Spielen mit Startup-Klischees: Gründer von Funding Circle Samir Desai. (Bild: Imago/Daniel Hambury)

Funding Circle und Co. – die Krise der Kreditplattformen

Die Startups galten noch vor einigen Jahren als große Fintech-Stars. Mittlerweile ist der Wert einiger prominenter Kreditplattformen wie Funding Circle und Lending Club stark gesunken und sie kämpfen mit Problemen. Was ist passiert?

Etwa 260 Millionen Pfund ist das britische Startup Funding Circle aktuell noch wert, so viel wie einige aufstrebenden Fintechs in der Startphase. Jahr für Jahr ist der Aktienkurs der Kreditplattform von CEO Samir Desai seit dem Börsengang gesunken, einst war das Unternehmen mit mehr als zwei Milliarden Pfund bewertet. „Samir ist ein echt guter Gründer, wenn er das mit seinem Team nicht hinbekommt, wer soll das dann schaffen?“, sagt ein anderer Fintech-Gründer, der ihn gut kennt.

Funding Circle gehörte zu den gehypten Peer-to-Peer-Plattformen. Das Prinzip: Kleinanleger können an kleine und mittelständische Unternehmen oder Privatpersonen direkt Kredite geben. Sie erhalten im Gegenzug höhere Zinsen, teilweise zwölf Prozent. Schon in den vergangenen Jahren gab es Schwierigkeiten bei den bekannten Unternehmen der Branche, doch die Coronakrise hat die Fintechs noch einmal stärker getroffen.

Bereits vor Krise kämpfte Funding Circle mit Problemen, im März kündigte es mehr als 100 Mitarbeitern in Deutschland und den Niederlanden. Es verkündete damals außerdem einen Jahresverlust von 84 Millionen Pfund. Im zweiten Halbjahr habe es zumindest im britischen Markt einen kleinen Gewinn gemacht, hieß es zu der Zeit. Auf diesen Markt wolle sich das Unternehmen fokussieren.

Nun muss das Fintech, das Kredite an Unternehmen vergibt, auch noch die Coronakrise überstehen. Bislang ist es noch in die Hilfsprogramme der britischen Regierung eingebunden, deswegen dürfte sich die Krise nicht zu stark bei den Ausfällen bemerkbar machen.

Noch steiler geht die Kurve für das US-Vorbild Lending Club nach unten. Das Unternehmen vergibt Kredite an Unternehmen und Privatpersonen. Bereits im April kündigte Lending Club 460 Mitarbeitern, etwa einem Drittel der ganzen Belegschaft. Im Vergleich zum Vorjahr sank das Kreditvolumen der Privatinvestoren um 90 Prozent. Es gebe aber erste Zeichen einer Erholung, teilte Lending Club kürzlich mit.

Wie schlimm es um den Markt bestellt ist, zeigte auch mehrere Unternehmensverkäufe in der Branche. Die britische Metrobank kaufte den Peer-to-Peer-Anbieter Ratesetter für einen Preis von 2,5 Millionen Pfund, weitere zehn Millionen könnten folgen. Ein Spottpreis, denn der Unternehmenswert soll zuvor laut Berichten bei 300 Millionen Pfund gelegen haben.

Der neue Eigentümer packt mit dem Kauf von Ratesetter auch ein Problem des Geschäftsmodells an. Künftig vergeben nicht mehr Privatinvestoren die Kredite, sondern sie kommen über die Plattform von der Metrobank. Dies sei ein zentrales Problem der Peer-to-Peer-Plattformen, sagt der britische Experte Andrew Holgate. Es sei schwierig, die Kreditnachfrage von privaten Investoren hochzuhalten – zum Beispiel in der Urlaubszeit oder um Weihnachten.

In Krisenzeiten ist derweil noch schwieriger, denn in unsicheren Zeiten wollen die privaten Kleininvestoren ihr Geld zusammenhalten. Nicht nur bei Lending Club ist die Nachfrage eingebrochen, auch bei dem lettischen Unternehmen Mintos, das mehr als fünf Milliarden Euro an Krediten vergeben hat (siehe Grafik). Es bündelt auf seiner Plattform die Angebote von anderen Kreditvergebern, Privatinvestoren können sich daran beteiligen. Die steile Wachstumskurve wird nun unterbrochen. Auch Mintos hat bereits Leute entlassen.

Einige große Player sind dieses Problem schon in den vergangenen Jahren angegangen. Um die Nachfrage stabil zu halten, geben nun große Finanzinvestoren das Geld. Funding Circle, aber auch die deutschen Anbieter Auxmoney und Iwoca haben sich Geld von institutionellen Geldgebern geholt, um Kredite zu vergeben.

Nun müssten die Unternehmen wie Funding Circle beweisen, dass sie mit ihrem Geschäftsmodell auch Geld verdienen können, sagt Experte Holgate. „Dann werden die Bewertungen wieder steigen.“ Das Versprechen gegenüber Banken ist es, dass die Online-Kreditgeber schneller arbeiten und die Kreditprüfung ihrer Kunden automatisieren.

Das Geschäftsmodell ist komplex: Die Plattformen können erst nach Monaten erkennen, ob ein Kunde gut ist – das heißt: Ob er seinen Kredit zurückzahlt. Dementsprechend schwierig ist es für die Plattformen, die sogenannten Customer Aquisition Cost zu errechnen, also die Marketingkosten pro Kunde, wie Marc Rubinstein analysierte.

Durch Regierungshilfen und Gesetzesänderungen sind die Insolvenzen von Unternehmen und Konsumenten in vielen Ländern bislang noch nicht in die Höhe geschossen. Sollte dies passieren, müssten die Kreditplattformen mit höheren Ausfällen rechnen. Die Kreditplattform Mintos beispielsweise hat bereits mehr als zehn Kreditpartner suspendiert und versucht dort nun das Geld zurückzubekommen. Die Zukunft der Branche ist ungewiss.

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