Visualvest setzte früh auf Nachhaltigkeit. (Bild: Tyler Casey)

Robo-Advisor Visualvest knackt Zwei-Milliarden-Marke

Exklusiv: Paukenschlag in der deutschen Robo-Advisor-Branche – während sich die meisten Banken mit ihren Anlageangeboten schwertun, zeigen die Genossenschaftsbanken mit dem Robo-Advisor Visualvest ein beeindruckendes Wachstum. Wie ist das gelungen?

Der „Visualvest“ genannte digitale Vermögensverwalter der Genossenschaftsbanken hat sein betreutes Anlagevermögen in nur dreieinhalb Monaten auf zwei Milliarden Euro verdoppelt, wie Geschäftsführer Olaf Zeitnitz dieser Tage im Gespräch mit Finanz-Szene.de berichtete. Eine solche Dynamik ist bei hiesigen Robos ohne Beispiel.

Zur Einordnung: Marktführer Scalable Capital brauchte einst von Mai 2018 bis Dezember 2019 (also gut anderthalb Jahre), um die Kundengelder von eine Milliarde Euro auf zwei Milliarden Euro zu steigern. Und nicht zu vergessen: Die meisten anderen digitalen Vermögensverwalter hierzulande sind von solchen Dimensionen ohnehin noch weit entfernt.

Die hohen Zuflüsse bei Visualvest könnten auf einen Paradigmenwechsel innerhalb der genossenschaftlichen Bankengruppe hindeuten – zumal der weit überwiegende Teil der zwei Milliarden Euro gar nicht im Direktvertrieb, sondern über örtliche Genoinstitute vertrieben wurde.

Früher Fokus auf Nachhaltigkeit

Rückblick: Im Mai 2019 hatte Finanz-Szene im Artikel „Wie Deutschlands Banken ihre Robo Advisor absaufen lassen“ die These aufgestellt, dass Banken und Sparkassen das Robo-Thema allenfalls mit halber Kraft verfolgen – mutmaßlich aus Furcht, das lukrativere Geschäft mit klassischen Investmentfonds zu kannibalisieren. Zwei Jahre später hat man eigentlich nicht den Eindruck, dass sich hieran allzu viel geändert hätte. Konkret …

– Der gemessen an den Kundengeldern größte deutsche Banken-Robo war (bis „Visualvest“ vor Jahresfrist vorbeizog) der „Cominvest“ der Comdirect. Der allerdings hat seine Assets under Management (AuMs) in den zurückliegenden 24 Monaten lediglich von rund 400 Millionen Euro auf schätzungsweise 900 Millionen Euro gesteigert – also ein mittlerer Zuwachs bescheidenen gut 20 Millionen Euro pro Monat (obwohl der „Cominvest“ nicht nur über die Comdirect, sondern angeblich auch über die Commerzbank vertrieben wird).
– Vom „Robin“ getauften Robo-Advisor der Deutschen Bank hört man schon seit Ewigkeiten gar nichts mehr.
– Beim „Bevestor“ (das ist das Visualvest-Pendant der Sparkassen) belaufen sich die AuMs auf 55 Millionen Euro (Stand: Februar 2021).

Wie kann es dann sein, dass Visualvest jetzt in kürzester Zeit fast sensationell die zweite Milliarde vollgemacht hat?

Die Entwicklung der vergangenen Monate sei auf „eine Reihe von Effekten zurückzuführen“, sagte der Visualvest-Chef Zeitnitz im Gespräch. Ein Fakor sei die insgesamt positive Stimmung an den Märkte gewesen. Zudem habe Visualvest bei den Portfolios frühzeitig auf das Thema Nachhaltigkeit gesetzt – und profitiere davon nun entsprechendmehr als (gut 50 Prozent des Neugeschäfts entfallen bereits auf nachhaltige Portfolios …).

Als digitaler Anbieter spiele den Robo-Advisorn darüber hinaus auch die Pandemie in die Karten. Denn: „Die einzelnen Genobanken bedienen mit ihren auf Visualvest basierenden Lösungen sämtliche Kanäle. Das heißt, der Abschluss über das Service-Center ist genauso möglich wie ein reiner Online-Abschluss.“ Nicht zuletzt: „Die Performance unserer Portfolios ist gut. Das spielt natürlich auch eine Rolle.“ (Anm. der Red.: Im Echtgeldtest von „Brokervergleich“ schneidet der Geno-Robo zwar nicht überragend, aber ordentlich ab).

Implementierung in 800 Banken

Dem Eindruck, dass die genossenschaftliche Bankengruppe ihren Robo-Advisor gewissermaßen von der Leine gelassen hat, widersprach Zeitnitz. Stattdessen führte der Visualvest-Chef die jüngste Explosion (nach einer lange Zeit ja doch eher bescheidenen Entwicklung auf sozusagen natürliche Gründe zurück. „Wenn Sie ein Tool wie Visualvest – oder genauer: die auf Visualvest basierenden Whitelabel-Lösungen – in einem Verbund von rund 800 Banken implementieren wollen, dann müssen sie anders vorgehen, als das ein unabhängiges Fintech tut. Wenn Sie einfach nur das Marketing hochfahren, dann bringt das nicht unbedingt etwas. Sondern: Sie müssen das Produkt erst einmal in die Fläche bringen. Dort wiederum müssen die Berater geschult werden. Zudem haben die meisten Ortsbanken Jahrespläne beim Vertrieb und beim Marketing, was Sie ebenfalls berücksichtigen müssen … Darum kann das durchaus länger dauern, bis Sie da auf eine kritische Masse kommen.“

Wie viel von den zwei Milliarden Euro auf das eigentliche Endkundenprodukt „Visualvest“ entfällt und wie viel auf die Whitelabel-Lösungen, wollte Zeitnitz nicht verraten. Allerdings darf man davon ausgehen, dass der Absatz weit überwiegend von den Primärbanken kommt. Denn: Die Entwicklung des 2016 gestarteten Geno-Robos war von Anfang an darauf ausgelegt, das Tool den einzelnen Volksbanken, Raiffeisenbanken und sonstigen Genoinstituten anzubieten. Rund 450 der insgesamt etwa 800 Primärbanken hätten das Tool mittlerweile in den ein oder anderen Form implementiert, sagt Zeitnitz. Dabei kommen grosso modo zwei Modelle zum Einsatz:

– Entweder, Visualvest beliefert die Banken abgesehen von der technischen Plattform auch mit den eigenen Portfolios …

-… oder die Banken benutzen zwar das Tool – stellen die Portfolios aber selbst zusammen (weshalb man streng genommen bei den zwei Milliarden Euro von Visualvest von „Assets auf der Plattform“ statt von „Assets under Management“ sprechen sollte. Weil: Visualvest verwaltet die Summe eben nicht komplett selbst).

Hohe Gebühren für GLS-Robo

Letzteren Weg – also den mit den eigenen Portfolios – geht zum Beispiel die ökologisch ausgerichtete Bochumer GLS Bank, dem Vernehmen nach einer der wichtigsten B2B-Partner von Visualvest. Sieht man sich deren Robo Advisor „GLS onlineInvest“ etwas genauer an, dann stellt man rasch fest, dass die technischen Grundlagen (etwa: das Onboarding) zwar quasi eins zu eins dem Visualvest-Angebot entsprechen. Die streng an Nachhaltigskeitskriterien ausgerichteten Portfolios stellt die GLS Bank indes selbst zusammen allerdings – und beim Pricing geht das Öko-Institut ganz offensichtlich ebenfalls eigene Wege.

Konkret, um die Unterschiede zu verdeutlichen:
– Visualvest nimmt von seinen Endkunden eine pauschale Gebühr von 0,6 Prozent pro Jahr auf das investierte Vermögen. On top kommen die Produktkosten, die zwischen 0,17 Prozent und 0,68 Prozent p.a. liegen (das Angebot ist ETF-basiert)
– Bei der GLS Bank kommen dagegen grüne, aktive Zielfonds zum Einsatz. Rechnet man die 1-Prozentige Servicegebühr hinzu, kommt man auf Gesamtgebühren von 1,91 Prozent bis 2,54 Prozent, verglichen 0,76 Prozent bis 1,28 Prozent bei Visualvest. Mit anderen Worten: Die Banken können den Geno-Robo durchaus so ausgestalten, dass ähnlich hohe Margen wie bei klassischen Investmentfonds hängen bleiben dürften.

„Unser Ziel ist es nicht, irgendwen abzuhängen oder einzuholen“

Auf Kampfansagen gegenüber Konkurrenten wie Scalable Capital verzichtet Zeitnitz. Im Gegenteil: „Unser Ziel ist es nicht, irgendwen abzuhängen oder einzuholen, wir wollen optimale Produkte und Lösungen für den Genobereich liefern.“ Für die kommenden Wochen und Monate rechnet der Visualvest-Chef „mit einer etwas nachlassenden Dynamik“, das aber sei „in den Sommermonaten ganz normal“. Gleichwohl: „Dass es mit der nächsten Milliarde ewig dauern wird, will ich trotzdem nicht behaupten.“

Damit stellt sich dann aber wohl oder übel die Frage, wie lange der hiesige Robo-Marktführer noch Scalable Capital heißt – und wann Visualvest vorbeizieht. Nach eigener Darstellung kommt Scalable momentan auf gut vier Milliarden Euro Assets under Management. Hiervor entfällt aber mindestens eine Milliarde Euro aufs Brokerage. Merke: Im originären Robo-Geschäft sind die Abstände nicht mehr so groß.

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