Der Plan von Libra lebt weiter – trotz deutlicher Abstriche (Bild: imago images / Rafael Classen)

Was bedeutet die Neuausrichtung von Libra? Fünf kluge Bewertungen

Facebook verpasst seiner Digitalwährung Libra als Reaktion auf zahlreiche Kritiker ein deutlich überarbeitetes Design. Was ist das Projekt jetzt noch wert? Wir haben fünf Experten gefragt.

Es hatte sich angekündigt: In der Form, wie die Kryptowährung im vergangenen Sommer angekündigt worden war, würde Libra nicht starten können. Zu groß waren die Sorgen von Notenbankern und Finanzpolitikern, zu stark der Druck auf Facebook und die anderen Projektpartner, die sich daher in Teilen sogar zurückgezogen hatten.

Am Donnerstag gab Libra die Anpassungen seiner Architektur bekannt und bestätigte damit einen Scoop von Finance Forward von Anfang des Jahres. Schon damals konnten wir berichten, dass Libra auf den gemischten Währungskorb verzichten und stattdessen mehrere digitale Währungen auf seiner Plattform versammeln würde – jeweils gedeckt von einer nationalen Fiatwährung.

Die zweite große Neuerung ist die Absage an das Ziel einer offenen und dezentralen Architektur – ursprünglich war geplant, dass zu einem späteren Zeitpunkt jeder einen Knoten im Libra-Netzwerk würde betreiben können. Das soll nun nicht mehr möglich sein – stattdessen müssen Knotenbetreiber und Mitglieder eine „robuste Due Diligence“ durchlaufen. Einen Überblick über sämtliche Änderungen gibt das neue Whitepaper.

Was ist von den Änderungen zu halten? Wie viel ist das Projekt jetzt noch wert? Wir haben fünf kluge Köpfe nach ihrer Meinung gefragt.

Mathias Ruch, Gründer und Geschäftsführer des Schweizer Blockchain-Investors CV VC: „Wenig dezentrale Kraft übrig geblieben“

Es scheint, als ob Libra auf dem harten Boden der stark regulierten Finanzwelt angekommen ist und die Welt eben nicht mit einer von Zentralbanken unabhängigen Weltwährung beglücken wird. Die Idee einer durch Facebook lancierten und vor allem durch die Reichweite des Social-Media-Giganten vom Start weg äußerst mächtigen Kryptowährung hat weltweit Behörden aufgeschreckt, viele Länder haben Bedenken geäußert.

Übrig geblieben ist wenig von der dezentralen Kraft der Blockchain-Technologie und der kryptobasierten Weltwährung, die als Stablecoin durch einen Korb verschiedener Währungen wie Dollar und Euro abgesichert ist. Das Konzept bewegt sich zudem weg von einem permissionless Ansatz hin zu einem Netzwerk mit zentralen Akteuren, welche Transaktionen validieren können. Also kein komplett offenes, sondern ein von Facebook und den Libra-Partnern kontrolliertes Zahlungssystem. Dieser Ansatz entspricht nicht dem offenen und dezentralen Grundkonzept von Blockchains, wie beispielsweise Bitcoin, weshalb viele Stimmen laut werden, dass Libra weder eine echte Blockchain, noch eine Kryptowährung darstellt.

Kann Libra trotzdem ein spannendes und transformierendes Projekt werden? Absolut! Die Initiativen der Zentralbanken für digitale Währungen und private Projekte wie Libra treiben weiterhin Innovation in Kernbereichen der Blockchain-Technologie voran: Sicherheit, Immutabilität, Anonymisierung von Transaktionen, Kundenfreundlichkeit in der Bedienung von Wallets und weitere Aspekte, die eine weitgehende Adoption ermöglichen.

Markus Ferber, CSU-Abgeordneter des Europäischen Parlaments und Mitglied im wichtigen Ausschuss für Wirtschaft und Währung: „Leichter zu kontrollieren“

Ich glaube, dass das Libra-Konsortium nun zu währungspezifischen Coins übergeht, macht es aufsichtsrechtlich leichter, Libra zu kontrollieren. Gleichzeitig verliert Libra damit aber ganz entscheidend an Attraktivität. Ob schnelle, bequeme und kostengünstige Zahlungen über Währungsgrenzen hinweg in diesem System möglich beziehungsweise attraktiv sein werden, bleibt fraglich.

Dass Libra die Bedenken im Bereich Geldwäsche zu adressieren versucht, sehe ich positiv. Die vorgeschlagenen Lösungen überzeugen mich aber noch nicht vollumfänglich. Es scheint so, dass ein wesentlicher Anteil der Nutzerbasis über unhosted wallets auf das System zugreifen würde. Genau an dieser Stelle bleibt Libra aber vage, wie die Einhaltung der Anti-Geldwäsche-Standards sichergestellt werden kann.

Aus europäischer Sicht sehe ich nach wie vor keinen Bedarf für Libra, denn wir haben ein schnelles, kostengünstiges und effizientes Zahlungssystem, das mit einer stärkeren Verbreitung von Instant Payments noch attraktiver wird. Für Länder mit weniger entwickelten Zahlungssystemen oder instabilen Währungen mag das System attraktiv sein, für die EU sehe ich das nicht.

Philipp Sandner, Leiter des Blockchain Centers an der Frankfurt School of Finance & Management: „Kritik ernst genommen“

Man sieht an dem Whitepaper, dass Libra die ganze Kritik ernst nimmt und auf die Regulatoren zugeht. Damit denke ich, dass Libra Ende 2020 oder Anfang 2021 starten kann und dass der digitale programmierbare Euro kommen wird – als Erstes auf Libra-Basis. Libra betreibt intensives Lobbying in Brüssel bei der Europäischen Kommission; zudem gibt es mit der neuen Stoßrichtung nun klare Regulierungsregime, die man ‚passgenau‘ befüllen kann. Das wird Libra machen und könnte durchaus analog zu Paypal die entsprechenden Lizenzen hierfür erhalten (theoretisch könnte Libra auch eine kleine europäische/deutsche Bank aufkaufen, die die Lizenzen schon hat).

Technisch gesehen ist es keine Blockchain mehr, das war es aber auch letztes Jahr im Sommer noch nicht, sondern eher ein DLT-System – also ‚Blockchain im weiteren Sinne‘. Aber ich nenne es dennoch Blockchain, weil die Kerngedanken weiter enthalten sind (Hashes und verteilte Systeme).

Jascha Samadi, Mitgründer und Partner des Berliner Krypto-VCs Greenfield One: „Nicht gewappnet für Extremszenarien“

Stablecoins sind ein ganz wichtiger Bestandteil des Blockchain-Ökosystems und des Krypto-Stacks. Dabei geht es in erster Linie nicht darum, ob diese Systeme vollkommen dezentral außerhalb bestehender Finanzsysteme agieren oder sich in diese einfügen, sondern um das, was sie ermöglichen. Den Nutzern dieser Stablecoins geht es oftmals um zwei Dinge – zum einen so etwas wie ein nativ internetbasiertes Zahlungsmittel zu nutzen und zum anderen vor allem in Ländern mit historisch hoher Inflation wie etwa Argentinien eine sichere und stabile Anlage als Hedge gegen die Währungspolitik des eigenen Landes zu haben.

Gerade bei letzterem Gesichtspunkt geht es sehr stark um Vertrauen – und da bleibt die Frage, inwieweit Nutzer einem kleinen Gremium an Mitgliedern der stark Facebook-geprägten Libra Association vertrauen, vor allem nachdem sich Facebook die letzten Jahre im Umgang mit sensiblen Nutzerdaten und -interessen nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat.

Der Vorteil wirklich vollkommen dezentraler und permissionless Systeme ist demgegenüber, dass sie niemanden ausschließen, aber auch die Regeln, nach denen sie funktionieren, für alle Teilnehmer klar, transparent und damit vorhersehbar sind. Ein gutes Beispiel ist hier MakerDAO, eine (fast) vollkommen dezentrale Stablecoin-Plattform auf der Ethereum-Blockchain – ganz nach dem Motto ‚Code is Law‘ ist es Open-Source-Software, die die ‚währungspolitischen‘ Regeln innerhalb des Systems vorgibt und eben nicht ein kleines Gremium mit intransparenten und womöglich schwer nachvollziehbaren Entscheidungsprozessen.

Die zweite große Veränderung hinter Libra, auf eine single-collateral-Struktur zu setzen, ist ebenfalls eine, die gefährlich werden könnte. Der kürzliche ‚Black Thursday‘ hat gezeigt, dass Stablecoin-Systeme, die zu einem Großteil auf einem Asset als Collateral beruhen (in diesem Fall Ether), Extremszenarien nicht gewappnet sein können. Deshalb hat die MakerDAO-Community über ein dezentrales Voting beschlossen, die Collateral-Basis weiter zu diversifizieren.

Letztlich bleibt die Frage der Regulierung dieser Systeme eine ganz wichtige – Regulierung ist per se auch bei dezentralen Systemen nichts Schlimmes, ein Verbot wie nun aber vorgeschlagen halte ich für falsch. Alleine schon deshalb, weil es schwer umzusetzen wäre – so etwas wie Tether ließe sich sicher über ein Verbot effektiv zerschlagen, bei stärker dezentralisierten Systemen wie MakerDAO wird dies allerdings schwierig. Meiner Meinung sollte Regulierung eher versuchen, einen Weg zu finden, diese neuartigen und innovativen Systeme zu integrieren und nicht zu kriminalisieren, bevor man am Ende die Nutzer womöglich zu vollständig anonymisierten dezentralen Stablecoin-Konzepten wie Lien treibt.

Alexander Bechtel, Doktorand am Schweizerischen Institut für Banken und Finanzen in St. Gallen: „Auf Kuschelkurs mit Regulierungsbehörden gegangen“

Wie viel Blockchain steckt noch in Libra?
Die Technologie hat sich kaum geändert. Es steckt also genauso viel Blockchain drin wie vorher. Es ist allerdings jetzt Gewissheit, dass Libra nie eine offene, öffentliche, neutrale, grenzenlose und zensurresistente Blockchain wie die Bitcoin-Blockchain wird. Das ist auch nicht möglich, wenn man regulierungskonform agieren möchte. Ob man jetzt die Technologie Blockchain nennt oder nicht, das ist im Endeffekt eine semantische Diskussion. Es wird Technologie verwendet, die typisch für Blockchains ist.

Die Libra-Blockchain ist zwar deutlich zentralisierter als die Bitcoin-Blockchain, aber man hat sich aus guten Gründen für dieses Design entschieden: Skalierbarkeit, größeres Transaktionsvolumen, Möglichkeit der Befolgung regulatorischer Anforderungen, Stabilität (der Währung) und so weiter. All das wäre mit einer Bitcoin-ähnlichen Blockchain nicht möglich.

Wie sinnvoll sind single-currency stablecoins? Was bedeutet Aufgabe des gemischten Währungskorbs?
Das kommt ganz auf den Use Case an. Für eine Person, die nur in Euro oder Dollar Transaktionen tätigt, ist es eher ein Vorteil, denn es gibt jetzt kein Wechselkursrisiko mehr. Der gemischte Währungskorb ist ja nicht weg. Es gibt ihn immer noch, und er steht für grenzüberschreitende Zahlungen zur Verfügung und für diejenigen Länder und Nutzer, deren Währung noch nicht als Libra-Stablecoin zur Verfügung steht. Der Use Case von Libra war und ist finanzielle Inklusion und grenzüberschreitende Zahlungen, das heißt, Libra war nie dafür gedacht, Zahlungen im Euroraum zu ersetzen. Wir haben bereits ein digitalisiertes und extrem effizientes Zahlungssystem im Euroraum.

Ein Hauptgrund für die Einführung der single-currency stablecoins war es, den Befürchtungen entgegenzutreten, dass Libra die monetäre Souveränität der Staaten gefährden könnte. Es bestand meines Erachtens aber nie die Gefahr, dass Libra eine Konkurrenz für inländische Zahlungen in Euro oder Dollar werden könnte. Im Gegensatz dazu könnte Libra aber sehr wohl zur Konkurrenz für schwächere Währungen in Entwicklungsländern werden. Diese Gefahr besteht weiterhin, denn es wird erstmal keine Rupie-Libra oder Baht-Libra geben. Die spannende Frage wird sein, ob Libra nur als grenzüberschreitender Settlement Coin funktionieren wird, oder ob es möglich sein wird, auch alltägliche Einkäufe damit zu tätigen. Sollte das möglich sein, dann kann es durchaus zu einer Substitution der heimischen Währung mit Libra kommen.

Wie sind die Änderungen zu bewerten?
Wenn man das neue Whitepaper liest, dann wird eines sofort klar: Man ist auf Kuschelkurs mit den Regulierungsbehörden gegangen. Das Whitepaper ist ein Rezeptbuch oder eine Anleitung für die Erfüllung von Regulierungsanforderungen. Hauptziel von Libra war und ist die finanzielle Inklusion und die Ermöglichung effizienter und günstiger grenzüberschreitender Zahlungen.

Eine Bewertung der Neuerungen muss also basierend darauf geschehen, inwieweit Libra 2.0 diese Ziele erreichbarer gemacht hat. Libra 1.0 war zu 100 Prozent auf diese Ziele ausgerichtet – bei Libra 2.0 habe ich das Gefühl, dass man versucht hat, möglichst wenig dieser Ziele aufzugeben, aber trotzdem bestmöglich den Regulierungsbehörden entgegenzukommen.

Ein großer Teil des Erfolgs von Libra wird davon abhängen, wie einfach und günstig es ist, innerhalb des Libra-Netzwerkes die unterschiedlichen Währungen zu tauschen, und vor allem wie umständlich und teuer es ist, die digitalen Währungen wieder in Fiatwährungen zu tauschen. Dazu gibt es leider aktuell noch keine Informationen. Es fällt auf, dass die Libra Association intensiven Austausch mit Regulierungsbehörden betrieben hat. Es wurde sehr viel mehr Klarheit geschaffen, wie gewisse Anforderungen erfüllt werden sollen und wie Risiken gemanagt werden.

Das beste Beispiel dafür ist die Libra-Reserve. Im ersten Whitepaper ist man da etwas blauäugig herangegangen und hat die Komplexität und die Bedeutung von kurzfristigem Liquiditätsmanagement unterschätzt. In der neuen Version finden sich mehr Details dazu, wie die Verwaltung und das Risikomanagement der Reserve ausgestaltet werden sollen.

Was bedeutet das für andere Stablecoins?
Die Libra Association leistet einen großen Dienst für alle Stablecoins dieser Welt, denn sie setzt sich ernsthaft mit Regulierung auseinander und versucht mit Behörden auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Seit Juni 2019 haben wir enorme Fortschritte bei der Regulierung von Stablecoins gemacht. Es wurde viel Klarheit geschaffen, von der nun auch andere Projekte profitieren. Diese Klarheit führt natürlich auch dazu, dass Regulierungsbehörden deutlich machen, dass dezentrale Währungen, die sich einer Regulierung komplett entziehen, eventuell verboten werden müssen.

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