Kunden zum ersten Mal in ihrem Leben mit einer Debitkarte aus. Eine „eigene“ Visa-Karte bietet Amazon übrigens auch hierzulande schon länger an. Allerdings handelt es sich dabei nicht um ein eigenes Produkt, sondern eine Kooperation mit dem Kartenanbieter.

Amazon Cash: Wandelt in immer mehr US-Supermärkten über Automaten Bargeld und Münzen in Amazon-Geschenkkarten um. Verbraucher können auch Geschenkgutscheine an vielen Handelsplätzen und in Western Union- und MoneyGram-Standorten kaufen, um Bargeld in Kredite umzuwandeln, die sie im Amazon-Ökosystem einsetzen können. „Amazon Cash ist eine Verwahrstelle für Bargeld und ein alternatives Girokonto für Nichtbanken“, sagt Davis gegenüber FinancialBrand. Sie fügt hinzu, dass diese Menschen eine Wachstumschance für Prime darstellen. Davis stellt fest, dass die FDIC-Zahlen darauf hindeuten, dass allein in den USA 35 Millionen Haushalte ohne und ohne Bankverbindung leben. Weltweit leben schätzungsweise 1,7 Milliarden Menschen ohne Bankkonto in Volkswirtschaften, in denen Amazon eine lokale Präsenz aufbaut. Davis stellt fest, dass etwa zwei Drittel der Bevölkerung ohne Bankverbindung Mobiltelefone besitzen – und damit ein filialfreies Bankspiel für Amazon schaffen.

Ein in Europa noch relativ unbekanntes Finanzprodukt aus dem Hause Bezos ist Amazon Allowance, eine wiederaufladbare Debitkarte, die Eltern Kindern zur Verfügung stellen können. Taschengeld 2.0 sozusagen, das der Nachwuchs dann gleich wieder bei Amazon vershoppen kann. Vor allem Verkäufern ist Amazon Lending ein Begriff. Hierüber vergibt Amazon bereits Milliarden an Krediten an kleine Unternehmen. Händler können das Inventar finanzieren, das sie bei Amazon verkaufen, und Amazon wiederum verdient Geld mit den Darlehen und den Verkäufen. Ach, und über Amazon Protect macht das Unternehmen einen Ausflug in die Versicherungsbranche. Wann in letzter Zeit hat, abseits von Robo-Advisors, eine Bank nur mit einem Bruchteil dieses Innovationswillens von sich Reden gemacht?

Was will Amazon im Finanzsektor?

Zudem hält sich hartnäckig das Gerücht, dass das Unternehmen mit Sitz in Seattle einen Marktplatz für Finanzprodukte lancieren könnte. Dass die Banken dennoch skeptisch sind, lässt sich auch relativ einfach mit unterschiedlichen Regulierungen erklären. So muss eine Bank gegen Risiken große Kapitalmengen als Puffer vorhalten. Amazon muss sich daran nicht halten. „Es steht Amazon frei, dieses Kapital für zusätzliches Wachstum zu nutzen“, erklärt Davis.

„Amazon baut eine Bank für Amazon“

Zumal das Office of the Comptroller of the Currency (OCC) erst vor Kurzem Fintechs ermöglicht hat, auf nationaler Ebene eine Zulassung als Finanzdienstleister ohne Bank zu beantragen. Davon dürften in den USA zu einem Fintechs, wie Kreditplattformen und Payment-Anbieter sowie Krypto-Startups, profitieren. Industriebeobachter sehen hier aber auch eine Lücke für die „Bigtechs“, wie Google, Amazon, Facebook und Apple. Aber kann es dennoch sein, dass der Bankensektor die Pläne von CEO Jeff Bezos einfach nur missversteht? „Amazon baut keine Bank nach traditioneller Definition“, erklärt Davis. „Amazon baut Finanzdienstleistungsprodukte, um die Beteiligung am Amazon-Ökosystem zu erhöhen. Amazon baut eine Bank für Amazon – und das ist vielleicht noch verlockender als die Gründung einer traditionellen Bank, die Einlagen hält.“ Laut Davis will Amazon drei Dinge:

Händler befähigen: Amazon möchte die Zahl der Drittanbieter, die Waren auf seinen Websites verkaufen, erhöhen und sie in die Lage versetzen, mehr zu verkaufen. Wenn es ihnen besser geht, verdient auch Amazon mehr Geld.

Kunden befähigen: Amazon will die Zahl der Kunden, die Amazon nutzen, erhöhen und ihnen ermöglichen, mehr innerhalb des Ökosystems auszugeben.

Kaufs- und Verkaufshindernisse reduzieren: Amazon entwickelt und und launcht Tools, die es Händlern und Verbrauchern erleichtern sollen, innerhalb des Systems zu handeln.

Zudem bringt Amazon Qualitäten mit, die etlichen Banken noch fehlen. Allem voran massiv Barreserven, um sich im Finanzsektor auszuprobieren: In Indien hat das Unternehmen öffentlich sieben Milliarden Dollar für den Aufbau seiner Aktivitäten zugesagt. „Amazon hat keine Angst, Bargeld zu verbrennen, um Payments in Indien zu gewinnen“, sagt Davis. Das Unternehmen hat bereits mehr als 27 Millionen Dollar investiert, um durch mehrere Programme knapp mehr als eine Million Dollar zu erzielen. Unvorstellbar für eine regulierte Bank in den USA. Zudem akzeptiert Amazon Misserfolge. CEO Jeff Bezos hat keine Angst, einen Service abzuschalten, umzugestalten und später wieder neu auszurollen. Hinzukommt ein riesiges Ökosystem: Amazon hat 310 Millionen aktive Kunden, 100 Millionen Prime-Kunden, 50 Millionen Echo-Besitzer und 5 Millionen Verkäufer. Eine perfekte Basis für Cross-Selling also. Und zuletzt auch riesige Mengen an Nutzerdaten: Zwar verfügen auch Banken über einen großen Datenschatz, allerdings ist dieser historisch bedingt nur selten ohne großen Aufwand technisch sinnvoll nutzbar. Wohingegen Amazon über riesige Rechenzentren und Tracking-Tools verfügt, um dem Nutzer auf Basis von Transaktionsdaten das passende Produkt zu vermitteln.

Ein Produkt ist ein Produkt ist ein Produkt

Dass der Bankensektor ein großer Markt mit großen Ineffizienzen ist, daran dürfte weder die Kunden, noch die Banken selbst zweifeln. Schließlich wurde der Grundstein für die heutige IT-Bankeninfrastruktur in den 1980er Jahren gelegt. Seitdem wurde modifiziert und ergänzt. Wühlt man sich heute durch ein durchschnittliches Banksystem ein, wird man problemlos noch Elemente finden, die in Turbo Pascal geschrieben wurden. Einer Programmiersprache, die vor 35 Jahren auf einem DOS-Betriebssystem entwickelt wurde. Aus diesem Grund partnern Geldhäuser immer häufiger mit Fintechs, haben aber dennoch große Probleme, sich im New-Finance-Sektor gegen die Erfahrung und Geschwindigkeit der GAFA zu behaupten. Geschweige denn, mit Neu-Entwicklungen vorweg zu gehen.

So ist es vielleicht an den Bigtechs wie Amazon, diese Ineffizienzen im Sinne des Kunden mit eigenen Services zu beseitigen und eventuell sogar den Banken eine neue Vertriebsplattform für Finanzprodukte zu bieten. Doch auch wenn Bezos noch keine Anstalten macht, das größte digitale Geldhaus der Welt zu gründen und sein Unternehmen sich auf die Entwicklung von Finanzdienstleistungen konzentriert, die die Teilnahme am Amazon-Ökosystem ermöglichen: Produkt ist Produkt. Und wenn ein Nutzer bei Amazon das bekommt, was seine Hausbank nicht liefern kann, interessiert ihn wenig, ob sein Lieblingsversandhändler nun auch eine Bank ist. Schließlich führt Amazon in den meisten Ländern die Rankings zur Kundenzufriedenheit an. Banken landeten zuletzt im hinteren Mittelfeld.