N26 verlässt Großbritannien wegen des Brexits – behauptet man zumindest (Bild: Fred Moon/Unsplash)

Drei Theorien zum N26-Rückzug aus Großbritannien

Am Dienstag verkündete Deutschlands Vorzeige-Fintech N26 überraschend, den britischen Markt aufzugeben – wegen des Brexits. In der Branche stößt diese Begründung allerdings auf Skepsis. 

Die britische Regierung, sagte EU-Brexit-Unterhändler Michel Barnier am Dienstagmittag, solle sich „keinen Illusionen hingeben“, was den Zugang zum EU-Finanzsektor betreffe. Es dauerte nur wenige Stunden, da schien Deutschlands wichtigstem Fintech klar zu werden, was das im Umkehrschluss bedeuten würde: Die mit 3,5 Milliarden Dollar bewertete Berliner Neobank N26 verkündete ihren Rückzug aus Großbritannien – schuld sei der Brexit. Die Nachricht erschütterte die Fintech-Welt.

Am 15. April 2020 soll nach weniger als 18 Monaten Schluss sein auf der Insel. Der Brexit mache es „in Zukunft nicht mehr möglich, in Großbritannien tätig zu sein“, so das Startup.

Das jedoch wirft Fragen auf. N26 ist erst im November 2018 im Vereinigten Königreich gestartet – da war schon seit mehr als zwei Jahren klar, dass der Brexit kommen würde. Zum Launch war der EU-Ausstieg sogar für weniger als sechs Monate später geplant, für den 31. März 2019. Das Unternehmen dürfte sich also bereits vor dem Expansionsschritt darauf vorbereitet haben.

Kein Wunder, dass in Finanzkreisen schnell Vermutungen laut wurden, der Brexit sei als Grund nur vorgeschoben. In Wahrheit sei der Schritt eine Reaktion auf hausgemachte Probleme – und auf einen überraschend umkämpften Markt.

1. Der Brexit und die Banklizenz

In seiner Kommunikation versucht N26 durchleuchten zu lassen, dass es keine eigene Entscheidung getroffen habe, sondern vielmehr durch äußere Einflüsse zum Rückzug gezwungen worden sei. „Wir respektieren die politische Entscheidung vollkommen“, lässt sich Chief Banking Officer Thomas Grosse zitieren. „Sie hat jedoch zur Folge, dass N26 die Kunden in Großbritannien in Zukunft nicht mehr bedienen kann und daher den Markt verlassen wird.“

Wegen der „im Austrittsvertrag festgelegten Rahmenbedingungen“ sei es N26 mit seiner europäischen Vollbanklizenz „in Zukunft nicht mehr möglich, in Großbritannien tätig zu sein“, so das Unternehmen. Deshalb sollen alle Konten zum 15. April 2020 auslaufen. Wie viele Kunden davon betroffen sind, ist nicht klar, N26 schlüsselt seine Kundenzahlen nicht nach Ländern auf. Im Juli 2019 waren es eigenen Angaben zufolge etwa 200.000 britische Nutzer, mit täglichem Wachstum von etwa 1.000 Neukunden. Nach dieser Rechnung müssten es mittlerweile mehr als 300.000 Konten sein. In seiner Pressemitteilung sprach UK-Chef Will Sorby am Dienstag von „mehreren Hunderttausend N26-Kunden aus Großbritannien“.

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In der Brexit-Argumentation zeigen sich aber allerlei Lücken: So besteht nach dem Austrittsabkommen bis zum 31. Dezember eine Übergangsphase, in der N26 sein Großbritanniengeschäft theoretisch weiterbetreiben könnte. Wenn das Business auf der Insel also profitabel gewesen wäre, hätte N26 die restlichen Monate locker noch mitnehmen können.

Dagegen spricht: Aus Kreisen der britischen Finanzaufsicht FCA heißt es, der Rückzug sei wohl eine geschäftliche Entscheidung gewesen. Auch im Umfeld des Unternehmens heißt es, man habe den Schritt lieber schnell hinter sich bringen wollen.

Alternativlos war der Rückzug ohnehin nicht: N26 steht es natürlich frei, sich um eine britische Banklizenz zu bemühen. Zumal das Fintech bereits erfolgreich in der Schweiz aktiv ist – das Land ist ebenfalls nicht Teil der EU.

Andererseits wäre es mit viel Aufwand verbunden, sich um eine weitere Lizenz zu bemühen, und würde weitere Ressourcen binden – was sich offenbar nicht mehr für N26 lohnt. N26 bestätigt das indirekt. „Als europäische Bank mit einer europäischen Banklizenz müssten wir komplexe regulatorische Maßnahmen umsetzen und Produktaktualisierungen vornehmen, um weiterhin in Großbritannien tätig sein zu können“, sagt ein Sprecher auf Anfrage von Finance Forward. Und weiter: „Eine separate Lizenz für Großbritannien wäre mit einem erheblichen betrieblichen Aufwand und regulatorischer Komplexität verbunden. Das Wachstumspotenzial ist dabei bei vergleichbarem Aufwand in anderen, größeren Märkten wie zum Beispiel der EU und den USA, höher.“

2. Die Konkurrenz: Revolut, Monzo und Starling Bank

Denn Großbritannien ist ein hart umkämpfter Fintech-Markt. Mit Revolut, Monzo und der Starling Bank haben drei innovative, starke N26-Konkurrenten ihren Heimatmarkt fest im Griff. Aus N26-nahen Kreisen heißt es, das Berliner Fintech habe sich auf der Insel einfach übernommen. Man habe das eigene Produkt überschätzt, aber unterschätzt, wie stark der Markt umkämpft sein würde.

Einer Analyse von Sifted zufolge tat sich N26 schwer damit, sich gegen die Player vor Ort durchzusetzen. Demnach kam die Banking-App auf weitaus weniger monatlich aktive Nutzer als die Konkurrenz, lag sogar hinter der Kryptobörse Coinbase. Im Zeitverlauf zeigen die Daten, dass N26 in Großbritannien den eigenen Wachstumszielen nie gerecht werden konnte. Als die Berliner dort starteten, war die Konkurrenz bereits stark. Richtig aufholen konnte N26 nie.

Sarah Kocianski von der Fintech-Beratungsfirma 11FS ist von der Rückzugsentscheidung daher nicht überrascht. „Warum sich die Mühe machen, eine Banklizenz in einem Markt zu erhalten und aufrechtzuerhalten, in dem man sich einem harten Wettbewerb stellen muss, wenn man an viele andere Orte gehen könnte, wo man das nicht tut?“, schrieb sie auf Twitter.

3. Die Finanzaufsicht und die Regularien

Zumal: Das mit der Banklizenz wäre vermutlich gar nicht so einfach gewesen. Die FCA hatte seit dem Brexit-Referendum wiederholt angemahnt, dass sich ausländische Banken rechtzeitig um eine Lizenz kümmern sollten. Für N26 hätte sich das im Verhältnis zum potentiellen Marktanteil – um den es mit Monzo, Revolut und Starling hart kämpfen musste – nicht mehr gelohnt.

Aus Unternehmenskreisen heißt es auch, es habe schon länger Probleme mit der FCA gegeben. Die Aufsichtsbehörde gilt als härter als die deutsche Bafin, die N26 seine europäische Banklizenz ausgestellt hat. Aber auch mit der Bafin geriet das Fintech zuletzt aneinander – die Behörde bemängelte unzureichende Maßnahmen gegen Geldwäsche und Terrorfinanzierung, wie das Handelsblatt im April berichtete. Sie verlangte Nachbesserungen. Eine Entwicklung, die auch die britische FCA auf dem Schirm hatte. N26 dementiert Schwierigkeiten. „Die Zusammenarbeit mit der FCA war sehr gut“, so der Sprecher.

Am Ende sprach also wenig dafür, das Großbritannien-Abenteuer aufrechtzuerhalten. Der Brexit dürfte tatsächlich ein Grund für den Rückzug gewesen sein – aber mit Sicherheit nicht der einzige.

Update: Dieser Artikel wurde am 12. Februar um Reaktionen von N26 ergänzt.

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