Tuomas Toivonen hat Holvi 2011 gegründet, fünf Jahre später verkauft und im Februar 2021 zurückgekauft (Bild: PR)

Holvis Zahlen zeigen, was jetzt auf die Fintech-Welt zukommt

Exklusiv: Jahrelang schrieb Holvi unter dem Dach der spanischen Großbank BBVA große Verluste. Anfang 2021 kaufte der Gründer sein Startup zurück, es folgten ein harter Sparkurs, neue Produkte und die Abschaffung kostenloser Konten. Der Jahresabschluss zeigt: Der Plan könnte aufgehen.

Es ist ziemlich leer in den Büros des Business-Banking-Startups Holvi. Das Fintech beschäftigt wesentlich weniger Mitarbeiter als noch vor zwei Jahren. Trotzdem könnten die Räumlichkeiten in Helsinki noch viel verlassener wirken. Aber CEO Tuomas Toivonen hat kürzlich eine ganze Etage wieder abgegeben.

Anfang 2021 war das, da hatte er gerade sein Holvi wieder von der BBVA zurückgekauft. Seither krempelt er das Fintech um, die Kosten mussten stark gesenkt werden, dafür der Ertrag gesteigert. Externes Kapital hat Toivonen noch keines aufgenommen, das verbrannte Geld kommt direkt aus seiner Tasche.

Umso strikter sein Plan, Holvi aus der Verlustzone rauszuholen. Der Jahresabschluss für 2021 gibt nun einen ersten Indikator, wo die Reise hingeht. Besonders ein Blick auf die einzelnen Quartalszahlen zeigt die Entwicklung: Holvi sieht sich auf einem guten Weg in die Profitabilität. Können andere Fintechs aus dem Turnaround von Holvi etwas lernen? Und wie zeigt sich der Umbruch in den konkreten Zahlen?

„Nur noch“ 35.000 Kunden

Insgesamt konnte Holvi seinen Verlust von 17,1 Millionen im Vorjahr auf 5,4 Millionen Euro reduzieren. Wichtigster Faktor dafür war der radikale Marketingstopp, den Finanz-Szene direkt im Januar 2021 bemerkt hatte. Außerdem reduzierte Holvi sein Team von 120 auf zwischenzeitlich 60 Mitarbeiter – inzwischen hat es wieder auf 80 aufgestockt, wie Toivonen berichtet. Und, nicht zu vergessen: Die Büroräume hat es auf ein hybrides Arbeitsmodell angepasst und um die Hälfte reduziert.

Die Auswirkungen dieser Maßnahmen zeigen sich in einer Grafik aus einer internen Präsentation von Holvi, die Finance Forward vorliegt. „Wir haben eine ,Zero-Budget-Policy eingeführt“, sagt der Gründer. Das bedeutet beispielsweise: Auch alle Software-Lizenzen, die nicht dringlich notwendig sind, wurden gekündigt.

Die Betriebskosten von Holvi – ohne den Mitarbeiteraufwand

Die Motivation dafür ist klar: Holvi ist seit dem Rückkauf ohne externe Investoren unterwegs, für Verluste gibt es also keinen Raum. Ein Blick in den im Februar 2017 veröffentlichten Jahresabschluss der BBVA zeigte, dass der Exit damals insgesamt rund neun Millionen Dollar brachte. Für wie viel Toivonen das Startup fünf Jahre später zurückkaufte, dazu will er sich nicht äußern. Es dürfte allerdings weniger gewesen sein. BBVA hatte kurz vorher die US-Banking-App Simple, die sie 2014 für 117 Millionen Dollar kaufte, einfach dichtgemacht und befand sich im Prozess, derartige Projekte abzustoßen.

Mit dem großen Sparmodus, den Holvi nun seit anderthalb Jahren fährt, ist es seiner Zeit etwas voraus. Eine ähnliche Kur droht in den kommenden Monaten sämtlichen Finanz-Startups, die Stimmung in der Branche kippt. Investoren warnen ihre Portfolio-Startups vor schwierigen Zeiten, das Kapital wird knapper. Fast täglich gibt es neue Entlassungen bei bekannten Fintechs, auch in Berlin sind Finanz-Startups wie Klarna, Nuri und Kontist betroffen.

Doch Holvi hat schon jetzt seinen Business-Plan gut im Griff, neben den harten Einsparungen hat es auch seine Einnahmen steigern können. Der harte Einschnitt dafür kam im September: Holvi schloss seine kostenlose Konten, die Kunden konnten entweder auf ein Bezahlmodell upgraden oder mussten sich einen neuen Anbieter suchen (Finance Forward berichtete). Im vierten Quartal machte es bereits einen Umsatz von 2,1 Millionen Euro, konnte sich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum also fast verdoppeln (siehe Grafik).

Mit der neuen Ausrichtung ändert sich allerdings die Größe des Unternehmens rapide. Die letzte Kundenzahl, die unter BBVA noch verkündet wurde, belief sich auf 200.000. In Deutschland galt es mit 90.000 Kunden als einer der größten digitalen Business-Banking-Anbieter. Nach dem Wegfall der Freemium-Kunden und mit einer „neuen Definition von dem, was als Kunde zählt“, also zahlend und tatsächlich aktiv, komme Holvi nunmehr auf 35.000 Kunden, sagt Toivonen. Insgesamt.

Die regionale Verteilung der 6,2 Millionen Euro Gesamtumsatz zeigt: Deutschland ist mit knapp 3,3 Millionen Euro Holvis größter Markt, im Heimatmarkt Finnland setzte das Fintech 2,4 Millionen um. Im Rest der EU ist es nicht mal eine halbe Million – und im Gegensatz zu Deutschland und Finnland ist der kumulierte Umsatz in den anderen Teilen der EU rückläufig.

Die 35.000 Kunden wären qualitativ allerdings wesentlich mehr wert, sagt Jaana Ruuti-Kempas, Head of Financial Operations. „Besonders für unsere neuen Produkte wie die Kreditkarte und ,Buy Now, Pay Later’-Angebote kommen zahlende Kunden wesentlich eher infrage als beispielsweise Freemium-Kunden, die das Konto sowieso kaum nutzen“, sagt sie.

Die nächste große Aufgabe für Holvi wird nun, trotz des abgekühlten Funding-Klimas Wagniskapital zu einer guten Bewertung zu erhalten. „Ein paar Wetten werden die VCs noch eingehen und wir arbeiten schon seit einem Jahr sehr hart daran, Kosten zu senken und Umsatz zu steigern“, sagt Toivonen. Er ist überzeugt, dass ihm das einen Vorteil bei Investoren verschafft.

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