Seit diesem Jahr Paycell-Chef: Serhat Dolaz (Bild: PR)

7 Millionen Kunden: Super-App-Anwärter kommt nach Deutschland

Der milliardenschwere Mobilfunkanbieter Turkcell plant, seine Super-App Paycell nach Europa zu bringen – und setzt auf das Bank-Fintech Solaris als Partner. Seine Expansion will das türkische Fintech aus einem Büro in Stuttgart steuern. Wie stehen die Chancen?

Der deutsche Neobanken-Vorreiter N26 musste in 22 Länder expandieren, um die Zahl zu erreichen. Das Berliner Startup ist über Europa verteilt aktiv und hat sieben Millionen Bankkunden in 22 Ländern gesammelt. Ein hierzulande weitgehend unbekanntes Fintech aus der Türkei hat diese Zahl in seinem Heimatland längst erreicht: Paycell.

Jetzt eröffnet das Unternehmen sein erstes Büro im Ausland. Aus Stuttgart heraus soll ein Team die Expansion in Europa vorantreiben. Paycell sieht sich als Super-App, es bietet unterschiedliche Finanzdienstleistungen an. Groß geworden ist es mit Zahlungsverkehr.

Hinter dem Fintech steckt einer der größten Mobilfunkanbieter der Türkei, Turkcell, der auch einen Browser entwickelt hat und an der Börse mit drei Milliarden Dollar bewertet wird. Was hat das Unternehmen in Europa vor? Finance Forward sprach mit dem CEO, Serhat Dolaz.

Mit Geldtransfers nach Europa

Der Mobilfunknetzbetreiber Turkcell hat 2018 Paycell gestartet, um seinen 46 Millionen Kundinnen und Kunden auch Finanzdienste anbieten zu können. Die Nutzer erhalten ein Bankkonto samt Visa-Karte, Versicherungs- und Kreditangebote. Sie können sich untereinander Geld schicken und auch ein „Buy now, pay later“-Feature gibt es. Neben dem Endkundenbereich hat das Unternehmen auch eine Zahlungabwicklungssparte für Onlinehändler. Das Transaktionsvolumen der Zahlungen von Paycell betrug im ersten Halbjahr rund acht Milliarden türkische Lira (heute umgerechnet 440 Millionen Euro, die Währung ist allerdings stark abgewertet). Das Geschäft wächst: der aktuelle Wert ist dreimal so hoch wie im Vorjahr.

Paycell Europe wird zunächst Geldüberweisungs- und Inkassodienste mit seinem internationalen Geldtransferdienst anbieten. Das Unternehmen will in der Folge viele verschiedene Lösungen wie Karten, Kredite und digitale Geldbörsen für europäische Kunden anbieten, dafür partnert die türkische Firma mit dem Berliner Banking-Anbieter Solaris. Um tatsächlich wettbewerbsfähige Super-App zu werden, müsste Paycell allerdings noch viele weitere Produkte integrieren. Etwa Shopping, ein Taxi-Service oder Lieferdienste.

Im ersten Schritt gilt es für Paycell, das vor allem mit seinem Peer-to-Peer-Zahlungsangebot gewachsen ist, in Deutschland und Europa diejenigen Kunden abzugreifen, die Geld an Verwandte und Freunde in die Türkei senden wollen. Diese Zielgruppe wird verhältnismäßig günstige Kundenakquisekosten aufweisen, da viele von ihnen mit dem Angebot über ihr privates Umfeld in Berührung kommen.

Mit einer ähnlichen Strategie hatte der Mutterkonzern Turkcell jahrelang einen Deal mit der Deutschen Telekom, dass Kunden bei dem Mobilfunkanbieter auch aus Deutschland heraus einen Vertrag abschließen konnten. Das Angebot richtete sich an in Deutschland lebende Türken und Türkei-Urlauber. 2018 wurde es in „Lifecell“ umbenannt, um auch eine breitere Zielgruppe anzusprechen.

Türkei-Verbindung als erster Schritt

Im Fintech-Sektor gibt es bereits Beispiele, wie Unternehmen mit einem Angebot eine spitzere Zielgruppe ansprechen. Insha beispielsweise brandet sich als „N26 für Muslime“, es hat seinen Sitz in Istanbul und Berlin. Genau wie die grüne Neobank Tomorrow und auch Paycell arbeitet es mit der Solaris im Hintergrund. Nach den geschätzten Downloadzahlen des Analysetools Airnow hat die Insha-App allerdings schon seit Monaten kaum Kunden gewonnen.

Für Paycell soll die Türkei-Verbindung allerdings auch nur der erste Schritt sein, sagt CEO Serhat Dolaz. Langfristig will er mit seinen Finanzdienstleistungen auch die breite Masse in Europa ansprechen. Das wird wesentlich komplizierter als das beachtliche Wachstum in der Türkei, denn hierzulande hat es keinen bekannten Mobilfunkanbieter mit Millionen von Kunden in der Datenbank, die es aktivieren kann.

Eine der wichtigsten Fragen bleibt bislang offen: Was hat der Anbieter, das andere nicht haben? Auf Nachfrage nennt Dolaz hier die günstigen Kostenstrukturen. Das Pricing werde „auf Bezahlbarkeit ausgerichtet sein“, sagt er. Konkreter wird er dann allerdings nicht. Paycell muss also für sich noch klären: Was ist das Argument, die App heute als Nutzer zu verwenden – und was soll das in Zukunft sein? Der Mobilfunk-Anbieter o2 versucht es in Deutschland mit einem Bankkonto samt Bonusprogramm, doch das Angebot wurde wieder eingestellt.

Der Startschuss von Paycell soll im kommenden Jahr fallen, dann mit einem kleinen Team in Stuttgart. Dabei will das Fintech nicht nur auf einen Markt setzen, sondern direkt den gesamten Kontinent gleichzeitig ansprechen. Konkrete Marketingmaßnahmen ließ Dolaz im Gespräch nicht durchleuchten, er glaubt offenbar an die Durchsetzungsfähigkeit des „genialen Produktes“. Dass Turkcell als wertvoller Kundengenerator fehlen wird, könnte den Enthusiasmus also noch trüben.

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