Sieg und Niederlage liegen nah beieinader. (Bild: Kevin Lee on Unsplash)

„Nach der Preisverleihung gingen wir nach Hause, um zu rechnen, wie lange das Geld noch reicht“

Gute Nachrichten dringen aus Startups schnell nach draußen – von großen Finanzierungsrunden bis zu Unternehmensverkäufen. Doch im Hintergrund kommen viele Deals fast nicht zustande oder scheitern komplett. Ein Gründer berichtet aus seinem Alltag. Protokoll: Caspar Tobias Schlenk.

Das Scheinwerferlicht strahlte ein helles Licht auf mich und meinen Mitgründer als wir auf der Bühne standen. Noch war die Nachricht in unseren Köpfen nicht angekommen: Wir haben gewonnen! Einen der prominenten deutschen Startup-Preise. Ich hatte mir extra ein richtiges Hemd angezogen, das tue ich sonst selten. Ich hätte mir zur Feier des Tages auch einen Anzug aus meiner Zeit im Konzern angezogen, wenn er nicht mittlerweile zu klein geworden wäre.

Und so stand ich da in einem Moment, in dem ich mich eigentlich freuen sollte – und fühlte mich so unwohl wie selten zuvor. Dafür gab es auch einen guten Grund: Unser Startup war fast pleite.

Etwas steif nahmen wir Glückwünsche entgegen, unterhielten uns kurz mit ein paar Leuten, nippten am Sekt, um uns dann von der Party zu schleichen. Später am Abend setzten wir uns zusammen – noch in der Festkleidung –, um durchzurechnen, wie lange das Geld noch reichen würde, bis wir Insolvenz anmelden müssten. Bis spät in der Nacht schauten wir jede Ausgabe an, um die Lebensdauer unseres Startups noch um ein paar Tage zu verlängern. Wo könnten wir noch Geld sparen? Ein Foto der Preisverleihung erinnert mich noch manchmal heute daran. Ein Freund sagte mir, er hätte noch nie einen Gewinner gesehen, der sich sichtlich so unwohl gefühlt habe.

Das Geld liegt auf der Straße, heißt es

Warum ich das erzähle? Fast täglich vermelden Fintech-Startups große und mittlere Finanzierungsrunden, auch bei Finance Forward. Das Geld liegt auf der Straße, heißt es. Jeder bekommt das Geld hinterher geworfen, sagen andere. Doch es ist nicht immer so, wie bei gehypten Firmen wie Trade Republic oder Bitpanda, von denen dann die Geschichten kursieren.

Im Gespräch mit anderen Gründerinnen und Gründern wird schnell klar: Oft markiert die Pressemitteilung einen langen, anstrengenden Prozess, bei dem die ganze Finanzierungsrunde häufig fast nicht zustande gekommen wäre. Auch diese Geschichten müssen erzählt werden.

Unser Geschäftsmodell bedient ein Hype-Segment, es war nie schwierig mit Investoren ins Gespräch zu kommen. Bis die Finanzierung am Ende stand, haben wir mit rund 90 Investoren länger gesprochen, teilweise waren wir auch in den Investmentkomitees des Fonds, um zu vorzustellen. Zu Beginn der Coronapandamie hatten wir eine gute Finanzierungsrunde zusammen. Doch mit der Pandemie bröckelten auch die Zusagen, ein Fonds sprang ab, der andere schaffte selbst sein Fundraising nicht. Aus einer komfortablen Situation entstand plötzlich ein heftiges Problem.

Bei den Finanzierungsrunden geht es häufig um Momentum – und dieses Momentum war vorbei. Wir mussten das Geschäft zwar nicht zurückschrauben, aber konnten es auch nicht ausweiten. Und so entstand eine Delle in unserer Wachstumskurve, während das Wirtschaftssegment, in dem wir unterwegs sind, boomte. Wir mussten an der Seitenlinie stehen.

Von den Investoren kam dann die Frage: Wo ist denn die Traction? Wo ist das Geschäft? Doch ohne das Geld war es einfach schwierig – und ein Überbrückungs-Deal für die Coronazeit verzögerte sich zusätzlich. Der Investor wunderte sich, dass das Geld nicht mehr lange reichen würde. Obwohl es natürlich auch daran lag, dass er nicht einzahlte, was das Wachstum weiter hinaus zögerte und somit den Geldverbrauch (Burn) höher hielt als geplant. Wir befanden uns in einer Abwärtsspirale.

Ein Investor bringt die Wende

Mitunter reicht nur ein Investor – und dann steht die Runde. Und so fanden auch wir Monate später den einen Geldgeber, der an uns glaubte und die Wende brachte. Während man sich in manchen Gesprächen mit Wagniskapitalgebern fragte, wo denn die Wagnis war, wenn es nur um Risiken und nicht um Chancen geht, war es bei dem einen direkt sehr anders. Da geht es dann auch nicht mehr darum, noch einmal sechs Monate zu warten und die Traction zu sehen, die man ohne eine entsprechende Finanzierung auch schwer zaubern kann. Sondern nur um die Frage, was es braucht, um das Ziel zu erreichen.

Nach der Zusage vom Hauptinvestor war es dann ganz einfach, die Finanzierungsrunde zusammenzubekommen, obwohl sich an unserer Situation eigentlich nichts geändert hatte. Und plötzlich wollte jeder einen guten Deal für sich machen – auch Gesellschafter, mit denen man unangenehme Gespräche geführt hatte, weil für sie das Investment eigentlich schon abgeschrieben war. Als die Pressemitteilung raus war, meldeten sich auch viele der Geldgeber, die uns abgesagt hatten – das Signal war: Bei der nächsten Runde wollen wir aber wieder gefragt werden. Machen wir. Zumindest falls es wieder eng wird. Was ja öfters vorkommt, als man es in der Presse liest.

Zu selten werden diese Geschichten erzählt

Es ist eine komische Welt, mit ihren sehr eigenen Regeln. Und wenn man nicht entweder die Sau ist, die gerade durch das Dorf getrieben wird (E-Scooter, Amazon Roll-ups, Quick Commerce, BNPL anyone?) – oder noch nicht das perfekte exponentielle Wachstum zeigen kann, hat man es schwer – nicht nur in einer Pandemie. Und so gibt es für jede Geschichte zum nächsten Rekord-Deal 95 Geschichten, bei denen es kein Spaziergang war oder es gar in der Insolvenz mündeten. Zu selten werden sie erzählt.

In unregelmäßigen Abständen wird ein Fintech-Gründer über seine persönlichen Erfahrungen mit Investoren, dem Startup-Alltag und der Digtal-Szene schildern. Er bleibt anonym, denn seine Ehrlichkeit kommt nicht überall gut an. Finance Forward ist der Name bekannt. Für Feedback meldet euch gerne unter redaktion (at) financefwd.com.

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