Bezahlen mit Apple Pay: Bald auch in Deutschland © Apple

Warum Apple schon jetzt ein sehr erfolgreiches Fintech ist – und Amazons Einstieg nur eine Frage der Zeit

Apple Pay kommt nach Deutschland: Soweit Grund zur Freude aller, die mit ihren iPhones schon neidisch auf die Android-Konkurrenz geschaut haben. Doch im jüngsten Earnings Call untergegangen ist ein nicht zu vernachlässigendes Detail: Still und heimlich mausert sich der Konzern aus Cupertino zum ernstzunehmenden Fintech. Derweil halten Experten auch einen Einstieg Amazons für unumgänglich. 

Es war ein Schritt, der sich angedeutet hatte: Sowohl in der Tech- als auch der Finanzbranche ging seit Monaten das Gerücht um, dass Apple Ende des Jahres den Bezahldienst „Pay“ in Deutschland starten könnte. Die Bestätigung lieferte diese Woche CEO Tim Cook beim Earnings Call. Bei der Vermeldung der Tatsache, dass Apple Pay kommt, ging aber ein beeindruckendes Detail unter: Wie erfolgreich Apple Pay bereits ist. Genauer: Wie stark der Bezahldienst wächst.

Die Transaktionen verdreifachten sich gegenüber dem Vorjahr auf mehr als 1 Milliarde. Damit überholte Apple sogar PayPal – zumindest mit Blick auf die mobilen Transaktionen. Zum Vergleich: Im Vorjahreszeitraum kam Apple gerade mal auf 330 Mio. Payments, PayPal zu diesem Zeitpunkt auf 1,8 Milliarden. Doch während der Payment-Riese im Vergleich zum Vorjahreszeitraum „nur“ 0,5 Mrd. Transaktionen mehr verbuchen konnte, legte Apple Pay um 200 Prozent zu. Damit hat der iPhone-Bauer im Heimatmarkt sogar Square, den Zahlungsdienstleister von Twitter-CEO Jack Dorsey, überholt.

Vorbild Alibaba: Payments sind nur der Anfang

Spätestens seit dem Start von Google Pay in Deutschland fürchten auch hierzulande Banken und Finanzdienstleister, dass die Zahlungsabwicklung durch die IT-Riesen nur der Anfang ist. Die Sorgen könnten berechtigt sein: Der Alibaba-Affiliate und Fintech-Gigant Ant Financial, laut Bloomberg aktuell auf 150 Milliarden Dollar geschätzt, erweiterte das Finanzportfolio jüngst von der reinen Zahlungsvermittlung um eine Vermögensverwaltung. Laut Analysten des Marktforschungsunternehmens Bernstein betreibt das chinesische Unternehmen einen Robo Advisor, der mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz auf Basis von Zahlungsaktivitäten „passende“ Investitionen vorschlägt. „Der Kernzahlungsdienst fungiert als Tor zu einer breiteren Nutzung des Dienstes“, schreiben die Analysten. „Das ist ein Modell, dem andere Technologieunternehmen folgen könnten.“

Dass Banken durchaus in der Lage sind, ein ähnliches Momentum hinzulegen wie das Silicon Valley, zeigt sich in den USA am Beispiel von Zelle (nicht das von PayPal für 2,3 Milliarden Dollar aufgekaufte Zettle). Der Geldtransferdienst befindet sich im Besitz der größten US-Banken. Der Service wurde im Juni 2017 eingeführt, damit Banken mit Peer-to-Peer-Zahlungsanwendungen wie Venmo (PayPal) und Cash App (Square) konkurrieren können. Zelle, auch in den Apps der Mitgliedsbanken integriert, soll nach einer Prognose von eMarketer noch 2018 Venmo bei den Nutzern überholen. Demnach könnte der Service in den USA bis Jahresende um mehr als 73% auf 27,4 Mio. Nutzer wachsen und damit vor Venmo mit 22,9 Mio. Nutzern und Square Cash mit 9,5 Mio. Nutzern liegen. Die Anzahl der Transaktionen über Zelle ist mit o,1 Mrd. allerdings noch relativ gering.

Zumindest in Deutschland sind die Geldhäuser noch vorrangig um Insellösungen bemüht. Die Sparkassen setzen auf „Mobiles Bezahlen“, während etwa die Postbank und Konzernmutter Deutsche Bank ebenfalls eigene Lösungen in ihre Apps integrieren. Der Haken: Der Kampf um den Nutzer entscheidet sich an der Kasse. Der Einzelhandel muss die unterschiedlichen Standards unterstützen. Hier gilt: Je mehr Nutzer ein Dienst hat, desto wahrscheinlicher wird er unterstützt. Und genau das ist das Pfund, mit dem das Silicon Valley wuchern kann: Google mit Android, Amazon mit Prime, Facebook zusammen mit WhatsApp und Apple mit Hunderten Millionen Devices haben eine milliardengroße Userbase. Sie müssen nicht erst den mühsamen Weg eines Tech-Startups beschreiten, Nutzer auf ihre Plattform zu locken. Wie schwierig das ist, merkt gerade der deutsche Login-Dienst Verimi. Ins Leben gerufen vom Verlagsriesen Axel Springer, der Deutschen Bank, der Postbank sowie der Deutschen Telekom kommt das Fintech gerade mal auf eine überschaubare fünfstellige Nutzerzahl.

Das Marktplatzmodell für Finanzprodukte

Gerade hier sehen Analysten von Juniper Apple auf lange Sicht vorn: 227 Millionen Nutzer bis 2020 und damit mehr als Google Pay und Samsung Pay, der andere große Android-Bezahldienst, zusammen. Während Apples Vice President für Onlinedienste Eddy Cue dem Vernehmen nach aber schon bereits 2015 nach einem Treffen mit Managern der Citi-Bank mit allen Gerüchten um einen Einstieg ins Bankengeschäft eine Absage erteilte, könnte hingegen Amazon Bernstein zufolge schon bald ins Asset Management einsteigen. Die Analysten halten es für sinnvoll, dass der E-Commerce-Riese sein Dienstleistungsangebot um einen entsprechenden Service erweitert. „Wir denken, dass Amazon gut positioniert ist, um die Branche zu stören, und angesichts der Rentabilität der Branche könnte es gut sein, dies zu tun“, erklärte Bernsteins Senior-Analyst Edward Houghton diese Woche in einem Forschungsbericht.

Houghton ist mit dieser Annahme nicht allein. In einer Telefonkonferenz im März erwähnte Morgan Stanley-Präsident Thomas Kelleher gegenüber Analysten, dass die Vermögensverwaltung für Privatkunden „sehr offen für Disruption“ sei. Die Investmentbank hatte vor nicht allzu langer Zeit einen eigenen Schwerpunkt in der Vermögensverwaltung gesetzt. Robo Advisors, die mit Algorithmen helfen, finanzielle Entscheidungen zu treffen, könnten der Sweetspot für Amazon sein. Laut Bernstein könnte dies bedeuten, den Kunden die Advisor eines anderen Unternehmens anzubieten – ähnlich wie auf dem Marktplatz für Waren – oder einen eigenen „Enhanced Robo“ aufzubauen, der es ihm ermöglicht, die Kundendaten für eine maßgeschneiderte Anlageberatung zu nutzen.

Ein Engagement Amazons als „superaktiver Vermögensverwalter“ hält man für unwahrscheinlich. Würde das Unternehmen von Jeff Bezos eigenständig Geld verwalten, könnte das Risiko für die Reputation den möglichen Ertrag übersteigern. Umso interessanter: Der Analyse zufolge entspricht das Profil von Amazon-Prime-Kunden exakt dem von Fondskäufern, zum anderen hätten Umfragen eine hohe Bereitschaft der Kunden zu Tage gefördert, Robo-Advisor-Dienste oder Altersvorsorgeleistungen von Amazon in Anspruch zu nehmen.

Mit der Fintech-Konkurrenz dürfte sich mittlerweile auch der letzte Bankmanager abgefunden haben. Aber ETFs bei Amazon? Und ein rasant wachsendes Apple Pay? Der Digitalisierungsdruck in der Finanzbranche, er scheint in beeindruckender Geschwindigkeit zuzunehmen.