Christian Angermayer bei einer Konferenz in New York, 2016 (Bild: Bloomberg/Getty Images)

Christian Angermayer – der Ikarus am Startup-Himmel

Der deutsche Milliardär Christian Angermayer investierte früh in deutsche Fintech-Startups. Doch zurzeit bestimmen strauchelnde Krypto-Firmen und Deals mit Wirecard seine Bilanz, kommentiert Fabio De Masi, Wirecard-Aufklärer und ehemaliger Abgeordneter.

Christian Angermayer liebt den Auftritt im kleinen Kreis. Im Sommer veranstaltete der 44-Jährige im französischen Saint-Tropez ein Treffen seines illustren Netzwerks. Der Sänger Robbie Williams trat auf, während die von ihm finanzierten Gründer – mit Firmen, deren Geschäftszweck von Drogentherapien bis Krypto reichen – um Investoren werben durften. Angermayers Drähte reichen dabei bis in die Politik. Der über eine Korruptionsaffäre gestürzten Ex-Bundeskanzler Österreichs, Sebastian Kurz (ÖVP), trat ebenfalls auf, wie ein Foto zeigt.

Netzwerker Angermayer sieht sich dabei als eine Art Peter Thiel, made in Germany. Und tatsächlich gibt es enge Verbindungen zu Thiel, dem ultra-libertären Milliardär und Unterstützer des früheren US-Präsidenten Donald Trump. Angermayer und Thiel investieren regelmäßig zusammen. Thiel war einer der frühen Kapitalgeber von Facebook (Meta) und hat unter anderem die umstrittene Big-Data-Firma Palantir mit aufgebaut. Er träumt vom eigenen Startup-Staat ohne demokratische Wahlen und fördert den gefallenen Sebastian Kurz. Thiel finanziert über seine Fonds auch viele erfolgreiche Startups und Fintech-Unternehmen in Europa, darunter die wichtigsten Namen Europas wie die Bank N26 oder den Neobroker Trade Republic.

Angermayer hat sich über die Jahre mit seiner Investmentfirma mit Sitz in Malta ebenfalls ein großes Startup-Portfolio aufgebaut, dazu zählen Startups aus der Raumfahrt, Filmgeschäft, Krypto, Gesundheitsthemen wie Lebensverlängerung und Gras. Auch beim großen Hype um die Firmenhüllen Spacs mischte er mit. Doch die Bilanz ist derzeit ernüchternd – viele der börsennotierten Fintech-Firmen stehen unter Druck.

Kontakte zu Wirecard

Besonders Aufsehen sorgte Angermayers Investments in psychedelische Substanzen. Er brachte dabei die Holding Atai (Minus 60 Prozent seit Jahresbeginn) an die Börse, um mit Wirkstoffen aus Ecstasy wie MDMA oder Ketamin sowie Pilzen Medikamente gegen Depressionen zu entwickeln. In Interviews schilderte er seine eigenen Erfahrungen mit Magic-Mushroom-Trips – und wie ihn diese „spirituell-mystische“ Erfahrung zu einem besseren Investor gemacht habe.

Tatsächlich erinnern einige seiner Investitionen aber eher an einen schlechten Trip: Angermayer sorgte etwa immer wieder im Umfeld des insolventen deutschen Zahlungsabwicklers Wirecard für Schlagzeilen: So vermittelte er 2019 dem großen japanischen Tech-Konglomerat Softbank eine verlustreiche Investition in Wirecard und seine Investmentfirma Apeiron Advisory soll dafür 11,5 Millionen Euro Vermittlungsgebühr kassiert haben. Ebenso war Angermayer längere Zeit Großaktionär der kriselnden IT-Sicherheitsfirma Cyan AG, gegen die Deutschlands Finanzaufsicht Bafin wegen Marktmanipulation ermittelte.

Angermayer wollte Wirecard zum Kunden der Cyan AG machen

Der Chef des Aufsichtsrates der IT-Sicherheitsfirma Cyan, die unter anderem für die österreichische Regierung tätig war, war der Austro-Investor Alexander Schütz. Dieser ist wiederum ein guter Bekannter des inhaftierten Ex-Wirecard-CEOs, Markus Braun, der diesen aufgefordert hatte, die Financial Times wegen kritischer Berichterstattung zu Wirecard „fertig“ zu machen. Schütz musste daher später den Aufsichtsrat der Deutschen Bank verlassen.

Eine Villa aus Schütz Firmen-Imperium soll zudem an den ukrainischen Oligarchen Dmytro Firtasch vermietet worden sein, dessen Auslieferung aus Österreich die USA wegen Korruption begehren. Jan Marsalek, dem von Interpol gesuchte Wirecard-Manager mit dubiosen Geheimdienstverbindungen, hat Firtasch ein Konto bei der Wirecard Bank verschafft.

Angermayer wiederum wollte Wirecard zum Kunden der Cyan AG machen und warb dafür bei Marsalek. Tatsächlich kam es zu einer Kooperations- und Lizenzvereinbarung, die nach Marsaleks Untertauchen von Wirecards Anwälten geprüft wurde – und von Ex-Wirecard Produktchefin Susanne Steidl in der Kommunikation mit den Anwälten als „komplett unnütz“ eingestuft wurde.

Der Kurs von Northern Data ist um 88 Prozent gefallen

Auch Fintech-Firmen aus Angermayers Portfolio sorgten für teilweise negative Schlagzeilen oder kämpfen mit fallenden Börsenkursen, etwa die Cryptology Asset Group (Minus 36 Prozent seit Jahresbeginn) der Neobroker The Naga Group (Minus 82 Year-to-date), oder der Bitcoin Miner und Betreiber von Rechenzentren Northern Data (Minus 88,6 Prozent, Year-to-Date). Die Aktie erreichte im September ihr drei Jahres-Tief. Gegen Northern Data erstatte die Finanzaufsicht Bafin vor einiger Zeit Strafanzeige wegen Marktmanipulation.

Die aktuellen Probleme vieler Krypto-Assets wie Bitcoin – denen wegen der Energiepreise und der Erhöhung der Leitzinsen der führenden Zentralbanken, neues „stupid money“ ausgeht – ist daher auch an Angermayers Krypto-Investments nicht spurlos vorüber gegangen. Der Investor warb kürzlich mit einer E-Mail an die „Gründer High-Society“ um Vertrauen. Northern Data sei mehr als nur ein Krypto-Miner. Das Unternehmen würde wörtlich „Geld drucken“. Warum Angermayer offensiv um Investoren werben muss, wenn er das Geld einfach „drucken“ kann, blieb jedoch in der Mail sein Geheimnis.

Faible für griechische Mythologie

Der schillernde Investor hat ein Faible für griechische Mythologie. So taufte er sein Family Office „Apeiron“. Dies ist ein philosophischer Begriff aus dem Altgriechischen und steht für einen Urstoff, der weder Anfang noch Ende hat. Apeiron meint das Unbegrenzte. Derzeit droht Angermayer aber eher das Schicksal von Ikarus, dem Sohn des Daidalos. Der griechischen Legende nach erfand Daidalos für sich und seinen Sohn, Ikarus, Flügel aus Wachs, um der Gefangenschaft im Labyrinth des Minotauros auf Kreta zu entkommen. Ikarus wurde jedoch übermütig und stieg zu hoch der Sonne entgegen, so dass das Wachs schmolz und er ins Meer stürzte.


Fabio De Masi war Mitglied des Deutschen Bundestages sowie des Europäischen Parlaments und machte sich dort bei der Aufklärung von Finanzskandalen – etwa um den Zahlungsdienstleister Wirecard – einen Namen. Der Finanzdetektiv kommentiert einmal im Monat Entwicklungen aus der „neuen Finanzwelt“ für Finance Forward. Der Ökonom ist Fellow für digitale Finanzmärkte bei der Nichtregierungsorganisation Finanzwende und am Financial Innovation Hub der Universität Kapstadt (Südafrika). Er schreibt in seiner persönlichen Eigenschaft.

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