Daytrader und Sportmoderator David Portnoy (Bild: Imago/Chris WIlliams/Icon Sportswire)

Die Robinhood-Anleger und ihre verrückte Wette auf Kodak

Mehr als 100.000 Kleinanleger haben in den vergangen Tagen über die Robinhood-App in den Fotoausrüster Kodak investiert – der Preis ist explodiert. Der Fall zeigt, wo die Probleme des neuen Aktienbooms liegen.

David Portnoy investierte kürzlich 150.000 Dollar in die Aktien der Firma Lemonade. Er habe keine Ahnung, was das Unternehmen eigentlich mache, schrieb er auf Twitter. „Ich kann nur vermuten, dass es etwas mit Limonadenständen zu tun hat.“ Als er herausfand, was Lemonade tatsächlich macht, schrie er in die Kamera: „Warum zum Teufel besitze ich eine Versicherung, die Lemonade heißt.“ Das gefeierte Insurtech ist vor wenigen Wochen an der Börse gestartet.

Unter dem Namen Davey Day Trader veröffentlicht Portnoy fast täglich Videos über seinen Aktienhandel. Auf sozialen Kanälen folgen ihm mehrere Millionen Menschen, seine Videos haben teilweise eine halbe Million Zugriffe. Der Sportmoderator ist Gründer der Webseite „Barstool Sports“, sie hat ihn reich gemacht, sein Vermögen soll bei 100 Millionen Dollar liegen. Portnoy hat erst in der Coronakrise seine Begeisterung für die Finanzmärkte entdeckt – weil die Sport-Veranstaltungen ausfielen.

Millionen von jungen Menschen in den USA sind ihm dabei gefolgt, sie investieren ihr Geld vor allem über die App Robinhood, die einen gebührenfreien Aktienhandel per App anbietet. Über die sozialen Plattformen Reddit und Stocktwits diskutieren sie wie besessen über den nächsten Trade. „Es wird schon gewitzelt: Robinhood und Stocktwits sind das neue Gaming“, sagt ein Branchenkenner. Es scheint alles wie ein großes Spiel zu sein.

Regelmäßig stehen einzelne Aktien bei den jungen US-Tradern im Fokus. Obwohl der insolvente Autovermieter Hertz mitteilte, dass die Aktie wertlos sei, schlugen noch Tausende Kleinanleger bei Robinhood zu.

Zurzeit aber stürzten sie sich auf die Aktien von Kodak, der Firma, die einst für ihre Foto-Technik weltbekannt war. Innerhalb von wenigen Tagen ist der Aktienwert explodiert. Seit Wochenbeginn liegt die Wertsteigerung bei mehr als 1.000 Prozent.

Der Hintergrund der Kodak-Geschichte ist ebenfalls verrückt: Der einst legendäre Foto-Ausstatter Eastman Kodak erhielt Anfang der Woche vom US-amerikanischen Staat einen Kredit über 765 Millionen Dollar. Das Unternehmen soll künftig Inhaltsstoffe für Medikamente produzieren. Gerechtfertigt wird die finanziellen Unterstützung mit einem Gesetz aus dem Koreakrieg. „Wir werden Amerika zum weltgrößten Medizinhersteller und -anbieter machen“, wird US-Präsident Donald Trump zitiert.

Euphorisch schreibt ein Stocktwits-Nutzer zu Kodak: „Better and soon higher value than Tesla 🚀🚀🚀🚀.“ Der Wert des E-Autobauers Tesla wird ebenfalls von vielen Kleinanlegern getrieben. Der Run auf Kodak reißt derweil nicht ab. 127.000 Robinhood-Anleger besitzen mittlerweile Aktien, wie die Statistik von Robintrades zeigt. Keine Aktie ist so beliebt, wie das US-Unternehmen.

Wie bei so vielen Wetten könnte es auch dieses Mal schief gehen. Ein Bloomberg-Journalist schreibt zum Beispiel: Sollte der „Geldregen“ der Regierung aufhören, sei es schwer vorzustellen, wie das Unternehmen diese hohe Bewertung rechtfertigen könnte. Insgesamt gilt, dass viele der Hobby-Trader Geld verlieren. Eine Studie von Barclays zeigte erst kürzlich, dass die Lieblings-Aktien der Robinhood-Trader sich schlechter als der Markt entwickeln würden.

Auch sonst birgt Robinhood Gefahren, die verdeutlichen, dass der Aktienhandel mehr als ein Spiel ist. Es lässt sich zum Beispiel nicht nur mit Aktien handeln. „Viele junge Trader versuchen sich auch an Optionen, das sind komplizierte Finanzprodukte“, sagt der Branchenkenner. Man kann dabei sogar mehr als seinen Einsatz verlieren. „Das sind Instrumente für Profis.“ Erst vor wenigen Wochen nahm sich ein 20-jähriger Robinhood-Kunde das Leben. In seiner App wurden ihm Schulden in Höhe von 700.000 Dollar angezeigt. Dabei handelt es sich offenbar nicht um seine tatsächlichen Schulden. Aber er interpretierte dies offenbar so.

Der Fall erregte weltweit Aufmerksamkeit, mittlerweile haben sich auch US-Politiker eingeschaltet und machen Druck. Robinhood gelobte Besserung. Dahinter steht aber die Frage, inwiefern ein Fintech-Firma, die das Trading extrem vereinfacht, auch eine Verantwortung für die Handlungen seiner Nutzer hat.

Davey Day Trader ist derweil empört über Kodak: „Donald hätte mir ja mal sagen können: Jo, Kodak wird eine fucking Medizinfirma, willst du nicht ein paar Hunderttausend investieren. What the fuck.“ Erst vor wenigen Tagen traf Portnoy den US-Präsidenten zu einem Interview, seinem ersten überhaupt, wie er gestand. Es kann nur noch verrückter werden.


Mitarbeit: John Stanley Hunter

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