Die Gründer Dirk Rudolf und Stefan Krautkrämer (v.li.) © FinTecSystems

Die sofortpay-Gründer im FinanceFWD-Podcast: „Neue Impulse sind immer gut – egal ob von einer Bank oder von Apple und Google“

Sie haben die reichste Familie Deutschlands als Investor an Bord, bieten Zugriff auf 100 Millionen Bankkonten bei 5000 Geldhäusern, und ihre Lösungen nutzen Millionen von Menschen – und doch stehen Stefan Krautkrämer und Dirk Rudolf von FinTecSystems eher ungern im Rampenlicht. Im FinanceFWD-Podcast sprechen die Gründer über die Bedeutung von Künstlicher Intelligenz und Big Data im modernen Finanzbetrieb, die Internationalisierung eines Fintechs und verraten, was das alles mit einem Treffen auf einem Rastplatz irgendwo in Nordrhein-Westfalen zu tun hat.

Ihr Firmensitz ist in München, doch sie geben sich norddeutsch zurückhaltend: Sich wie der ein oder andere Startup-Gründer in der Fachpresse oder den sozialen Medien selbst zu inszenieren, das liegt Stefan Krautkrämer und Dirk Rudolf fern. „Wir backen lieber kleine Brötchen“, so der Gründer. „Und machen das mit unseren Kunden zusammen. Wir versprechen keine große Visionen und schauen dann erst im Nachhinein, ob das überhaupt funktionieren könnte. Das liegt uns nicht. Eigentlich machen wir ganz klassisches Bankgeschäft – aber eben neu gedacht.“ Hier von Understatement zu sprechen, wäre eigentlich noch zu kurz gegriffen. Denn FinTecSystems arbeitet seit Jahren recht erfolgreich an der digitalen Bankauskunft. Aus der Fintech-Szene zählen etwa Lendstar, Kapilendo, FinReach und Cashpresso zu den Kunden. Der Gebrauchtwagenvermittler abracar setzt eine White-Label-Payment-Lösung der Münchner ein. Im Kern bietet das Startup aber Zugriff auf über 100 Millionen Bankkonten bei 5000 Geldhäusern. Zuletzt gab es von diversen VCs, darunter Ventech und VC Littlerock, sowie dem Family-Office der Familie Reimann frisches Kapital. Letzteres investiere 4,5 Millionen Euro in den Finanzdienstleister. Krautkrämer: „Familie Reimann kannten wir noch aus der Zeit bei Sofortüberweisung. Das spiegelt auch wider, was wir an Investoren mögen und suchen. Das sind Leute mit Handschlag-Charakter, die auch verstehen, wenn man Komplexes erklärt und Großes vorhat. Die warten nicht nur auf den nächsten Finance-Forecast, sondern sehen das große Bild dahinter.“

„Wir hatten sämtliche Evolutionsstufen mitgemacht“

Kennengelernt haben sich Krautkrämer und Rudolf im Gründungsteam des deutschen Instant-Payment-Pioniers, zuletzt haben sie die Sofort GmbH in führenden Rollen mit vorangetrieben. Krautkrämer war von 2011 bis 2014 Chief Operating Officer der Klarna-Tochter, Dirk Rudolf von 2010 bis 2014 Chief Information Officer. Der erste Treffpunkt war dann aber doch eher ungewöhnlich „Als ich meinen ersten Tag bei Sofortüberweisung hatte, da gab’s noch nicht mal einen DSL-Anschluss. Den haben wir selbst installiert“, so Krautkrämer. „Und als ich dann fragte, wo denn überhaupt das Team sei, da hieß es: Das sind ja Studenten, die in Gießen wohnen.“ Weil die offenbar neue Rechner benötigten und Krautkrämer Porto sparen wollte und es auf der Strecke nach Dortmund lag, hieß es dann kurzerhand: „Ich fahr selbst. So haben wir uns dann tatsächlich an einem Sonntag auf einem Autobahn-Rastplatz getroffen.“


Was folgten, waren rund neun Jahre vom DSL-Anschluss über das Einstellen vieler Mitarbeiter, mehrere Finanzierungsrunden, dem Aufbau einer Bank bis hin „zu einem respektablen Exit“, wie Rudolf erklärt. „Wir hatten sämtliche Evolutionsstufen mitgemacht und viel gelernt.  Aber dann für uns gemerkt, dass es jetzt ein schöner Zeitpunkt ist, rauszugehen. Alles war in die richtigen Bahnen gelenkt und gut aufgestellt, sodass man etwas Neues wagen konnte.“

Zuletzt etwas Neues gewagt haben die beiden Payment-Profis mit sofort-pay. „Neben den Kontoinformationsdiensten entstand die Nachfrage auf Kundenseite, ob FinTecSystems nicht auch die Zahlungsinitiierung übernehmen kann. Das war der ursprüngliche Impuls zum Payment Service“, erklärte Rudolf neulich schon im Interview. Tatsächlich brummt der Payment-Sektor, während andere Fintech-Sparten noch ihre Daseinsberechtigung im Finanzsystem suchen: PayPal zahlte zuletzt rund 2,3 Milliarden Dollar für iZettle, der britische  Online-Geldtransfer-Service TransferWise sammelte bislang insgesamt 396,4 Millionen Dollar ein – und PayPal-Konkurrent Adyen ist nach dem erfolgreichen Börsengang mit über 20 Milliarden Euro bewertet. Gleichzeitig lässt sich eine Marktkonsolidierung beobachten: Die Großen bekommen immer mehr Geld und schlucken die Kleinen. Wieso tritt man jetzt mit einem Speedboot gegen die solche Dickschiffe an? „Wir sind überzeugt, dass Payment ein entscheidender Trust-Faktor im E-Commerce ist“, so Rudolf. Vielmehr wollen die Gründer derzeit noch nicht über ihr neues Produkt verraten.

„Gründer erliegen manchmal dem Interesse an ihrer Firma“

Das liegt vielleicht auch daran, dass die beiden lieber mit dem Produkt überzeugen wollen – anstatt andere vom Produkt zu überzeugen. Krautkrämer: „Wir glauben: Wenn es gut ist, wird’s der Markt auch kaufen. Wir müssen nicht dauernd darüber reden.“ Das würden andere Player im Markt viel geschickter machen. „Unser Eindruck ist aber auch: Je mehr man in den Medien von einem B2C-Startup las und je mehr es gehypt wurde, desto unerfolgreicher war es letztendlich oft. Ich glaube, dass die Gründer manchmal dem Medieninteresse an sich und an ihrer Firma erliegen und es dann irgendwann selbst glauben, was sie da als Idee verkaufen wollen. Wir gehen da anders vor.“

Mit dem frischen Kapital will man nun das Produkt. Zum einen scheint auch für ein Fintech die Internationalisierung nicht nur einen Mausklick entfernt zu sein. „Mit Österreich und der Schweiz zwei Märkte datentechnisch supersauber aufgestellt“, so Rudolf. „PSD2 befreit nicht davon, dass die Eigenheiten der Nutzer in den einzelnen Ländern anders sind und man darauf eingehen muss und man den B2B-Part anders ansprechen muss. Es macht es einfacher, im Ausland neue Dienste aufzubauen. Aber es erleichert erstmal nicht die Internationalisierung.“ So wichtig zudem die neue PSD2-Richtlinie für den Zugriff auf Bankkonten durch Dritte war, so sehr bleibt auch für ein Digital-Startup die Expansion in andere Länder aber offenbar mühsame Handarbeit: „Man kann nicht, wie im E-Commerce, einen Onlineshop einfach übersetzen und dann weltweit ausliefern. Oder wie im Gaming-Segment digitale Güter von A nach B schicken“, so Rudolf. „Bezahlt wird schon europaweit. Siehe Revolut. Aber dass man einen Bankkredit im Ausland aufnimmt oder ein österreichisches Girokonto in Deutschland nutzt, das wäre mir neu. Banking ist weiterhin sehr national geprägt“, erklärt Krautkrämer im FinanceFWD-Podcast. „Der rechtliche Rahmen ist europaweit sehr sauber definiert. Aber traditionell handelt es sich um einen nationalen Markt. Wir können jetzt Österreich aus Deutschland nicht einfach ‚mitmachen‘. Da gibt’s ganz nationale Eigenheiten.“

„In der Finanzbranche braucht es einen langen, stabilen Atem“

Zudem wolle man verstärkt in Künstliche Intelligenz investieren: „Wir sind ja, wenn man so will, Zulieferer. Das heißt: Wir haben mit extrem langen Sales-Cycles zu tun. Was wir jetzt bauen, das wird in eineinhalb, zwei Jahren auf dem Markt sein. Du kannst Dir vorstellen, wenn man zwei Jahre lang ein Team mit Analytikern, Statistikern, Entwicklern beschäftigt, dann kostet das viel Geld“, so Krautkrämer. „Das ist was anderes, als wenn man ein B2C-Startup hat und etwa in Google Adwords investiert. Da kann man relativ schnell sehen, ob das funktioniert oder nicht. In der Finanzbranche braucht’s aber einen langen und stabilen Atem. Auch wegen einer teuren Regulierung. Da ist es gut, wenn man die Finanzierung nicht als Sorgenkind mit sich herumträgt.“ Ein erstes „Live-Tool“, das dann auch eigenständig dazulernen soll, wollen die Münchner bis Ende des Jahres fertiggestellt haben.

Angst vor Google oder Apple haben die beiden Gründer und ihr 40-köpfiges Team aber nicht: „Solange etwa Gehälter weiter auf Girokonten überwiesen und nicht in Naturalien ausgezahlt werden, wird auch weiterhin die Frage sein: Wie bringt man Daten zusammen? Ob diese nun aus Bankportalen kommen oder über andere Schnittstellen, da sind wir agnostisch“, so Krautkrämer. „Wir sehen das als Chance. Der Markt ist doch gigantisch groß. Bei Banking und Finanzen geht es doch jetzt erst los: mit einer breiten Infrastruktur, rechtlichem Rahmenwerk, ausreichend vielen mobilen Devices und dem Vertrauen der Nutzer in die Technologie. Wir freuen uns immer über Impulse – egal ob sie von Apple bzw. Google oder einer klassischen Bank kommen.“

Warum aber ausgerechnet der Gründer eines Fintechs einen schlechten Schufa-Score hat und wie das zur Gründung von FinTecSystems führte, und wie sich die Finanzdienstleister künftig noch stärker spezialisieren wollen, hört Ihr im FinanceFWD-Podcast.

Alle Themen des Podcasts im Überblick:

  • Was macht FinTecSystems? (ab 01:40)
  • Wie haben sich die beiden Gründer kennengelernt? (ab 03:50)
  • Wie kam es zu dem Entschluss, nach Sofortüberweisung eine eigene Company zu gründen? (ab 05:30)
  • Wie lief die vergangene Finanzierungsrunde ab? (ab 07:15)
  • Wie aufwändig ist die Internationalisierung eines Fintechs? (ab 13.05)
  • Spielt PsD2 bei der Internationalosierung eine Rolle? (ab 15:20)
  • Es gibt so viel starke Payment-Konkurrenz. Wie viel man sich da abheben? (ab 18:50)
  • Ist „Payment-Deutschland“ nicht viel zu rückständig? (ab 22:00)
  • Was genau ist die digitale Bankauskunft? (ab 25:07)
  • Wie wichtig ist Big Data? (ab 31:15)
  • Wie sehen die nächsten Schritte aus? (ab 32:55)
  • Was beschäftigt die Finanzbranche in den kommenden Jahren? (ab 36:07)
  • Muss man Angst vor der GAFA haben? (ab 43:07)

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