Dieses Anwesen gehört offenbar FTX-Gründer Sam Bankman-Fried. Fabio De Masi nennt das „stupid money“ (Bild: Twitter)

Die Bitcoin-Illusion – ist Krypto jetzt tot?

Nach dem Zusammenbruch von FTX ist die Kryptobranche am Boden. Mit der Frage nach der Zukunft von Bitcoin & Co. beschäftigt sich Wirecard-Aufklärer und Finanz-Experte Fabio De Masi in seiner Kolumne. Im ersten Teil schrieb er über die Ursachen der Krise im Tech-Sektor.

Der Fall FTX zeigt, genau wie alle anderen Krypto-Fuckups der vergangenen Jahre: In dem Sektor ist viel „stupid money“ von Leuten investiert, die im Zweifel die Technologie gar nicht verstehen, aber wie Lemminge dem Trend folgten.

Daher herrscht hier auch die Erwartung, dass Panikverkäufe folgen und zur selbsterfüllenden Prophezeiung fallender Kurse werden. Die Kurse fallen, die Investoren flüchten, um die Verluste zu reduzieren. Die Tech- und Krypto-Werte sind dabei eng miteinander verbunden. Kaum jemand interessiert noch, was die jeweiligen Unternehmen oder Technologien eigentlich genau bezwecken.

FTX war eine Schattenbank

Die Pleite der Krypto-Börse FTX erfolgte nach einem bekannten Drehbuch. Im Kern ist die Story so alt wie das Bankwesen selbst: Auch eine Bank vergibt viel mehr Kredite als sie an Banknoten im Tresor oder Einlagen auf den Konten hat. Das ist zunächst unproblematisch, da die Kredite neue Investitionen und Gewinne von morgen finanzieren, die dann (im Falle des wirtschaftlichen Erfolgs) wiederum die Kredite von gestern rechtfertigen.

In normalen Zeiten lässt sich das Risiko von Kreditausfällen anhand der Einkommen und der Sicherheiten der Kreditnehmerinnen abschätzen. Wenn jedoch externe Effekte wie Kriege und Energiepreisschock auftreten, und Zentralbanken gar an der Zinsschraube drehen und Zweifel am Wert der Sicherheiten auftreten, kann das Kartenhaus wie in der Immobilienkrise 2007 zusammenbrechen.

FTX war nicht nur Börse zum Handeln von Krypto-Assets, sondern eben eine Art Bank, die Einlagen entgegennahm und Kredite vergab. Sie nutze dabei den Bitcoin und Krypto-Einlagen als Sicherheit zur Beleihung. Dies funktionierte ähnlich wie bei Schattenbanken, die Wertpapiere in Pension nehmen, um Kredite zu vergeben. Bitcoin verlor jedoch an Wert. Als Kredite ähnlich wie 2007 in der Immobilienkrise nicht mehr bedient wurden, waren auch die Sicherheiten hinfällig.

Allerdings haben Krypto-Assets keine Zentralbank, die im Zweifel den Wert der Sicherheiten durch Käufe stabilisieren kann und FTX hat kein Einlagensicherungssystem oder hinreichendes Eigenkapital zur Abfederung der Verluste. Der einzige Vorteil ist, dass der Kyptosektor bisher noch nicht allzu stark mit dem traditionellen Finanzsystem verknüpft scheint und daher keine Kernschmelze wie 2007 im Finanzsystem droht.

Der Mythos Bitcoin

Bitcoin ist dabei der große Mythos und Pionier des Krypto-Zeitalters. Bis heute ist nicht bekannt, wer die Person (oder Gruppe von Personen) hinter dem Alias Satoshi Nakamoto ist. Unter diesem Namen wurde das technisch anspruchsvolle Bitcoin Whitepaper vor 14 Jahren veröffentlicht, das ein dezentrales System für Transaktionen beschrieb und aufgrund der Finanzkrise und dem schlechten Image von Banken den Zeitgeist traf

Es ist denkbar, dass die Blockchain-Technologie tatsächlich Effizienzgewinne bei Banken und Versicherungen oder „use cases“ schafft, da sie im Kern ermöglicht, durch dezentrale Computer automatisch Verträge abzuwickeln.

Den Techno-Hype garniert bei Bitcoin eine ziemlich weltfremde Geldtheorie, da die maximale Menge an Bitcoin technisch auf 21 Millionen begrenzt ist. Gemeint ist der Monetarismus, der die Ursache von Inflation immer und überall darin sieht, dass zu viel Geld nach zu wenig Waren jagt und so zu steigenden Preisen führe. Daher wird ein festes Wachstum der Geldmenge in Übereinstimmung mit dem Wachstumspfad der Volkswirtschaft gefordert.

Der Monetarismus ist in den 1980er Jahren krachend gescheitert. Denn Zentralbanken haben gar keinen unmittelbaren Einfluss auf die Menge des per Knopfdruck geschaffenen Bankengeldes, die sich überwiegend nach der Kreditnachfrage zum jeweiligen Zinssatz richtet.

Die Geldmenge auf die Zentralbanken tatsächlich direkteren Einfluss haben, sind die Guthaben der Banken bei der Zentralbank. Dieses Zentralbank-Geld, das entsteht, wenn Zentralbanken Wertpapiere kaufen, hat auf die Güterpreise keinen direkten Einfluss, da dieses Geld nicht in der Wirtschaft zirkuliert. Eine Ausnahme bildet das Bargeld, das ebenso Zentralbankgeld ist, aber nur einen Bruchteil der gesamten Geldmenge ausmacht. Das meiste Geld sind eben Zahlen auf Computer, die von Banken geschaffen werden.

Der Monetarismus mit seiner Theorie einer festen Geldmenge soll dem Pyramidenspiel des Bitcoins daher nur den Mantel einer ökonomischen Theorie umhängen. Damit soll der Mythos eines wertstabilen Assets geschaffen werden. Wie bei einem teuren Kunstwerk, dessen Wert nicht durch eine überragende Technik des Künstlers geschaffen wurde, sondern weil Galeristen den Künstler für überragend erklären.

Die Bitcoin-Community versucht das Krypto-Asset als inflationsstabile Alternative zum von den Banken per Knopfdruck geschöpften Fiat-Geld anzupreisen. Doch der Bitcoin-Kurs brach ausgerechnet dann ein, als aufgrund von Zinserhöhungen der Nachschub an billigen Banken-Geld ausging, um den Hype weiter zu befeuern. Und die Energiepreise machen den energieintensiven Minern ebenso einen Strich durch die Rechnung.

„Ich fahre auf eine Insel und packe meinen Koffer!“

Dabei ist klar, dass Bitcoin nicht als einfaches Zahlungsmittel taugt. Denn wenn etwas vermeintlich immer wertvoller wird, warum sollte ich damit beim Bäcker bezahlen? Wir kaufen auch Brötchen nicht mit Gold oder einem Picasso. Sollten digitale Zentralbankwährungen oder effizientere Krypto-Assets auf den Plan treten, kann der Bitcoin daher auch schnell Geschichte sein. Die Revolution frisst immer auch ihre Kinder.

Bitcoin ist ein Energiefresser. Der Cambridge Bitcoin Electricity Consumption Index schätzt dabei tagesaktuell den Energieverbrauch, der den Energieverbrauch ganzer Volkswirtschaften umfasst. Viele Computer versuchen dabei im Wettbewerb simultan komplizierte Rechenaufgaben („proof of work“ Verfahren) zu lösen und werden bei Erfolg mit neuem Bitcoin belohnt. Dies ist da sogenannte Mining und soll durch den Energieeinsatz das Asset knapphalten. Auch das alternative „proof of stake“ Verfahren, das sich auf die Verifizierung von Transaktionen durch etablierte Teilnehmer des Netzwerkes stützt, birgt jedoch enorme Probleme, weil es Krypto-Halter mit großen Bitcoin Vermögen begünstigt.

Transaktionen auf der Blockchain sind aufwendig und funktionieren ähnlich wie das berühmte Spiel „Ich fahre auf eine Insel und packe meinen Koffer!“. Nur wer die ganze Kette an Transaktionen der vorherigen Mitspieler in der richtigen Reihenfolge aufsagt, kann einen neuen virtuellen Gegenstand in den Koffer packen. So soll kein einzelner Spieler in diesem Netzwerk allein die Datenbank manipulieren können.

Die Technologie ist faszinierend. Sie ist aber keine effiziente Methode zur Abwicklung von Transaktionen: Visa schafft etwa 1.700 Transaktionen pro Sekunde, Bitcoin je nach Statistik sieben bis elf. Eine Zahlungsanweisung zwischen der Sparkasse und der Deutschen Bank erfordert hingegen wenige Computer, die Konten der beteiligten Kunden und der beteiligten Banken bei der Zentralbank und Bankmitarbeiter.

Man kann zwar über das Lightning Netzwerk Zahlungsversprechen (IOUs) in Bitcoin ohne Blockchain hin- und herschicken. Das ist dann ähnlich wie ein Transfer zwischen Banken (nur ohne Banken als Intermediär). Auch dort wird Bank A kein Bargeld zu Bank B bringen. Aber es ist nur eine zweite Schicht auf dem Bitcoin, der aber immer noch sehr aufwendig geschöpft werden muss und ohne staatliche Garantie heftigen Schwankungen ausgesetzt ist. Wenn ich einer Schnecke einen Ferrari auf den Rücken schnalle, bewegt sie sich ja auch nicht schneller.

Selbstverständlich könnte Bitcoin die Energienutzung auf regenerative Energien umstellen. Aber auch dies geht am Kern des Problems vorbei. Denn Energie ist knapp und daher ist der eigentliche Punkt, wozu wir Bitcoin eigentlich brauchen? Wozu ein so aufwendiges Verfahren wie bei Bitcoin, um eine der wenigen Dinge zu machen, die Banken bei aller berechtigten Kritik an Gebühren, verschleppter Digitalisierung oder spekulativer Kreditvergabe zuverlässig erledigen? Nämlich die Buchhaltung.

Natürlich ist es denkbar, dass Bitcoin nachdem die technisch definierte maximale Menge an 21 Millionen Bitcoin, geschöpft wurde als virtuelles Artefakt der Pioniere überleben wird.  Das Krypto-Asset wäre dann wie eine seltene Briefmarke aus dem Zeitalter der Postkutschen. Der Wert resultierte dann wie ein streitbares Kunstwerk aus der Knappheit und dem Image. Dies ist auch der Grund warum der Mythos Bitcoin von manchen Nutzerinnen in den sozialen Medien und Internetforen koordiniert und aggressiv befeuert wird.

Die Blockchain könnte natürlich langfristig bei entsprechenden technologischen Fortschritten den Arbeitseinsatz bei Banken und Versicherungen enorm reduzieren und Effizienzgewinn heben. Ob dies dann nur die Gewinne von Banken und Versicherungen treibt oder etwa zur Verbesserung des Kundenservices in anderen Bereichen genutzt wird, steht dabei auf einem anderen Blatt.

Bisher haben wir daher mit der Blockchain jedoch vor allem eine faszinierende Technologie. Technologien werden zumeist entwickelt, um Probleme zu lösen. Im Kern geht es jedoch bei der Krypto-Technologie darum erst Probleme zu finden, das mit dieser Technologie effizient gelöst werden können.

Gleichwohl waren auch die ersten Schritte im Internet seltsam entrückt. Wir starrten auf einen Bildschirm, auf dem sich in der Schneckentempo eine Seite aufbaute. Und das sollte die Zukunft sein? Heute kaufen wir selbstverständlich online ein, sind ohne Google Maps orientierungslos und lesen auf dem Smartphone Nachrichten.

Wie im Internet-Zeitalter sollten wir daher darauf vorbereit sein, dass Krypto bleiben wird. Der Bitcoin wird somit in der Technik-Geschichte eine Rolle spielen, als Zahlungsmittel wird er sich aber nach meiner Überzeugung nicht durchsetzen. Denn die Revolution frisst Ihre Kinder.


Fabio De Masi war Mitglied des Deutschen Bundestages sowie des Europäischen Parlaments und machte sich dort bei der Aufklärung von Finanzskandalen – etwa um den Zahlungsdienstleister Wirecard – einen Namen. Der Finanzdetektiv kommentiert einmal im Monat Entwicklungen aus der „neuen Finanzwelt“ für Finance Forward. Der Ökonom ist Fellow für digitale Finanzmärkte bei der Nichtregierungsorganisation Finanzwende und am Financial Innovation Hub der Universität Kapstadt (Südafrika). Er schreibt in seiner persönlichen Eigenschaft.

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