Das Raisin-Team (Bild: PR)

Nach dem großen Deal: Was sind die Gründe für die Fusion von Raisin und Deposit Solutions?

Mit Raisin und Deposit Solutions haben zwei der wichtigsten deutschen Fintech-Startups ihren Zusammenschluss verkündet: Wer übernimmt die Führung, wo liegen die Chancen – und welche Fallstricke lauern? Unsere Analyse.

Für Tim Sievers und Tamaz Georgadze muss es ein merkwürdiges Gefühl gewesen sein. Fast zehn Jahre lang waren sie ärgste Konkurrenten: Sievers baute Deposit Solutions – bekannt für die Marke Zinspilot – auf, Georgadze den Rivalen Raisin mit der Zinsplattform Weltsparen. Anfangs gab es noch einen dritten Player: Savedo war hervorgegangen aus der Berliner Fintech-Schmiede Finleap und schlüpfte allerdings bald bei Deposit Solutions unter. Übrig blieb ein Zweikampf. Und eine durchaus würzige Rivalität.

Und nun? Sind Sievers und Georgadze gemeinsam und lächelnd auf einem Foto zu sehen und verkünden nach rund zwölfmonatigen Verhandlung die bislang größte deutsche Fintech-Fusion, wie gestern Abend bekannt wurde. Der Zusammenschluss erhöht die Chancen, dass aus Deutschland heraus ein Einlagenbroker mit globalen Ambitionen entsteht. Denn auch wenn der Fokus der beiden Fintechs bislang auf Europa liegt, beide haben sich zuletzt – mit einigen Startschwierigkeiten –  auch an den US-Markt herangetastet. Erst separat, nun also im Verbund.

Wie geht es nun weiter? Unsere Analyse:

Die Größenordnung

Raisin wurde bei seiner letzten großen Finanzierungsrunde im Mai 2019 mit grob 670 Millionen Euro veranschlagt. Zur Bewertung von Deposit Solutions kursieren unterschiedliche Zahlen, der schwedische Großinvestor Kinnevik taxiert die Hanseaten laut einem letzten Abschluss aktuell mit umgerechnet 432 Millionen Euro. Da bei dem Zusammenschluss keinerlei Geld fließt und es auch kein frisches externe Funding gibt, lässt sich der neue Unternehmenswert der „Raisin DS“ genannten fusionierten Firma nur schätzen. Angesichts der enormen Bewertungssteigerungen bei etlichen anderen großen deutschen Fintechs zuletzt darf man davon ausgehen: Würde Raisin DS nächste Woche Geld einsammeln, dann wohl zu einer Milliardenbewertung.

Wer der größere der beiden Partner ist, wurde gestern nicht kommuniziert. Die Namensgebung deutet allerdings darauf, dass Raisin mehr Gewicht mitbringt; ein weiteres Indiz: Deposit-Gründer Sievers wird sich nach einer mehrmonatigen Übergangsphase aus der operativen Führung zurückziehen.

Erstmal überhaupt haben sich Raisin und Deposit gestern zum aktuellen Stand der über ihre Plattformen vermittelten Einlagen geäußert. Es seien: rund 20 Milliarden Euro. Wenn man davon ausgeht, dass hiervon pro Jahr etwa 0,2 Prozent bis 0,3 Prozent bei den Brokern hängen bleiben, dann ergäben sich hieraus Umsatzerlöse von 40 Millionen bis 60 Millionen Euro.

Das Plattform-Kalkül

Nach der Plattformlogik konzentriert sich der Markt langfristig oft auf wenige oder gar nur einen Spieler. Genau diesen Effekt erhoffen sich nun auch Georgadze und Sievers. Die neue Firma Raisin DS soll die Angebote beider Plattformen integrieren. Damit haben die Kunden von „Weltsparen“ und „Zinspilot“ künftig mehr Zielbanken zu Verfügung, bei denen sie ihr Fest- und Tagesgeld anlegen können. Bei den Zielbanken handelt sich meist um ausländische Institute, die höhere Zinsen als hiesige Geldhäuser bieten. Insgesamt 160 diese Banken seien künftig Teil des gemeinsamen Angebots. Deutlich mehr, als die beiden Portale bislang jeweils alleine aufbieten können.

Neben den Zielbank haben Raisin und Deposit auch weitere Bankpartner – nämlich solche, die ihre Kunden an einen der beiden Anbieter vermitteln oder die einer der beiden Einlagenplattformen auf Whitelable-Basis ins eigene Angebot integriert haben. Ein Beispiel hierfür ist die Deutsche Bank. Auch diesen Partnern stehen künftig (zumindest in der Theorie) mehr Zielbanken zur Verfügung, was entsprechend mehr Geschäft bringen soll, weil die Angebote insgesamt attraktiver sind.

Das Konkurrenz-Kalkül

Die beiden Fintechs müssen künftig nicht mehr gegeneinander pitchen und erhalten in der Theorie schneller und effizienter die Aufträge. Die Gefahr für die Kunden besteht freilich darin, dass Raisin DS durch seine quasi-monopolistische Marktstellung (selbst ein Gigant wie Check24 bezieht die Technologie von Deposit Solutions) versucht sein könnte, die eigene Marge zu erhöhen. Doch Tamaz Georgadze wiegelt ab: „Wir haben langfristige Verträge mit den Partnern und werden die Konditionen für sie nicht verschlechtern.“

Das Marketing-Kalkül

Zinspilot, Weltsparen und Savedo sollen als Marken bestehen bleiben. Doch der Fokus wird in Deutschland wohl auf „Weltsparen“ und international auf „Raisin“ liegen. Damit lassen sich die Werbemittel künftig effizienter einsetzen, zumal der Konkurrenzdruck wegfällt. Es stellt sich allerdings die Frage nach neuen Konkurrenten. Denkbar wäre zum Beispiel, dass Check24 das Feld intensiver beackert als bislang. Über eine eigene Banklizenz und ein Konto verfügt das Münchner Unternehmen bereits.

Das Investoren-Kalkül

Raisin und Deposit Solutions verfügen beide über renommierte Geldgeber: Bei Deposit Solutions ist unter anderem Peter Thiel an Bord, bei Raisin sind es Hedosophia und Ribbit Capital. Gerade der umtriebige und umstrittene Investor Thiel hat sich mit seinen verschiedenen Fonds ein beeindruckendes Fintech-Portfolio in Europa aufgebaut. Er konkurriert dabei mit Hedosophia, hinter dem der scheue Medien-Unternehmer Ian Osborne steht. Beide verfügen über ein exzellentes Netzwerk und machen bereits einige Deals zusammen – beispielsweise N26 oder Bitpanda. Gut denkbar, dass sie auch mit Raisin DS einiges vorhaben …

Das Funding-Kalkül

„Es geht nicht darum, Kosten zu sparen, sondern darum, die Wachstumsgeschwindigkeit zu erhöhen“, sagt Sievers. Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass Raisin DS in einigen Monaten noch einmal viel Geld aufnehmen wird, um die US-Expansion speziell zu beschleunigen

Bislang sind zusammen erst rund 400 Millionen Dollar in beide Firmen geflossen – gemessen an den großen deutschen Fintech-Finanzierungsrunden der vergangenen Wochen eher wenig. Erfolge auf dem wichtigen US-Markt könnten den Wert der neuen Firma massiv steigern und die Fantasie der Wagniskapitalgeber beflügeln, solange sich die Stimmung nicht abkühlt.

Der Führungs-Fallstrick

Sievers kommentiert seinen bereits angekündigten Rückzug aus der operativen Führung wie folgt: „Die neue gemeinsame Firma braucht – wie jedes Tech-Unternehmen – einen starken CEO. Ich habe mich entschieden, nach mehr als zehn Jahren rauszugehen, bleibe aber im Beirat und erheblicher Gesellschafter.“ Wie schwer oder leicht im dieser Schritt fällt, bleibt unklar. Sinnvoll ist die Entscheidung auf alle Fälle. Doppelspitzen mögen bei Fintechs funktionieren. Eine Doppelspitze Georgadze und Sievers womöglich auf Dauer eher nicht.

Der Fokus-Fallstrick

Einen gemeinsamen Takt für die beiden Firmen zu finden – das ist jetzt erst einmal die wesentliche Aufgabe. Die Top-Manager haben sich in den letzten Monaten besser kennengelernt, nun folgen die Belegschaften (zusammen kommen Raisin und Deposit auf gut 500 Mitarbeiter). Kultur und die Arbeitsweisen müssen sich anpassen.

Zugleich entsteht ein äußerst kompliziertes Gebilde. Zur Erinnerung: Raisin betreibt nicht nur ein Zinsportal, sondern auch ein Investment-Angebot mit ETFs, ein Riester-Angebot, betreut B2B-Partner, hat eine eigene Bank gekauft, die auch als Partner für andere Fintechs auftritt. Deposit Solutions hat Zinspilot, Savedo und die US-Marke Savebetter – sowie etliche B2B-Partnerschaften.

Den Speed hoch zu halten – wie es sich die beiden CEOs versprochen haben – und gleichzeitig zwei Organisationen mit dieser Komplexität zusammenzuführen, das wird nicht leicht.

 

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