Maximilian Tayenthal, Co-CEO von N26, spricht beim Web Summit in Lissabon, November 2021 (Bild: imago/ NurPhoto)

N26 veröffentlicht Geschäftszahlen: Umsatz stieg 2020 auf 110 Millionen Euro, 2,9 Millionen aktive Kunden

Exklusiv: Die Berliner Smartphone-Bank N26 legt ihre Zahlen für das Jahr 2020 vor. Es zeigen sich darin die Auswirkungen der Coronapandemie – und ein Strategiewechsel bei der eigenen Geldanlage.

N26 traf es zu Beginn der Corona-Pandemie 2020 gleich doppelt hart: Bei der Newcomer-Bank machte sich bemerkbar, dass die Kunden nicht mehr reisten – und damit im Ausland auch nicht mehr mit der Bankkarte von N26 einkauften. Auch während der Lockdowns kam die Karte zwangsläufig weniger zum Einsatz. Die Banking-App verdient bei Einsatz der Karte eine kleine Gebühr. Parallel fehlte ihnen ein Feature zum Aktien- und Kryptohandel. Ein Segment, das in den vergangenen zwei Jahren boomte.

Beides schlägt sich im Jahresergebnis nieder. Die sogenannten Provisionserträge stiegen nur um rund 16 Prozent. Kein guter Wert für ein schnellwachsendes Startup.

Wie steht die Bank im Vergleich zur Konkurrenz da? Wie haben sich die restlichen Kennzahlen entwickelt und was hat es mit den Immobilien- und Aktieninvestments der Bank auf sich? Das geht aus dem am Wochenende veröffentlichten Geschäftsbericht der Bank hervor.

Hier die wichtigsten Fragen und Antworten:

1. Wie entwickeln sich die Erträge?

Die N26 Bank hat im ersten Corona-Jahr Provisionserträge in Höhe von 95,3 Millionen Euro (plus 15 Prozent) und Zinserträge in Höhe von 14,8 Millionen Euro (plus 53 Prozent) erwirtschaftet. (Es handelt sich um die Erträge, nicht um den Überschuss). Hinzu kamen sonstige betriebliche Erträge in Höhe 4,3 Millionen Euro sowie „Veräußerungserlöse von wie Anlagevermögen behandelten Wertpapieren“ im Umfang von 13,7 Millionen Euro – die beiden letztgenannten Positionen waren ein Jahr zuvor noch verschwindend gering gewesen.

Insgesamt ergeben sich aggregierte Provisions- und Zinserträgen in Höhe von 110,1 Millionen Euro (Vorjahr: 94,09 Millionen Euro) beziehungsweise Gesamterträgen im Umfang von 128,1 Millionen Euro.

Dies sind – wohlgemerkt – nicht exakt die Zahlen, die das Fintech demnächst selbst verkünden wird. Denn: Bei den beschriebenen Kennziffern handelt es sich um die Zahlen der „N26 Bank GmbH“, also der lizenzierten Banktochter, nicht um den Konzernabschluss der „N26 GmbH“. Was die entscheidenden Ertragskomponenten angeht, also das Zins- und Provisionsgeschäft, sollte die Aussagekraft der Bank-Zahlen allerdings ziemlich umfassend sein – zumal die zweite Entität, die in den Konzernabschluss einfließt, nämlich die US-Tochter, mittlerweile abgewickelt wird. Heißt: Die dort in 2020 erzielten Erträge sind nicht nachhaltig.


2. Wie sind diese Zahlen einzuordnen?

Um sich die Ertragsstärke von N26 bewusst zu machen, muss man sich in Erinnerung rufen, dass die 2019er-Provisionserträge in Höhe von 83 Millionen Euro schon jeweils gut 30 Prozent der Provisionserträge der Direktbanken DKB (272 Millionen Euro) beziehungsweise der Comdirect (266 Millionen Euro) entsprachen. Und das nur vier Jahre nach dem Launch. Die Ausgangsposition vor Corona war demnach ertragsseitig imposant.

Dass es N26 gelungen ist, die Provisionserträge im Corona-Jahr nochmals um 15 Prozent zu steigern, ist gemessen an damaligen Befürchtungen zunächst einmal sehr beachtlich. Zumal die Erträge ja bekanntlich zu beträchtlichen Teilen aus dem Kartengeschäft kommen, einem Bereich, in dem zum Beispiel die DKB 2020 einen dramatischen Rückgang des Provisionsertrags zu verkraften hatte (minus 25 Prozent auf nur noch 134,5 Millionen Euro).

Gleichwohl fällt auf, dass N26 im ersten Corona-Jahr teilweise gegenüber den Platzhirschen sogar an Boden verloren hat. So legte die DKB zwar nicht im gesamten Provisionsgeschäft, wohl aber im Wertpapiergeschäft (Retail) um 181 Prozent auf knapp 63 Millionen Euro zu. Die Comdirect konnte aufgrund ihrer starken Fokussierung auf das Brokerage-Geschäft sogar ihre Gesamterträge drastisch steigern (im ersten Halbjahr um 64 Prozent; fürs Gesamtjahr gibt es wegen der Verschmelzung auf die Commerzbank keine Zahlen mehr). Dass N26 den Trading-Boom (wie übrigens auch den Krypto-Boom) komplett verschlafen hat, macht sich hier bemerkbar.

Dies wird auch im Vergleich zum britischen Erzrivale Revolut deutlich, der früh auf Aktien- und Kryptohandel gesetzt hat. Das Fintech erzielte 2020 Erträge von umgerechnet knapp 260 Millionen Euro. Vergrößert hat sich der Abstand zwischen N26 und Revolut derweil nur leicht, im Vorjahr brachte es N26 auf 94 Millionen Euro und Revolut auf 191 Millionen Euro.


3. Wo kommen die Provisionserträge konkret her?

Zu dieser Frage liefert der Abschluss keine neuen Erkenntnisse. Es heißt lediglich, die Erträge resultierten „insbesondere aus dem Kreditkartengeschäft sowie [aus] Gebühren für Konto- und Zahlungsverkehrsdienstleistungen“ – aber das wusste man ja vorher schon.


4. Wie entwickeln sich die Verluste?

In einem „Handelsblatt“-Interview hatte N26-Co-Chef Valentin Stalf schon einmal erklärt, dass sich die Verluste 2020 um etwa die Hälfte auf noch 110 Millionen Euro halbiert hätten. Anhand des Bank-Abschlusses lassen sich diese Zahlen nicht verifizieren, da weite Teile des Personalaufwands auf Ebene der N26 GmbH anfallen.

Bei der N26 Bank GmbH betrug das Betriebsergebnis nach Risikovorsorge minus 12 Millionen Euro (nach minus 68 Millionen Euro) ein Jahr zuvor. Doch die Aussagekraft der Zahl ist begrenzt.


5. Was sind das für Immobilienkredite?

Wenn wir es richtig verstehen (entsprechend Gerüchte kursierten schon länger), dann investiert N26 in Hypothekendarlehen, denen holländische Baufinanzierungen zugrundeliegen. Kein Subprime, sondern tendenziell risikoarmes Geschäft. Im Geschäftsbericht finden sich dazu u.a. zwei Formulierungen:

– Einmal heißt es, es gehe um „Hypothekendarlehen, welche die N26 Bank im Rahmen der Anlagepolitik ihres Einlagenüberschusses gewährt hat“.

– An einer anderen Stelle steht: „Daneben wurde das Mengengeschäft durch den Ankauf von grundpfandrechtlich gesicherten Darlehen von holländischen Retailkunden erweitert.“

Der Gesamtumfang per Ende 2020: knapp 400 Millionen Euro.


6. Was treibt N26 am Aktienmarkt?

Nicht ohne Ironie, dass N26 es bis heute nicht geschafft hat, ein Brokerage-Angebot an den Start zu bringen – wohl aber seit 2020 auf eigene Rechnung am Aktienmarkt spekuliert. Zugegeben, der Umfang war Ende 2020 noch bescheiden (rund 40 Millionen Euro), und allzu wild hört sich auch nicht an, was die Berliner da machen:

„Aktien und andere nicht festverzinsliche Wertpapiere, bestehen ausschließlich in Form von Anteilen an Publikumsfonds und werden nicht mit kurzfristiger Gewinnerzielungsabsicht aus Marktpreisbewegungen erworben, sondern mit grundsätzlicher Dauerhalteabsicht.“

(Anm. der Red.: Kommafehler im Original)


7. Was treibt N26 im Kreditgeschäft generell?

Wie weiter oben gezeigt, sind die Zinserträge 2020 viel stärker gestiegen als die Provisionserträge – nämlich auf eine nun doch wahrnehmbare Größe von rund 15 Millionen Euro. Dazu passt, dass sich die Kundenforderungen auf 1,27 Milliarden Euro mehr als verdoppelten, was eine Steigerung „deutlich über Plan“ war, wie der Geschäftsbericht notiert.

Die Kundenforderungen verteilen sich nun auf:

– Kommunalkredite: 776,6 Millionen Euro (plus 38 Prozent)

– die besagten Hypothekendarlehen: 392,4 Millionen Euro (von „null“)

– Dispositions- und Ratenkredite: 103,6 Millionen Euro (plus 117 Prozent)

Was erstaunt: Aus diesen dann doch immer noch überschaubaren (und annahmegemäß überwiegend risikoarmen) Kreditengagements sind N26 dann doch Abschreibungen und Wertberichtigungen in Höhe von fast 20 Millionen Euro entstanden. (Versuchen wir die Tage mal zu klären, wie das kommt.)


8. Warum macht N26 jetzt überhaupt Bilanzsummen-Banking?

Weil die Bilanzsumme wächst, und zwar 2020 um satte 80 Prozent auf dann doch schon knapp 4,2 Milliarden Euro. Dafür verantwortlich, jedenfalls in erster Linie, waren die steigenden Einlagen (84 Prozent auf ziemlich exakt 4 Milliarden Euro).

Sprich: N26 muss sich inzwischen – wie viele traditionelle Banken auch – mit dem Thema „Einlagenüberschuss“ bzw. „EZB-Negativzins“ auseinandersetzen. Oder anders gesagt: Dass die Neobank trotz gegenteiliger Beteuerungen inzwischen Verwahrentgelte verlangt, das hat Gründe.

Man kann das alles freilich auch positiv deuten: Gemessen an den „ertragsrelevanten Kunden“ wurden N26 per Ende 2020 pro Kunde im Schnitt 1.380 Euro anvertraut; ein Jahr zuvor waren es erst 946 Euro gewesen. Die Kunden haben also immer weniger Probleme damit, N26 nicht nur als „Kartenbank“ zu nutzen, sondern auch Geld dort zu lagern. Wobei man natürlich drüber streiten kann, wie viel von der Steigerung wirklich auf „wachsendes Vertrauen“ zurückzuführen ist und wie viel auf „Strafzins-Arbitrage“. Denn das dürfte es natürlich auch geben: dass Kunden, als N26 noch kein Verwahrentgelt erhob, Gelder auf ihre N26-Konto umgeleitet haben, um Strafzinsen auf anderen Konto auszuweichen.


9. Ewige Gretchenfrage: Wie viele Kunden hat N26 wirklich?

Wie mittlerweile bekannt sein dürfte, ist bei N26 zu unterscheiden zwischen der kommunizierten Kundenzahl (definiert als „Kunde ist, wer ein Konto eröffnet hat“) und der in den Geschäftsberichten ausgewiesenen Zahl der „ertragsrelevanten Kunden“. Ende 2019 waren rund 46 Prozent der kommunizierten Kunden (5 Millionen) auch „ertragsrelevante Kunden“ (2,3 Millionen) gewesen.

Im 2020er-Abschluss ist nun von 2,9 Millionen „ertragsrelevanten Kunden“ die Rede – verglichen mit 7 Millionen kommunizierten Kunde per Ende Januar 2021. Zieht man von den 7 Millionen Kunden die mehreren hunderttausend US-Kunden ab, dann hätte das Verhältnis zwischen den beiden Werten immer noch bei ganz grob 0,45 zu 1 gelegen

Teilt man jedenfalls die 2020er-Provisionserträge durch die Zahl der ertragsrelevanten Kunden, kommt man auf einen Wert von knapp 33 Euro; ein Jahr zuvor waren es 36 Euro gewesen. N26 hat in seinem Kerngeschäft (Karte & Konto) im Corona-Jahr also an Ertrag pro Kunde eingebüßt, allerdings weniger stark, als man angesichts von Lockdowns und Reisebeschränkungen hätten vermuten können – beispielsweise im Vergleich zum 25-prozentigen Einbruch im Kartengeschäft der DKB.

Plausibel ist mithin die Annahme, dass es N26 gelungen sein könnte, etwaige Rückgänge im Kartengeschäft durch den Abschluss von mehr kostenpflichten Premiumkonten weitgehend zu kompensieren. Das wäre eine stolze Leistung.


10. Was sagt der Abschluss zum (prognostizierten) Geschäftsverlauf in 2021?

Laut 2020er-Geschäftsbericht ging die N26 Bank für 2021 aus von …

– einem „stark steigenden“ Geschäftsvolumen
– einer „stark steigenden“ Kundenzahl
– einem „deutlichen Anstieg des ausgereichten Kreditvolumens“
– und einem „deutlichen Wachstum sowohl im Zins- als auch im Provisionsergebnis auf Gesamt über 120,0 Millionen Euro“

Hier ist also nun vom kombinierten Zins- und Provisionsergebnis die Rede, nicht mehr wie in unseren Betrachtungen weiter oben von den Erträgen. Der Vergleichswert für die „über 120 Millionen Euro“ ist mithin das im 2020er-Abschluss ebenfalls genannte Zins- und Provisionsergebnis von zusammen 78,9 Millionen Euro.

Vermutlich sind wir damit am entscheidenden Punkt angelangt: 2020 ist N26 beim Zins- und Provisionsergebnis um etwa 25 Prozent gewachsen; für 2021 ging man dagegen von einem Wachstum von mindestens gut 50 Prozent aus. Bei der Berliner Neobank könnte das zweite Corona-Jahr also weit besser gelaufen sein als das erste. Was auch erklären würde, warum das größte deutsche Fintech seine Bewertung bei der jüngsten Finanzierungsrunde massiv auf 7,8 Milliarden Euro hat steigern können.

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