Keine gewöhnliche Theke, sondern neu designte Bankschalter © O Bee Credit Union

Die wohl ungewöhnlichste Bankfiliale der Welt

Es ist ein Kampf, der kaum zu gewinnen ist: Während die sogenannten „Challenger“ ihren Kunden nur in einer App oder im Web begegnen, haben viele Großbanken nicht nur mit der Digitalisierung, sondern auch dem damit verbundenen Filialsterben zu kämpfen. Eine kleine amerikanische Genossenschaftsbank dreht den Spieß jetzt um und lockt Kunden mit einem ungewöhnlichen Konzept – offenbar mit Erfolg.

Dem Kunden fällt es spätestens dann auf, wenn zum Geldabheben in Wohnvierteln plötzlich nur noch Automaten von Drittanbietern vor Kiosks oder Supermärkten stehen: Immer mehr Bankfilialen in Deutschland müssen schließen. Allein Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken mussten sich 2017 von mehr als sechs Prozent ihrer Filialen trennen. Und die Deutsche Bank hatte in den Jahren 2015 und 2016 in Deutschland etwas mehr als 720 Filialen einschließlich der Berliner Bank (aber ohne die Postbank). Ende 2017 waren es laut Handelsblatt nur noch rund 530.

Stilecht mit leichter Hopfennote

Nachmieter sind zumeist Cafés, Restaurants oder Mode-Boutiquen. In den USA haben Großbanken ebenfalls mit immer schlechter besuchten Zweigstellen zu kämpfen und testen Videokonferenz-Systeme, um die Personalkosten zu senken. Eine kleine Genossenschaftsbank im US-Staat Washington hat den Spieß umgedreht: Die „O Bee“, einst gegründet für Mitarbeiter der Olympia Brewing Company, hat einer anderen Bank eine Filiale abgekauft und zu einer Art Pub ausgebaut – mit allem, was dazugehört: Die Bankschalter sind mit Messingschienen verziert, Bierzapfanlagen tragen die Namen und Logos von Biersorten und säumen die Vorderseite der „Schalter-Theke“. Alles Anspielungen auf die Brauereiwurzeln der Credit Union. Kostenloses Bier gibt es allerdings nicht. Doch aus einem Zapfhahn kommt Wasser, bei dem sich die Kunden bedienen können.

Ein Schild weist spielerisch auf die Angebote der Genossenschaftsbank hin © OBee Credit Union
Ein Schild weist spielerisch auf die Angebote der Genossenschaftsbank hin © O Bee Credit Union

Zudem erwecken rohe Backsteinmauern und Kreide-Verzierungen den Eindruck, als würde man sich tatsächlich in einer Brauerei befinden. Vor der Filiale lockt ein Neonschild mit dem alten Logo der Olympia-Brauerei, einem Hufeisen. Eine Tafel im sogenannten „Barron“-Stil wirbt für die „Spezialitäten“ des Hauses. In diesem Fall aber keine Hot-Dogs, sondern „siedend heiße Autokredite“ und dergleichen, serviert „mit einer Prise Abenteuer“ und hohen Jahresrenditen „vom Fass“.  Fotos der alten Olympia-Brauerei und ihrer Mitarbeiter sowie Bierfässer sollen das Erlebnis unterstreichen. Im Vorraum mit den Geldautomaten sorgen Sounds, die in einer Brauerei aufgenommen wurden, für die entsprechende Atmosphäre. Tatsächlich treiben die Banker es noch auf die Spitze und sorgen mit Aroma-Diffusern für ein vollumfängliches Brauereierlebnis: Wer eine „O Bee“-Filiale betritt, der nimmt eine dezente Hopfennote in der Luft wahr.

Haspa testet die „Filiale der Zukunft“

Tradition trifft auf Disney, könnte man sagen. Lee Wojnar, Marketing-Chef von „O Bee“ stellt aber gegenüber FinancialBrand klar: „Wir zelebrieren hier nicht den Alkohol. Wir feiern unsere Vergangenheit. Wir wurden in einer Brauerei gegründet. Wir werden unsere Geschichte nicht leugnen.“ Für ihn ist das neue Konzept kein Widerspruch zum Bankgeschäft: „Ein Pub ist ein Ort, an dem die Menschen zusammenkommen und sich austauschen.

So ähnlich klingt es auch, wenn die Haspa für ihre „Filiale der Zukunft“ wirbt. „Unser Konzept beruht darauf, dass wir mit unseren Nachbarn noch enger zusammen arbeiten wollen. Das zentrale Element ist der große ‚Nachbarschaftstisch‘. Hier können Besucher Platz nehmen und sich austauschen“, erklärt ein Haspa-Sprecher gegenüber FinanceFWD. Die „Filiale der Zukunft“ sei aber mehr als ein Möbelprogramm. „Sie soll ein neuer Treffpunkt für die Menschen werden. Wir setzen auf ein offenes, freundliches Design und die Räume werden individuell eingerichtet – passend zum jeweiligen Stadtteil. Neben diskreten Beratungsräumen gibt es offene Lounges mit Sofas.“ Farben, Materialen und Möbel sollen für eine Wohlfühlatmosphäre sorgen. „Das sieht hier ja aus wie ein Wohnzimmer“, höre man immer wieder von Kunden. Über Tablets könne man sich zudem über Neuigkeiten aus dem Stadtteil informieren. Knapp 20 Haspa-Standorte sind bereits nach dem neuen Konzept umgestaltet worden. Mehr als zehn weitere werden noch in diesem Jahr umgebaut, heißt es. Bis voraussichtlich 2020 sollen das neue Konzept in allen Zweigstellen ausgerollt sein.

„Wir kreieren Touchpoints“

 

Dass es zudem kostenloses WLAN und Kaffee für Kunden gibt, ist nett, gehört in 2018 aber auch schon fast zur Standardausstattung einer Bankfiliale. Eine Zweigstelle als Pub zu „rebranden“, damit dürfte die „O Bee“ wohl vorerst noch allein auf weiter Flur sein. Ob der Mix aus Historie und Attraktion auch hierzulande funktionieren könnte, mag man bezweifeln. Ein Hingucker ist es allemal. Und laut Wojnar mehr als das. Demnach habe man über mehrere Jahre ein zweistelliges Wachstum zu verzeichnen. Wohlgemerkt: Aktuell betreut die Genossenschaftsbank „nur“ rund 27.000 Kunden.

Die Marketingbemühungen hätten O Bee zudem geholfen, sich bei jungen Menschen stärker in den Fokus rücken und das Durchschnittsalter der Mitglieder zu senken. Passenderweise ist man auch auf Craft-Beer-Festivals vertreten, um sich potenziellen Neukunden vorzustellen. „Experiental Marketing“ at its best sozusagen. Oder wie Wojnar es formuliert: „Wir kreieren Touchpoints zum Kunden.“ Wohl die größte Aufgabe für die Bankfiliale der Zukunft: den „Touch“ zum Kunden nicht nur an digitale Dienstleistungen zu verlieren, sondern neue Kontaktpunkte herzustellen.