Sebastian Diemer als Kreditech-CEO (Bild: PR)

Dieses Ende hat Kreditech nicht verdient

Mit Monedo (früher Kreditech) ist ein Pionier der deutschen Fintech-Welle in die Insolvenz gerutscht. Für die Coronakrise konnte die Firma nichts – für sein lange gepflegtes „Fake it till you make it“-Prinzip schon. 

Es gibt eine Zahl, die in den Anfangsjahren so etwas wie ein ständiger Begleiter des aufstrebenden Hamburger Fintechs Kreditech war: 20.000. So viele Datenpunkte, hieß es stets, beziehe der Scoring-Algorithmus des Startups ein, um über die Bonität potenzieller Schuldner zu entscheiden. Die Zahl wurde stolz präsentiert, wenn die Gründer Sebastian Diemer und Alexander Graubner-Müller auf Konferenzbühnen für ihr Unternehmen warben, sie wurde bereitwillig aufgegriffen von Journalisten und Bloggern, die mit einer gewissen Ehrfurcht über die vermeintliche Zauberformel von Kreditech berichteten, und sie war Fixpunkt für Daten- und Verbraucherschützer, die die Datensammelwut der Hamburger kritisierten.

Wie wirkmächtig der Algorithmus und wie aussagekräftig die Zahl aber überhaupt waren, ob 20.000 Datenpunkte eigentlich viel oder wenig waren, diese Fragen stellte fast kein Beobachter. Man ließ sich blenden vom rasanten Wachstum – und von zwei beeindruckenden Gründern: der eine ein etwas ungezügelter, aber begnadeter Verkäufer, der andere ein eher stiller Brillenträger, also bestimmt ein genialer Nerd. Sie passten perfekt in eine Zeit, als die deutsche Gründerszene eine Wiedergeburt erlebte, als in Hamburg, München und vor allem Berlin eine Aufbruchstimmung herrschte, in der viele glaubten, sie könnten nun endlich dem Silicon Valley Paroli bieten.

Kreditech wurde 2012 gegründet. Aus dieser Kohorte von Anfang der 2010er-Jahre stammen einige der heute größten deutschen Digitalunternehmen: Delivery Hero, Auto1, Celonis oder Flixbus. Kreditech spielte in dieser Truppe eine besondere Rolle: Es war das Unternehmen, das es wagte, mit Startup-Spirit in die schwierige Finanzbranche einzubrechen. Die Initialzündung für die Fintech-Welle, die in den folgenden Jahren auch den deutschen Markt erfasste, kann man durchaus Kreditech zuschreiben.

Abschied aus der Spitzengruppe

Aus der Startup-Spitzengruppe hatte sich Kreditech schon vor einigen Jahren verabschiedet. Vielleicht wird es nach dem Insolvenzantrag von dieser Woche noch irgendwie weitergehen, aber eine Zäsur ist es trotzdem: Das ehemals größte deutsche Fintech steht vor der Pleite. Dass es so endet, ist tragisch – schuld ist natürlich zuvorderst die Coronakrise. Aber es gibt auch Gründe, die tiefer liegen, es sind hausgemachte Probleme, die Kreditech von Anbeginn begleitet haben.

Womit wir wieder bei der legendären Zahl, den 20.000 Datenpunkten wären. Sie steht beispielhaft dafür, wie das Startup jahrelang gewaltige Erwartungen weckte – und wie es daran scheiterte, diese einzulösen. Kreditech wurde immer wieder von selbst eingebrockten Schwierigkeiten zurückgeworfen, weil man es mit dem Datenschutz oder der Aufsicht nicht so genau nahm, sich mit Expansionen verhob oder das Team unangemessen führte. Wahrscheinlich kann man das unter Wachstumsschmerzen eines Startups abheften.

Das größte Problem aber war, dass Kreditech seine vermeintliche Wundertechnologie nie so zum Laufen bekam, dass es daraus das hochprofitable Geschäft entwickeln konnte, von der Gründer und Investoren träumten. Dieses Missverhältnis zwischen Anspruch und Wirklichkeit führte Kreditech in die verschiedenen Krisensituationen der vergangenen Jahre, an denen das Unternehmen jeweils nur knapp dem Zusammenbruch entging.

Den Beweis, mit vielen Daten und schlauen Rechenformeln wirklich so viel besser als traditionelle Institute bestimmen zu können, wer seinen Kredit wahrscheinlich wieder zurückzahlen wird, blieb Kreditech zu lange schuldig. „Fake it till you make it“ – auf dieses Prinzip haben sich wahrscheinlich die meisten Gründer am Anfang ihrer Karriere einmal berufen. Aber auf Dauer kann es so nicht funktionieren. Auch das schönste Versprechen nutzt sich irgendwann ab, wenn es nicht mehr wird als das – ein Versprechen.

Chancen für den Neustart

Was den Gründern, die sich in den vergangenen Jahren aus der Unternehmensführung zurückziehen mussten, trotzdem gelang, ist der Aufbau einer funktionierenden Organisation mit wahrnehmbarem Geschäft vor allem in Spanien und Polen. Auf dieser Grundlage investierten Geldgeber immer weiter Millionenbeträge, auch wenn sie die Unternehmensbewertung dafür fast praktisch auf null herunterschraubten. Mit dem externen Management, das 2018 installiert wurde, professionalisierte sich die Firma noch einmal und dem Neuanfang, bei dem sich das nun Monedo genannte Unternehmen endlich vom riskanten Subprimegeschäft lösen wollte, wurden durchaus Chancen eingeräumt.

Es ist daher besonders unglücklich, dass nun letztlich eine externe Krise die Firma in die Knie zwang – gegen die gesetzlich eingeräumten Rückzahlungsverzögerungen in Spanien und Polen war Monedo machtlos.

Was bleibt von Kreditech? Zum Vermächtnis gehört mit Sicherheit der Anstoß für eine neue Fintech-Welle, nicht zuletzt durch die vielen Exmitarbeiter, die selbst zu Gründern wurden. Aber es bleibt eben auch die Erinnerung an jene großspurigen Visionen, die Kreditech zuerst nutzten und schließlich zum Verhängnis wurden: der Fluch der 20.000.

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