Fabio De Masi beschäftigt sich mit dem Twitter-Harakiri um Elon Musk (Bild: imago, Collage: FFWD)

Einhörner am Limit

Tech-Unternehmen stehen unter Druck. Der Krieg und die Zinserhöhungen der Zentralbanken führen zu Unsicherheit. Startups, die kürzlich noch mit Kapital überhäuft wurden, ernten nun das Misstrauen der Investoren, kommentiert Wirecard-Aufklärer und Finanz-Experte Fabio De Masi.

Im Schatten des Ukrainekrieges und der globalen Zinsrallye befinden sich Tech- und Kryptofirmen in einer Krise. So manches Einhorn wird jetzt wie ein alter Gaul zur Schlachtbank geführt. Die einst gehypten Gründer merken langsam: Die Börse ist kein Ponyhof! Die Insolvenz der Kryptobörse FTX kam kürzlich hinzu und schickte die Kryptowerte in den Keller.

Das Spektakel, die kriminelle Energie bis hin zur Wahnwitzigkeit, die mit jeder Finanzkrise einhergehen, können dabei den Blick auf das Wesentliche verstellen. So etwa auch das Twitter-Harakiri um Elon Musk. Denn es geht längst nicht nur um Twitter. Auch bei Meta (vormals Facebook), Amazon oder der Zahlungsplattform Stripe rollt eine Entlassungswelle. Investoren stellen nach Jahren des billigen Geldes für Tech-Visionen von Krypto bis zum Metaverse irgendwann die einfache, aber harte Frage: „Wie verdient ihr morgen und nicht erst 2050 Geld?“

Zinskosten machen Twitter zu schaffen

Beispiel Twitter: Der dem Ex-US-Präsidenten Donald Trump nahestehende Unternehmer Elon Musk versucht bei dem Mikroblogging-Dienst Twitter aggressiv, Daten in Gold zu verwandeln (Monetisierung) und sein 44-Milliarden-Dollar-Investment wieder reinzuholen. Auch Pläne für einen Zahlungsdienst gibt es bereits. Gleichzeitig springen Werbekunden wie Volkswagen, Audi oder Pfizer wegen seiner fragwürdigen Aussagen – etwa zu einem Anschlag auf den Ehemann der Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi – und dem unklaren Business-Case ab.

Bevor Elon Musk kam, musste Twitter 51 Millionen US-Dollar im Jahr an Zinsen bedienen, nun sind es durch die teure Übernahme etwa eine Milliarde US-Dollar. Musk nährt sogar Spekulationen über den Bankrott des Unternehmens. Dahinter könnte jedoch auch die gezielte Strategie stehen, Gläubiger (Banken wie Bank of America, Barclays) zu einer Restrukturierung von Schulden zu drängen und selbst Kredite günstig abzulösen.

Das Compliance-Team von Twitter sucht indes das Weite, weil es sich sonst offenbar mit einem Fuß im Gefängnis wähnt. Da etwa die Hälfte der 7.500 Beschäftigten gefeuert wurde, ist nicht klar, ob Moderation und Datensicherheit noch in Vereinbarkeit mit den Gesetzen gewährleistet sind. Ein Twitter-Jurist zitierte gar Alex Spiro, den Chefjuristen von Elon Musk mit den Worten: „Elon bringt Raketen ins Weltall, er hat keine Angst vor der FTC!“ (gemeint ist die mächtige US-Verbraucherschutzbehörde Federal Trade Commission).

Datenmacht war schon vor Elon Musk ein Problem

US-Präsident Joe Biden kündigt indes an, die Verbindungen Musks zu ausländischen Mächten zu prüfen. Denn zu seinen Co-Investoren bei Twitter zählen unter anderem der saudische Prinz Alwaleed, das Emirat Katar und die Kryptobörse Binance. Einige der Geldgeber sollen enge Verbindungen nach China unterhalten. Das Statement von Biden war eine fast beiläufige Kriegserklärung aus Washington. Beim Konflikt um Twitter geht es jetzt auch um Geopolitik und den Cyberkrieg. Denn rationale Investoren wissen: Musk, der als Space Cowboy und Techno-Kapitalist bisher jede Schallmauer durchbrach, könnte schon bald am Marmor des Weißen Hauses zerschellen.

Dabei war die enorme Datenmacht von Tech-Konzernen und Internetmilliardären schon vor Elon Musk ein Problem, weil sie im Zweifel bestimmen, was wir in einem Meer aus Informationen über ihre Algorithmen zu lesen bekommen, Einfluss auf Wahlen nehmen können und wie im Falle von Musk in der Ukraine ein ganzes Land mit seiner Dateninfrastruktur am Satelliten-Netzwerk eines Mannes hängt. Doch jenseits der Tragödie bei Twitter, die wir wie einem Autounfall in Zeitlupe beiwohnen, sind die allgemeinen Gründe für das Platzen der Tech- und Krypto-Blase nicht schwer zu verstehen.

Der Ukrainekrieg befeuert Energiepreise, Inflation und Zentralbanken, die versuchen über unkoordinierte Zinserhöhungen und somit Aufwertung ihrer Währung die Inflation ins Ausland zu exportieren. Es ist ein bisschen so, als würde man dem Nachbar den eigenen Müll vor die Haustür stellen. Eine harte Rezession, Firmenpleiten und Arbeitslosigkeit werden dabei in Kauf genommen, obwohl die gegenwärtige Inflation offensichtlich nichts mit einer überhitzten Nachfrage oder mächtigen Gewerkschaften mit hohen Lohnforderungen zu tun hat.

Spekulation auf andere Investoren, die nachkaufen

Vielmehr haben wir es mit Profitinflation auf den Energiemärkten, unzureichenden Kapazitäten, gestörten Lieferketten durch Corona und Krieg sowie fundamentaler Unsicherheit zu tun. Ob die höheren Zinsen dabei die Inflation wirksam bekämpfen, darf man durchaus bezweifeln. Denn höhere Zinskosten werden nicht nur Investitionen abwürgen, die mittelfristig zur Überwindung der Energiekrise dringend erforderlich sind, sondern kurzfristig die Preise sogar wegen der höheren Zinskosten erhöhen können.

Der Mechanismus an der Börse ist dabei immer wieder ähnlich und wurde vom Ökonomen Hyman Minsky eindrucksvoll beschrieben: In einem Boom, der durch billiges Geld befeuert wird, agieren Investoren immer risikofreudiger und spekulieren getrieben durch die allgemeine Euphorie auf hohe Kursgewinne. Nach dem Motto: „Fake it until you make it!“ Ob der Business-Case eines Unternehmens belastbar ist, ist in einer Hype-Phase nicht so wichtig, solange nur Investoren erwarten, dass die anderen Investoren weiter nachkaufen. Man spekuliert also nicht auf Unternehmen sondern Erwartungen.

Wird das billige Geld aber entzogen, das bisher die Aktienkurse trieb, suchen Investoren die Sicherheit. Um das Verhalten der anderen Investoren einschätzen zu können, braucht es eine allgemeine Börsen-Story. Waren es zur Jahrtausendwende die schrillen Stars der New Economy, die plötzlich wie tote Vögel vom Himmel stürzten, und 2008 Banken und Immobilien, ist es jetzt Tech und Krypto.

Auch Pioniere können untergehen

Dabei können auch Pioniere untergehen, die uns fast so unsterblich erschienen wie Coca-Cola oder der Tesa-Film. Wer kennt etwa noch den Mobilfunkanbieter Mobilcom oder den Handy-Produzenten Nokia? Gleichwohl bedeutet dies nicht, dass alles zu Staub wird, was noch gestern Gold war oder die technologischen Umwälzungen nur Schall und Rauch sind. Die New Economy war schrill und laut, viele Unternehmen sind an maßloser Selbstüberschätzung gescheitert, aber das Internet war keine Fata Morgana, sondern hat die Welt verändert.

Techunternehmen wie Meta oder Twitter sind ebenfalls nicht in Stein gemeißelt. Auch wenn sie zur öffentlichen Kommunikationsinfrastruktur gehören wie einst das Telefonbuch, ändern sich Nutzungsgewohnheiten. Facebook versuchte zunächst angesichts fallender Nutzerzahlen mit Kryptoversuchen wie Libra und Diem als Finanzkonzern aufzusteigen. CEO Mark Zuckerberg wollte den Rohstoff der sozialen Verhaltensdaten für neue Geschäftsfelder nutzen und Menschen so im Facebook-Universum halten. Dies ist vorerst gescheitert. Nun setzt Zuckerberg auf das Metaverse und Virtual Reality. All dies ist eine Wette auf die Zukunft und die Entwicklung der Computer-Technologie.

Techkonzerne bauen ihre eigene Infrastruktur

Als würde man Autos bauen, obwohl es noch keine Straßen und keine Tankstellen gibt. Die Internet-Konzerne schaffen die öffentliche Infrastruktur selbst, die sie benötigen, um Profite zu erzielen. So wie einst nur die USA und die damalige Sowjetunion Raketen ins All schickten, weil die Technologie so teuer war, veranstalten nun Elon Musk und Amazon-Gründer Jeff Bezos den Wettlauf im All. Die Milliardäre verfügen über eine Kriegskasse und Datenmacht, die historisch einmalig ist. Im Unterschied zu einem Staat, der eine Zentralbank hat und uns besteuern kann, müssen sie aber unsere Daten in Gold verwandeln, sonst sind sie Kaiser ohne Kleider.

In einem zweiten Teil der Kolumne, die Anfang Dezember erscheint, beschäftigt sich Fabio de Masi mit der Zukunft der Kryptobranche und des Bitcoin.

Fabio De Masi war Mitglied des Deutschen Bundestages sowie des Europäischen Parlaments und machte sich dort bei der Aufklärung von Finanzskandalen – etwa um den Zahlungsdienstleister Wirecard – einen Namen. Der Finanzdetektiv kommentiert einmal im Monat Entwicklungen aus der „neuen Finanzwelt“ für Finance Forward. Der Ökonom ist Fellow für digitale Finanzmärkte bei der Nichtregierungsorganisation Finanzwende und am Financial Innovation Hub der Universität Kapstadt (Südafrika). Er schreibt in seiner persönlichen Eigenschaft.

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