Sven Schmidt

Zur Neufund-Debatte: Ein Gastbeitrag von OMR-Podcast-Stammgast Sven Schmidt

In der vergangenen Woche wurde der (mittlerweile gelöschte) FinanceFWD-Podcast von Sven Schmidt zum Thema Crowd-Investing mit Fokus auf das Berliner Startup Neufund in der Branche heftig diskutiert. Nachdem sich Frank Thelen in diversen Interviews (t3n / Deutsche Startups) geäußert hat, bezieht Sven Schmidt nun Stellung.

Warum wurde der FinanceFWD Podcast gelöscht?

Zusammen mit OMR-Gründer Philipp Westermeyer und Felix Disselhoff, dem Chefredakteur von FinanceFWD, habe ich einen Podcast zu Crowd-Investing im Allgemeinen und zum Berliner Start-Up Neufund im Speziellen aufgenommen. Dieser Podcast ist am 2. August 2018 veröffentlicht worden. Im Podcast habe ich die Zweitwährung von Neufund mit dem Namen Neumark (bzw. NEU) und die Bewerbung dieser durch den Risikokapitalgeber Frank Thelen, der über seine Firma Freigeist Capital am Neufund Betreiber Fifth Force GmbH beteiligt ist, als Schneeballsystem bezeichnet.

Mir ist danach klar geworden, dass diese Bezeichnung missinterpretiert werden kann. Das Störgefühl von Frank Thelen konnte und kann ich nachvollziehen. Daher habe ich einem Gespräch mit Frank Thelen am Montag, dem 6. August 2018, zugestimmt. Es ist vereinbart worden, dann den Podcast sowie den Begleitartikel offline zu nehmen.

 

Frank Thelen hat sich dem Gespräch gestellt, das verdient meinen Respekt. In dem Gespräch wurden jedoch Behauptungen mich betreffend in den Raum gestellt, die faktisch nicht stimmen. Ich habe deshalb darum gebeten, diese Punkte in einem Nachtrag zu dem Podcast zu klären. Betreffend des Nachtrags gab es keine Einigung. Dementsprechend wurde das Gespräch nicht als Podcast veröffentlicht. Da Philipp und ich zu unserem Wort stehen, wurde der alte Podcast dennoch einvernehmlich offline genommen.

Zu den Aussagen des Podcasts stehe ich – mit Ausnahme des verwandten Begriffs Schneeballsystem – vollumfänglich. Meine Ansichten sind in dem gemeinsamen Gespräch, das primär unterschiedliche Perspektiven aufgezeigt hat, nicht widerlegt worden.

Ich ging davon aus, dass das Thema damit erledigt sei. Gründerszene hat jedoch einen Facebook-Post von Lieferando-Gründers Christoph Gerber zum Anlass genommen, einen von Gründerszene selbst als „Popcorn“ klassifizierten Artikel zu der Thematik zu veröffentlichen. Insbesondere in der ersten Version des Artikels hat der Autor meine Argumentation und meines Erachtens nach die Funktionsweise von Neufund falsch widergegeben. Als Folge hat Frank Thelen auf t3n sowie Deutsche Startups Interviews zu der Thematik gegeben. Dementsprechend möchte ich die Gelegenheit nutzen, meine Perspektive zu Crowd-Investing sowie Neufund zu erläutern. Der alte Podcast hat primär Crowd-Investing – unabhängig von Neufund – kritisch hinterfragt.

Philipp und ich haben Frank Thelen zudem einen Podcast mit klaren Regeln (maximal 2 Minuten pro Erstantwort, maximal 1 Minute pro Zweitantwort, keine persönlichen Angriffe, keine polarisierenden Aussagen & „Fact Checking“ durch die OMR Redaktion), die für Frank Thelen und mich gleichermaßen gelten, angeboten. Frank Thelen erwägt, den Podcast nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub zu machen.

Neufund löst nicht das grundlegende Problem des Crowd-Investings

Meines Erachtens nach führen beim Crowd-Investing adverse Selektion, problematische Ausgestaltung der Anreizsysteme sowie mangelnde Transparenz zu suboptimalen Renditen für die Anleger. Zudem vertrete ich die Ansicht, dass die meisten Anleger die partiell komplexen Konstruktionen und damit die zugrundeliegenden Chancen-Risiko Verhältnisse nicht verstehen.

Neufund differenziert sich gegenüber Companisto ausschließlich durch die Handelbarkeit der Anteile auf der Blockchain sowie eine Zweitwährung. Beide Punkte heilen nicht die Probleme des Crowd-Investings. Die Nicht-Handelbarkeit von Anteilen in der Frühphase ist ein „Feature“ und kein „Bug.“ Daher ist sie aus gutem Grund von fast allen Frühphasenfirmen nicht erwünscht und vergrößert somit das Problem der adversen Selektion. Die Zweitwährung ist für eine Crowd-Investing Plattform (oder eine Börse) nicht notwendig. Und immer wenn etwas nicht notwendig ist, muss man sich fragen: Zu wessen Vorteil ist es eingeführt worden?

Crowd-Investing ist nicht identisch mit Crowd-Funding oder Crowd-Lending

Vorweg erscheint mir eine Definition des Begriffes Crowd-Investing relevant, da Crowd-Funding, Crowd-Lending sowie Crowd-Investing m.E. nach fälschlicherweise austauschbar verwendet werden.

Kickstarter, Indiegogo et al werden meistens als Crowd-Funding Plattformen bezeichnet, ich würde es eher Crowd-R&D Financing nennen. Der Nutzer kauft ein Produkt, bevor es dieses gibt. Letztendlich finanziert der Nutzer somit die Produktentwicklung. Dafür gibt es einen Preisvorteil und man bekommt das Produkt als Erster oder gar nicht. Denn Plattformen wie Kickstarter leiden unter problematischer Ausgestaltung der Anreizsysteme (-> Kickstarter bekommt einen Anteil vom Umsatz, unabhängig davon, ob das Produkt jemals geliefert wird) sowie mangelnder Transparenz (-> die Plattformen haben nur einen begrenzten Anreiz, eine sogenannte Due Dilligence durchzuführen).

Kapilendo et al sollten meines Erachtens nach Crowd-Lending Plattformen genannt werden. Ein Nutzer leiht einem Start-Up oder kleineren Firmen Geld. Hierbei handelt es ich letztendlich um ein klassisches Bankengeschäft. Hier stellt sich für mich immer die Frage nach der adversen Selektion: Wenn die Hausbank kein Geld geben will, warum sollte ich es tun? Firmen, die von ihrer Hausbank ein günstiges Darlehen erhalten, leihen sich in der Regel auf einer Crowd-Investing Plattform kein Geld.

Anders ausgedrückt: In der Regel sind Firmen, die von der Hausbank aus vermeintlich gutem Grund kein Darlehen bekommen, auf solchen Plattformen zu finden. Warum ist das für den Anleger beim Crowd-Lending besonders problematisch? Bei Firmen, die sonst kein Fremdkapital bekommen, hat das Fremdkapital von der Crowd aus der Risikoperspektive Eigenkapitalcharakter. Aber bei einem Darlehen profitiere ich neben den Zinsen nicht vom wirtschaftlichen Erfolg der Firma, kann bei wirtschaftlichen Problemen der Firma jedoch das gesamte Darlehen verlieren.

Ein weiteres Segment im Bereich Crowd-Lending sind z.B. Mezzanine Kredite im Immobilien Segment, hier ist das Hamburger Start-Up Exporo (finanziert von den Risikokapitalgebern Holtzbrinck Ventures, E-Ventures & Sunstone Capital) führend. Ich frage mich immer, ob überhaupt einer (!) der Anleger das Risiko genau beurteilen kann. Es ist nicht einfach, das Risiko zu beurteilen, wenn man mit seinem Mezzanine Kapital zwischen Eigenkapital und Fremdkapital liegt und das zugrunde liegende Projekt nur begrenzt beurteilen kann. Bisher ist bei Exporo alles gut gegangen – ob es an der vermeintlich sehr guten Selektion der Angebote durch die Plattform oder an dem Rückenwind im Immobiliensegment liegt, ist von außen schwer zu beurteilen. Die nachhaltige Güte der Projekte wird sich erst bei Gegenwind zeigen – wenn die Fremdkapital Zinsen relevant steigen und wir in eine Rezession kommen.

Aufgrund adverser Selektion mangelt es Crowd-Investing an attraktiven Investments

Crowd-Investing ist das dritte Segment. Der Anleger investiert in Equity – vermeintlich wie ein Risikokapitalgeber. Hier sind in Deutschland Anbieter wie Companisto, Seedmatch oder Bergfürst bekannt. Dieses Segment leidet primär unter adverser Selektion. Platt gesagt: Wenn 34 Business Angels, 57 Risikokapitalgeber, 17 Corporates und 24 Family Offices einer Firma abgesagt haben – aus einem einzelnen oder einer Vielzahl von Gründen – dann sieht man diese Firma oftmals auf einer Crowd-Investing Plattform. Und wenn 132 mehr oder weniger Experten alle (!) nein gesagt haben, wieso sollte die Crowd es besser wissen!? Jeder einzelne Anleger müsste sich eigentlich fragen: Was weiß ich, was die 132 Experten nicht wissen bzw. wussten? Und vor allem, was weiß ich nicht, was die 132 Experten wissen.

Die Kernfrage ist also, ob es eine attraktive Firma gibt, die nicht mit Business Angels, Risikokapitalgebern, Family Offices etc. spricht. Ich glaube nicht. Denn gerade in der Frühphase ist es vorteilhaft, nicht alle Zahlen halb-öffentlich machen zu müssen. Und eine weitere Finanzierung ist einfacher, wenn man einen kapitalstarken Investor – am besten einen mit starkem Netzwerk – an seiner Seite hat. Investoren sind daher sehr skeptisch, wenn Firmen, die über Crowd-Investing Kapital aufgenommen haben, sie ansprechen. Sie fragen sich: Warum hatte die Firma keine andere Wahl?

Und damit ist m.E. nach klar, woran es Crowd-Investing Plattformen fehlt: An attraktiven Firmen, in die man investieren kann. Und es gibt mit einem problematischen Anreizsystem und begrenzter Transparenz weitere nachgelagerte Probleme. Im Fall von Companisto verdient die Plattform beispielsweise am sogenannten Deal Carry (vs. Fund Carry). Für Companisto ist jeder Deal somit ein neues Los. Die Gesamtrendite aller Companisto Investments kann negativ sein, aber an den wenigen erfolgreichen Deals partizipiert die Plattform dennoch. Companisto hat also ein Interesse, Deals zu promoten, solange von einer Finanzierung auszugehen ist, und zwar unabhängig vom möglichen späteren Misserfolg des Investments. Das zeigt sich auch daran, wie Companisto Firmen gewinnt: Auf der Webseite werden als Vorteile für Firmen ein schlankes Reporting und der Erhalt aller Stimmrechte genannt. Die Übersetzung lautet für mich aus Investorenperspektive: „Informationsasymmetrie“ und „keine Kontrolle.“

Den Plattformen fehlt zudem die Kompetenz, die möglichen Investments zu kuratieren. Während Exporo von einem vertikalen Fokus profitiert, sind Companisto, Seedmatch oder auch Neufund horizontal aufgestellt. Mit welchen Ressourcen und mit welcher Kompetenz sollen hier Firmen von A bis Z beurteilt werden?

Vermeintliche Argumente für die Crowd verfangen nicht

Als Gegenargument wird oftmals die vermeintliche Weisheit der Vielen bzw. der Masse („Wisdom of the Crowd“) angeführt. Ich halte das in Bezug auf Crowd-Lending oder Crowd-Investing für eine „Urban Legend“. Es mag ausgewählte Situationen geben, wo die Weisheit der Vielen greift. Bekannt ist das Beispiel, wenn die Zahl von 1 Cent Stücken in einem Glas geschätzt werden soll.

Beim Investieren hilft Expertenwissen und ein Investor sollte sich zudem fragen, warum er einen Deal sieht und welchen er nicht sieht. Zum anderen ist es eine Frage von Anreizsystemen und zwar auf Seiten der Plattform als auch auf Seiten der Investoren. Für niemanden, der z.B. 1.000,- Euro investiert, lohnt sich eine Due Dilligence. Und ein General Partner von Accel – als Beispiel für einen Experten im Frühphasen Technologie Bereich – investiert sicherlich nirgendwo 1.000,- Euro.

Final verweisen Befürworter des Crowd Segmentes oftmals auf die Börse, diese würde doch wegen der Weisheit der Vielen funktionieren. Dabei wird vernachlässigt, dass sich die Börse in den regulierten Marktsegmenten gerade durch Transparenz (-> Quartalsberichte), keine gegenläufigen Anreizsysteme (-> Verdienst der Börse über Handelsvolumen) und positive Selektion (-> Hürde Börsengang) auszeichnet. Zudem gibt es ein Regulativ – man kann profitieren, wenn man weiß, dass eine Firma überbewertet ist. Dieser Mechanismus fehlt im Crowd Segment. Das liest sich arrogant und Home 24 ist – entgegen meiner Erwartungen – ein guter Börsengang gelungen: Aber mit dem „Shorten“ von Crowd Investments hätte ich bereits viel Geld verdient.

Neufund ist kein Blockchain-Krypto Startup

Meines Erachtens nach ist Neufund kein „Blockchain-Krypto“-Startup wie von Gründerszene geschrieben, sondern eine Crowd-Investing Plattform, die sich mit Handelbarkeit der „Equity Tokens“ (Anteile an den Firmen, die auf der Plattform Kapital aufnehmen) auf Basis der Blockchain sowie einer Zweitwährung mit dem Namen Neumark u.a. gegenüber Companisto, Seedmatch und Bergfürst differenziert. M.E. nach funktioniert das Geschäftsmodel von Neufund, solange ausreichend Anteile von guten Firmen auf der Plattform gehandelt werden. Wie erläutert wird dies aufgrund der Problematik der adversen Selektion m.E. nach nicht der Fall sein.

Im Zusammenhang mit Neufund gibt es

  • die Fifth Force GmbH, die Neufund betreibt; an dieser sind führende Kapitalgeber wie Atlantic Labs von Christophe Maire oder Freigeist Capital von Frank Thelen beteiligt;
  • die Zweitwährung Neumark (auch bekannt als NEU); sowie
  • Equity Tokens von Firmen, die auf der Neufund Plattform Kapital aufnehmen; Equity Tokens, die ein Investor erwirbt, beziehen sich auf eine jeweilige Firma.

Neumark sind keine Unternehmensanteile an der Fifth Force GmbH und keine Equity Tokens- Neumark partizipieren partiell an den Gebühren, die die Plattform Neufund Firmen in Rechnung stellt, die Kapital über die Plattform aufnehmen. Neumark werden gemäß des White Papers an „Investoren“ auf der Plattform herausgegeben. Dabei bekommt die Plattform für jede Neumark, die ein „Investor“ bekommt, ebenso eine Neumark. Meines Erachtens nach kann man hier nicht von einem ICO sprechen.

Erste Differenzierung von Neufund zu Companisto, Seedmacht & Bergfürst: Eine Handelbarkeit auf der Blockchain, die niemand will

Wie bei Bergfürst (im Fall von Urbanara) oder im Fall einer Börse wirbt Neufund mit der Handelbarkeit von Unternehmensanteilen. Wie einleitend skizziert betrachten fast alle Risikokapitalgeber die Nicht-Handelbarkeit als „Feature“ und nicht als „Bug.“ Neufund heilt also etwas, was gar kein Problem ist. Daher ist es irrelevant, ob die Handelbarkeit durch die Blockchain effizienter wird. Denn mindestens bis zur Series C Finanzierung ist die Handelbarkeit gar nicht erwünscht – und damit verstärkt die Handelbarkeit sogar das Problem der adversen Selektion. Und auch später präferieren es Firmen, die Handelbarkeit selbst zu kontrollieren (-> Verkauf von Uber Anteilen an Softbank).

Frank Thelen argumentiert auf Deutsche-Startups wie folgt: „Wir starten bei Neufund mit Startup-Finanzierungen, unser Ansatz ist aber nicht in erster Linie Crowd-Funding – das ist allenfalls ein Nebeneffekt -, sondern wir wollen die technologisch beste und einfachste Plattform zum Handel von Unternehmensanteilen bieten. Hier hat uns Sven leider in eine falsche Schublade gesteckt.“ Zum einen entspricht die Aussage nicht dem mir vorliegenden Pitch Deck von Neufund (die Strategie mag sich seitdem allerdings geändert haben), zum anderen verkennt die Aussage von Frank Thelen den Unterschied zwischen Feature und Plattform bzw. Marktplatz.

Eine funktionierende Plattform bzw. ein funktionierender Marktplatz weist durch Netzwerkeffekte sehr hohe Markteintrittsbarrieren auf, die durch eine Effizienzsteigerung bei der Abwicklung einer Transaktion in der Regel nicht aufgebrochen werden können. Zum einen, weil der resultierende Nutzen (Kostensenkung o.ä.) meistens nicht relevant ist, zum anderen, weil der Marktführer die Technologie rechtzeitig adaptieren kann. Platt gesagt: Eine Messaging App hätte gegen WhatsApp in Deutschland auch mit effizienterer Technologie (ob nun auf der Blockchain oder nicht) keine Chance. Wenn ich die Aussage von Frank Thelen richtig interpretiere, soll Neufund gegen etablierte Börsen wie Nasdaq et al antreten. Mit dem einzigen (temporären?) Vorteil, dass man die Handelbarkeit von Anteilen auf der Blockchain abbildet!?

Bevor mir mangelndes Verständnis von der Blockchain-Community vorgeworfen wird, zitiere ich an dieser Stelle besser Mike Volpi (General Partner bei Index Ventures in den USA, dem aktuell erfolgreichsten europäischen Risikokapitalgeber mit bereits sechs Milliarden-Exits dieses Jahr, davon vier in den USA): „At the end of the day, I think our true north has always been: “Okay, tell me what it is that a consumer gets to do, or that an enterprise gets to do, because this thing arises.” Why is Robinhood better? Robinhood is better because a consumer gets a great service out of this thing they didn’t have access to. It’s commission-free trading. Other than capital appreciation, what can you do on cryptocurrencies that you couldn’t do before? Name one thing…. That’s the way we feel about it. So yes, we’ll see. There’s undoubtedly a large number of very intelligent people working on the problem. When they come up with something good, we’ll invest in it.“

Unabhängig von der Technologie und der Sinnhaftigkeit per se sind für die nachhaltige Handelbarkeit von Anteilen zwei Voraussetzungen zu erfüllen: Liquidität und Transparenz. Ersteres bedingt einen gewissen Free Float von Anteilen (daher ist dies das Kriterium für die Aufnahme in den Dax 30), letzteres bedingt zeitnahe Reportings. Gegeben, dass bei Neufund zum aktuellen Zeitpunkt keine Reporting-Anforderungen an Firmen gestellt werden, die Kapital auf der Plattform aufnehmen wollen, stelle ich mir die Frage, auf welcher Informationsbasis ein Handel stattfinden will. Wenn es kein zeitnahes Reporting gibt, sind Anleger gegenüber Insidern stark benachteiligt. Und Seed Runden und relevanter Free Float sind fast ein Widerspruch in sich.

Zweite Differenzierung von Neufund: Einführung einer Zweitwährung, die niemand braucht

Die zweite Differenzierung von Neufund ist eine eigene Zweitwährung mit dem Namen Neumark (auch bekannt als NEU). Eine Zweitwährung ist für eine Investitionsplattform nicht notwendig – an der Deutschen Börse kann man Anteile mit Euro erwerben, an der Nasdaq mit USD. Und immer wenn etwas nicht notwendig ist, muss man sich fragen: Für wessen Vorteil ist es eingeführt worden?

Mir liegen sowohl interne Emails sowie das Pitch Deck von Neufund vor. Diese sind mir in meiner Rolle als OMR Podcast Stammgast zugespielt worden. Ich habe hier keine Vertraulichkeit o.ä. gebrochen. Weder Neufund noch Frank Thelen bestreiten die Authentizität der Dokumente. Marc Sieberger und Frank haben selbst versucht, potentielle Investoren auf die Plattform zu bringen. Dabei haben sie geschrieben: „Durch den Kurs der NEU Währung ist das Investment quasi gesichert. Verrückt, aber so ist es.“

An der Aussage habe ich mich gestört bzw. störe mich. Denn die „Absicherung“ funktioniert nur, wenn es Käufer für die Neumark, die die ersten potentiellen (!) Anleger als Anreiz geschenkt (!) bekommen haben, gibt, die so viel zahlen, dass die geschenkten Neumark mehr wert sind, als das potentiell investierte Kapital. Und diese Käufer wiederum müssen glauben, dass es jemanden gibt, der ihnen wiederum mehr dafür zahlt. Das ähnelt m.E. nach den üblichen Mechanismen eines ICOs.

Meines Erachtens nach sind attraktive Investment Opportunitäten im Zeitalter der „Geldflut“ der Engpass und nicht Kapital. Dementsprechend halte ich die Ausgestaltung der Anreizsysteme bei Neufund, die auf Gewinnung von Investoren abzielt, für nicht optimal. Frühe „Investoren“ auf der Neufund Plattform (nicht in die Plattform bzw. in die GmbH) konnten Kapital auf ein abgesichertes Konto einzahlen und haben dafür Neumark erhalten. Wenn sie dieses Kapital nicht investieren, können sie es nach 18 Monaten wieder abrufen und müssen ebenso die ausgegebenen Neumark zurückgeben. Über die Neumark können sie allerdings in der Zwischenzeit verfügen.

Dies führt meines Erachtens nach zu problematischen Anreizsystemen, die auf die Zweitwährung abstellen. Wenn die ausgegebenen Neumark mehr wert sind als der auf das Konto eingezahlte Betrag, können die „Investoren“ diese verkaufen und sich den Betrag auszahlen lassen. Es ist dann fast sekundär, in welche Equity Tokens sie investieren (laut White Paper gibt es zudem keine Mindesthaltedauer für die in diesem Zusammenhang erworbenen Equity Tokens). Fällt die Neumark in der Zwischenzeit im Wert, können die „Investoren“ diese alternativ auch zurückkaufen.

Erste Firmen auf der Neufund Plattform erfüllen die selbstgesteckten Kriterien nicht

Wie skizziert ist Transparenz zwingend notwendig, damit Investoren auf einer Crowd-Investing Plattform überhaupt eine Chance haben. Wie soll ein Investor sonst entscheiden, in welche Firma er wie viel Kapital zu welcher Bewertung investiert? Und wann er verkauft?

Neufund stellt folgende Anforderungen an Firmen, die auf der Plattform Kapital aufnehmen wollen: „For rounds up to 2.5M EUR and tickets up to 10k EUR you need to file a 3-page long Pamphlet (Infoblatt). For rounds larger than 2.5M EUR you need to file an Investment Prospectus (Verkaufsprospekt) additionally to the Pamphlet. Writing and filing the Prospectus using Neufund Platform does not require more work than a VC pitch deck or a business plan.“ Mir ist nicht transparent, wie ein Investor auf dieser Informationsbasis eine Investitionsentscheidung treffen soll. Kein professioneller Investor würde auf Basis eines dreiseitigen Infoblattes (wörtliches Zitat) oder ohne eine sogenannte Due Diligence investieren.

Wenn die Firmen einmal gelistet sind, stellt Neufund folgende Anforderungen an das Reporting dieser Firmen: „Except for the initial prospectus, the law does not impose any reporting rights after the ETO. It is up to you what information rights you will give your Token Holders.“ Das kann man fast ohne Kommentar stehen lassen. Stellen Sie sich einfach vor, z.B. Google würde morgen entscheiden, keine Quartals- oder Jahresberichte mehr zu veröffentlichen. Da freuen sich dann die Insider.

Fünf von sieben Firmen, die auf der Neufund Plattform Kapital aufnehmen wollen, fallen in die Rubriken Tech Seed oder Tech Series A. Damit sind sie m.E. nach wie erläutert ungeeignet für Crowd Investments. Marc Sieberger und Frank Thelen hatten in Emails an Investoren folgende Kriterien für Firmen, die auf der Neufund Plattform Kapital aufnehmen können, skizziert:

  • Deutsche Gesellschaft;
  • Hohe Bekanntheit, da es ja quasi ein kleiner IPO ist;
  • Wirklich herausragendes Management und Produkt;
  • Bereitschaft kurzes Prospekt zu erstellen; sowie
  • Volumen 10 – 50M.

Von den sieben Firmen, die aktuell auf Neufund vorgestellt werden, erfüllt maximal Brille 24 diese Kriterien. Ob es sich hierbei um ein wirklich herausragendes Produkt handelt, darf man anzweifeln. Letztendlich zeigt sich, dass es aktuell keine gute Firma notwendig hat, über eine Crowd-Investing Plattform Kapital aufzunehmen.

Better Eat your Own Dog Food

Neufund hat im Pitch Deck, mit dem Anleger für die Plattform gewonnen werden sollten, mit diversen großen Namen als „Investoren“ geworben und dabei wahrscheinlich bewusst offengelassen, ob die Investoren in die eigentliche GmbH investiert haben oder nicht. Im Pitch Deck genannt werden u.a.:

  • Michael Jackson, General Partner Mangrove Capital,
  • Max Niederhofer, General Partner Sunstone Capital, sowie
  • Philipp Freise, General Partner KKR.

Zusätzlich wird auf der Webseite Alexander Lange von Index Ventures genannt – dessen Chef Mike Volpi wahrscheinlich nicht davon weiß. Es ist auffällig, dass scheinbar keine Portfolio-Firma von Mangrove, Sunstone, KKR oder Index die Neufund Plattform nutzt. Sollten die Herren nur aufgrund der möglichen Neumark-Arbitrage investiert haben?

Wie von mir im Deutsche-Startups Podcast enthüllt, spricht Neufund aktuell mit Risikokapitalgebern über ein Investment von fünf bis zehn Millionen Euro in die GmbH. Hierzu äußert sich Frank Thelen im Interview wie folgt: „Ich kann nachvollziehen, dass Redakteure gerne vor dem Closing über Finanzierungen berichten. Für Startups ist dies aber schlecht. Sie wollen in Ruhe – wie Sven sagt: kein Bug, sondern ein Feature – ihre Finanzierung abschließen und die News dann auf den großen internationalen Blogs platzieren. Hier gehen die Interessen auseinander. Damit müssen beide Seiten leben. Insoweit werde ich mich aber zu solchen aufgestellten Behauptungen auch nicht äußern.“

Es ist laut Frank Thelen also schlecht für Startups, vor einem Closing über Finanzierungen zu berichten. Denn sie wollen in Ruhe ihre Finanzierung abschließen. Hier stimme ich Frank Thelen zu 100 Prozent zu. Nur Neufund dürfen sie dann nicht für ihre Finanzierung nutzen. Tut Neufund selbst auch nicht. Rubrik: Wenn der Augenarzt, der Ihnen eine Lasek-Operation empfiehlt, selbst Brille trägt, sollten Sie skeptisch werden.