Die drei Tomorrow-Gründer Michael Schweikart, Inas Nureldin und Jakob Berndt (von links). Bild: Unternehmen

Von zwei auf zehn Millionen Euro: Tomorrow will Erträge massiv gesteigert haben

Tomorrow will per Crowdfunding einen Millionenbetrag von Kleinanlegern einsammeln. In der dazu veröffentlichten Broschüre stecken einige interessante Zahlen, die Aufschluss über den Zustand des Fintechs geben.

Trotz des schwierigen Fintech-Marktes plant die grüne Neobank Tomorrow ein neues Crowdinvestment in Millionenhöhe (Finance Forward berichtete). Dafür hat das Hamburger Startup jetzt seine Investoren-Broschüre veröffentlicht. Testiert ist wie immer nichts. Aber wenn wirklich stimmt, was die Ökobanker behaupten, dann geben die Zahlen einen guten Einblick in das Innenleben von Tomorrow. So hat es offenbar seine Erträge binnen kürzester Zeit spektakulär gesteigert.

Per Ende September zählte Tomorrow nach eigenen Angaben 125.000 Kunden – „aktuell“ seien es hingegen nur noch 114.000. Der Rückgang wird plausiblerweise mit der Abschaffung der kostenlosen Konten in diesem Sommer erklärt. Was aus der Crowdfunding-Broschüre nicht hervorgeht: Ist die Bereinigung der Kundenbasis noch in vollem Gange – oder ist sie bereits abgeschlossen? Sind die 114.000 Kunden also allesamt zahlende Kunden – oder ist deren Zahl kleiner?

Auf Nachfrage von Finanz-Szene und Finance Forward heißt es: „Der ganz große Teil der Kundschaft ist heute dem Premium-Segment zuzuordnen.“ Wir würden das so interpretieren, dass sehr grob gesagt vielleicht 100.000 Tomorrow-Kunden inzwischen für ihr Konto bezahlen. Hier sind fünf weitere Erkenntnisse aus dem Dokument.

1.) Erträge

2021 wurden aggregierte Zins- und Provisionserträge von 1,6 Millionen Euro erwirtschaftet – bei einem Verlust von 16 Millionen Euro. Tomorrow erkaufte sich also jeden Euro Umsatz mit zehn Euro Cashburn. In den ersten acht Monaten des laufenden Jahres hat sich dieses Verhältnis ein Stück weit verbessert (2,9 Millionen Euro Erträge, 12,6 Millionen Euro Verlust).

2.) Ertrag je Kunde

Im vergangenen Jahr kam Tomorrow auf Erträge von rund 19 Euro je Kunden – in den drei Monaten dieses Jahres verbesserte sich dieser Wert geringfügig auf annualisierte 21,50 Euro.

Zum sehr, sehr groben Vergleich:

– Bei der N26 Bank waren es im Geschäftsjahr 2020 gemessen an den sogenannten „ertragsrelevanten Kunden“ etwa 40 Euro.

– Die Umweltbank (die allerdings neben Retailkunden auch gewerbliche Kunden hat) kam auf 646 Euro.

3.) Bewertung je Kunde

Im Umfeld von Tomorrow wurde zuletzt ein Unternehmenswert von 90 Millionen Euro kolportiert. Gemessen hieran wird jeder der „aktuell“ 114.000 Tomorrow-Kunde mit 720 Euro bewertet – was dem 38-Fachen der pro Durchschnittskunde erwirtschafteten Erträge entspräche.

Auch hier ist der Vergleich mit der Nürnberger Umweltbank interessant. Die wird aktuell mit etwa 3.100 Euro je Kunde bewertet, was gerade mal dem 5-Fachen der Erträge pro Durchschnittskunde entspricht.

4.) Kosten

Tomorrow gibt an, die Kosten hätten sich 2021 wie folgt aufgegliedert:

– 31 Prozent Personal
– 26 Prozent Banking
– 15 Prozent Marketing
– 28 Prozent Sonstiges

Da die gesamten Verwaltungsaufwendungen nach unseren Schätzungen bei 16 bis 17 Millionen Euro gelegen haben dürften, ergeben sich „Banking“-Kosten von vier bis 4,5 Millionen. Euro (unter „Banking“-Kosten verstehen wir die Aufwendungen, die Tomorrow zum Beispiel gegenüber ihrem „Banking as a Service“-Partner Solarisbank, aber auch gegenüber Visa entstehen). Heißt runtergerechnet auf 84.000 Kunden: Tomorrow muss allein 50 Euro pro Kunden und Jahr für fremde Infrastruktur aufbringen.

5.) Fazit & Ausblick

Tomorrow stellt in Aussicht, ab 2023 einen „dreistelligen Betrag“ pro Kunde und Jahr zu erwirtschaften. Im Vergleich zu den bislang kommunizierten Erträgen je Kunde hätten wir es also mindestens mal mit einer Verfünffachung zu tun. Wie genau die Hanseaten dieses Umsatzsprung schaffen wollen, bleibt schwammig. Zitat:

„Unsere Umsatzplanung beruht auf einem 3-Säulen-Prinzip: Den neuen kostenpflichtigen Kontomodellen (und der zukünftigen Vermittlung von Krediten, z.B. Dispo-Kredite), der Erweiterung unseres Produktportfolios inklusive nachhaltiger Investment-Möglichkeiten und den Ausbau von Mehrwert Services, wie unsere Partner*innenprogramme.“

Um zu ermessen, ob die Verfünffachung realistisch ist, wäre es hilfreich zu wissen, wie sich die Kunden auf die drei Kontomodelle (drei, sieben oder 15 Euro pro Monat) verteilen. Hierzu allerdings macht Tomorrow keine Angaben, auch nicht auf Nachfrage.

Immerhin teilt das Unternehmen gegenüber Finanz-Szene und Finance Forward so viel mit: „Die Schwelle von zehn Millionen Euro ARR ist in Greifweite.“ Das Kürzel steht für „Annual Recurring Revenue“. Tomorrow will uns als also vermutlich mitgeben, dass man derzeit auf monatliche Erträge kommt, die sich aufs Jahr hochgerechnet vielleicht irgendwo auf sieben bis neun Millionen Euro Erträge summieren.

Damit liefert Tomorrow jenseits der harten Zahlen also auch drei relevante indikative Zahlen, die sehr grob tatsächlich zueinander passen würden:

– Sehr grob 100.000 Kunden
– Sehr bald mindestens 100 Euro pro Kunde Ertrag
– Zehn Millionen Euro annualisierte Erträge „in Griffweite“

Profitabel wäre die Neobank auch mit diesen Einnahmen nicht. Verglichen mit den 2021er-Zahlen wären die Verbesserungen allerdings greifbar.

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