Investor Ramin Niroumand, Luca-Macher Patrick Hennig und Wefox-Gründer Julian Teicke (von links). Bild: Culture4Life

Nach Fintech-Pivot: Luca-App erhält 30 Millionen Euro – Target Global und Szene-Köpfe investieren

Exklusiv: Die Luca-App will sich als digitale Geldbörse neu erfinden. 30 Millionen Euro gibt es von Investoren wie den Fintech-Unternehmern Julian Teicke und Ramin Niroumand – sowie einem Geldgeber mit Russland-Beziehungen.

Im Luca-Großraumbüro am Berliner Gendarmenmarkt laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Während sich in den vergangenen Wochen ein Bundesland nach dem anderen von der Kontaktnachverfolgungs-App verabschiedet hat, tüftelt das Startup seit Januar an einer Art Luca 2.0 für post-pandemische Zeiten. Neue Funktionen, neue Manager, neue Investoren. Ein „Riesen-Umbruch“ stehe ins Haus, sagt Luca-Gründer und CEO Patrick Hennig.

Für die Neuausrichtung des Dienstes hat die Mutterfirma Culture4Life nun insgesamt 30 Millionen Euro von Investoren eingesammelt, wie Finance Forward und Capital vorab erfuhren. Das Unternehmen will sich künftig auf die Digitalisierung der Gastronomie fokussieren. Luca soll sich in diesem Zuge zu einer digitalen Geldbörse weiterentwickeln. Man werde „passende Fintech- und ID-Lösungen integrieren, um etwa Buchen, Bestellen und Bezahlen in Restaurants oder Check-ins in Hotels mit der Luca-App künftig möglich zu machen“, sagt Hennig.

Fintech-Unternehmer steigen ein

Für die Neuausrichtung holt die Luca-Mutterfirma Culture4Life die Fintech-Experten Ramin Niroumand und Julian Teicke als Investoren und Berater mit an Bord. Beide haben zuvor mehrere Digitalunternehmen aufgebaut.

Niroumand hat sich als Gründer des Fintech-Inkubators Finleap einen Namen gemacht und dort Firmen wie die Solarisbank und den Versicherungsmanager Clark hochgezogen. Der Unternehmer beteiligt sich mit seinem Fintech-Fonds Embedded Capital. Julian Teicke ist Gründer des Versicherungs-Startups Wefox. Mit einer Bewertung von rund 2,5 Milliarden Euro zählt das Unternehmen zu den wertvollsten Jungfirmen des Landes. Er steigt über seine Investmentfirma The Delta bei Luca mit ein.

Die beiden Digitalunternehmer sollen auch in den Verwaltungsrat der Firma einziehen. Ihre Branchenexpertise und ihr Netzwerk dürfte für Luca viel wert sein. Das zeigt sich bereits bei der Aufstellung des Führungsteams: So kommt etwa der neue Chief Business Developer Sascha Gartenbach, ehemals Topmanager bei Salesforce, aus Teickes Netzwerk.

Beteiligung mit russischem Geld

Zudem beteiligt sich der Berliner Risikokapitalgeber Target Global an Luca. Der Name dürfte über die Branche hinaus für Aufsehen sorgen – wegen der engen Verbindungen der Investmentfirma nach Russland (Finance Forward berichtete). Target Global, das in der Vergangenheit in führende deutsche Startups wie Wefox, Flink oder auch Auto1 investiert hat, wurde von Alexander Frolov mitgegründet. Dessen Vater, der auch Alexander Frolov heißt, ist ein russischer Oligarch und einer der Geldgeber des Fonds.

Frolov Senior war bis im vergangenen Jahr CEO des Stahlmultis Evraz und saß noch bis Mitte März in dessen Aufsichtsrat. Das Unternehmen ist an der Londoner Börse gelistet, hat seine Wurzeln aber in Russland. Größter Anteilseigner war zuletzt der Putin-Vertraute Roman Abramowitsch. Infolge der britischen Sanktionen war der Stahlkonzern wegen seiner Russland-Geschäfte unter Druck geraten, zehn der zwölf Aufsichtsräte traten daraufhin zurück, darunter auch Frolov. Der Oligarch steht allerdings bislang auf keiner Sanktionsliste.

Luca-Chef Patrick Hennig betonte, dass er die Vereinbarung mit Target Global schon im Januar geschlossen habe, Wochen vor der russischen Invasion in die Ukraine. Vor dem Hintergrund des Angriffskrieges habe ihm Target Global zwei Dinge glaubhaft versichert: „Erstens, dass keine sanktionierten Personen involviert sind und kein sanktioniertes Geld in den Fonds investiert ist. Zweitens, dass Target Global und alle beteiligten Personen den russischen Angriffskrieg in der Ukraine aufs Schärfste verurteilen.“

Im Zuge der Neuaufstellung bleibt Hennig CEO von Culture4Life, sein Mitgründer Philipp Berger übernimmt die Rolle des Technikchefs. Die Altgesellschafter, darunter die Beteiligungsfirma der Band „Die Fantastischen Vier“ und der Berliner Clubbetreiber Marcus Trojan, bleiben der Firma dem Vernehmen nach ebenfalls treu.

Kontaktnachverfolgung auf Standby

Die Luca-App war Ende 2020 mit einer digitalen Lösung zur Kontaktnachverfolgung gestartet und etablierte sich schnell als erste Wahl im ganzen Land. Geldgeber und Rapper Smudo warb damals in Talkshows für die App und ihre technische Anbindung an die lokalen Gesundheitsämter. Insgesamt dreizehn Bundesländer schlossen im Frühjahr 2021 einen Einjahresvertrag mit der Betreiberfirma Culture4Life ab. Die Einnahmen aus den Lizenzgebühren beliefen sich auf rund 23 Millionen Euro. Die App stand allerdings auch immer wieder wegen Sicherheitsbedenken in der Kritik.

Auch die Frage, wie viel Luca zur Pandemiebekämpfung beitragen konnte, ist bis heute umstritten. Zwölf der dreizehn Bundesländer haben bereits beschlossen, die Lizenzen auslaufen zu lassen. Die Gesundheitsämter hätten für die Luca-Daten keine Verwendung mehr, heißt es dort zur Begründung.

Mit der Abkehr von der individuellen Kontaktnachverfolgung sei die App überflüssig geworden. Lediglich Hamburg hat einen Ruhevertrag abgeschlossen, um sie kurzfristig wieder aktivieren zu können. Das Luca-System zur Kontaktnachverfolgung soll laut dem Betreiber Culture4Life auch weiterhin bei Bedarf auf Standby verfügbar sein. Die bisherigen Einnahmen aus den Corona-Lizenzen sollen in die Weiterentwicklung der App fließen. Mit der neuen Investition steht dem Unternehmen nun viel Geld für eine Neuausrichtung zur Verfügung.

Luca soll zur digitalen Geldbörse werden

Das Aus für die Kontaktnachverfolgung – das Kerngeschäft der Luca-App – hatte sich bereits Ende 2021 angedeutet. Seitdem feilt Gründer Patrick Hennig an einem Geschäftsmodell, das auch ohne Pandemie tragfähig sein soll. Das Startup will sich nun als Gastro-App mit Finanzfunktionen neuerfinden. Konkret soll Luca zu einer digitalen Geldbörse werden, in der die Nutzer Personalausweis, Impfzertifikat und Zahlungsmittel hinterlegen können. Ziel sei es, den Restaurantbesuch „von der Bestellung am Tisch bis hin zu Bezahlung und Trinkgeld vollständig zu digitalisieren“.

Das wohl wichtigste Projekt im Zuge der Neuausrichtung ist Luca Pay. Nutzer können in teilnehmenden Restaurants schon heute die Speisekarte via Luca-App abrufen. Künftig soll es auch möglich sein, über die App die Bestellung aufzugeben, zu verwalten und zu bezahlen. „Wir konzentrieren uns auf den Nutzer und machen uns unabhängig von Restaurant-Systemen“, sagt Luca-Chef Hennig. Luca Pay solle perspektivisch mit gängigen Kassensystemen wie Orderbird oder Sumup kompatibel sein, die App fungiert dabei als Zugang für die Nutzer, im Hintergrund ist der Zahlungsdienstleister Rapyd angebunden. Als Gebühr für den Service will das Unternehmen zunächst 0,5 Prozent von jeder Transaktion verlangen. Damit bewegt sich Luca in ein lukratives, aber umkämpftes Segment: Die Abwicklung von mobilen Zahlungen gilt als starker Wachstumsmarkt.

Neben Luca Pay arbeitet das Startup derzeit zudem an einer digitalen Identitätsprüfung, die etwa beim Einchecken im Hotel genutzt werden soll. Konkret soll es künftig möglich sein, den Personalausweis über eine Anbindung an den Dienstleister IDNow in der Luca-App zu hinterlegen.

Enorme Reichweite durch Pandemie

Die Positionierung in der Gastronomie und Veranstaltungsbranche liegt dabei auf der Hand: Nach Angaben des Startups haben sich während der Pandemie etwa 450.000 Restaurants und Kulturbetriebe sowie rund 40 Millionen Bürger bei Luca registriert. Die gesetzliche Pflicht zur Kontaktnachverfolgung hat dem Unternehmen einen wertvollen Vorsprung verschafft. Ohne sie wäre es quasi unmöglich gewesen, in der fragmentierten Gastro-Branche eine derartige Reichweite aufzubauen.

Die Frage ist, ob die Nutzer der App bereit sind, den Strategieschwenk der Luca-Macher mitzugehen. Auf die kommen in der Übergangsphase nun gleich zwei Herausforderungen zu: Zum einen müssen sie zusätzliches Vertrauen der Nutzer gewinnen, denn diese sollen ihnen schließlich ihre Zahlungs- und Personalausweisdaten anvertrauen. Das ist keine leichte Aufgabe. Die Sicherheitsarchitektur der Luca-App stand von Anfang an aufgrund der zentralen Datenspeicherung in der Kritik. IT-Experten hatten zudem immer wieder Schwachstellen im System entdeckt, etwa beim Zugriff auf Bewegungsprofile. Der Betreiber besserte zwar nach – doch der Imageschaden blieb haften.

Das Unternehmen teilt dazu mit, jeder Nutzer könne in der neuen Luca-App selbst bestimmen, welche Daten er zu welchem Zeitpunkt und zu welchem Zweck freigeben wolle. Die Identitätsdaten aus dem Personalausweis würden in lesbarer Form „nur lokal auf dem Smartphone“ abgelegt, erklärt Luca-Chef Hennig. „Im Falle von Zahlungsdaten werden diese gar nicht im Luca-Backendsystem verarbeitet, sondern nur beim Zahlungsanbieter und den für die Zahlung notwendigen Systemen selbst.“

Zum anderen ergibt sich für das Startup bei der Mitnahme der Nutzer noch eine ganz praktische Hürde. Gastronomen und Privatpersonen, die die neuen Funktionen nutzen wollen, müssen ihnen erst explizit zustimmen. So schreibt es die Datenschutzgrundverordnung vor. Luca muss seine Nutzer also dazu bewegen, mal wieder in die App zu schauen. In Zeiten, in denen die Pandemie mehr und mehr in den Hintergrund rückt, ist auch das keine leichte Aufgabe.

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