Seine Super-Yacht hat der sanktionierter russische Oligarch Roman Abramowitsch noch aus der EU gebracht. Nun gibt es Diskussionen über Startup-Beteiligungen. (Bild: IMAGO / TheYachtPhoto.com)

„Moralisch muss man sich von allem lösen“

Die Startup-Szene diskutiert über den künftigen Umgang mit russischen Investorengeldern. In seinen Portfolio-Firmen versuche man die entsprechenden Co-Investoren herauszukaufen, heißt es bei Venture-Capital-Gebern – und es drohen weitere Konsequenzen.

Sie sind so nervös wie lange nicht mehr. Der Boom der vergangenen Jahre hat den Wert ihrer Startups in die Höhe schnellen lassen, viele von ihnen sind im Hintergrund reich geworden. Doch plötzlich richtet sich der Blick der Öffentlichkeit auf die Startup-Investoren. Die Wagniskapitalfonds müssen sich damit auseinandersetzen, woher sie ihr Geld eigentlich bekommen haben.

Die Frage, woher das Geld stamme, hätte die Szene sich früher nicht gestellt, wird etwa der Promi-Investor Klaus Hommels von einem Auftritt bei einer Veranstaltung der „Welt“ zitiert. Schlagartig hat sich das geändert, seit der Westen Russland nach dessen Angriffskrieg auf die Ukraine mit Wirtschaftssanktionen überzieht. Die Geldgeber müssen die teilweise komplizierten Konstruktionen durchleuchten und schauen, ob möglicherweise sanktionierte russische Oligarchen unter ihren Finanziers sind.

Hommels, der mit Lakestar einen der größten und bekanntesten Startup-Fonds Europas verwaltet, soll zumindest einen kleinen Teil aus Russland angenommen haben – auf rund fünf Millionen Euro belaufe sich der Einsatz in den mehr als eine Milliarde schweren Fonds, heißt es aus dem Firmenumfeld. Das Geld soll allerdings nicht von Oligarchen stammen, die auf der Sanktionsliste stehen würden. Eine Lakestar-Sprecherin wollte sich nicht dazu äußern.

Fundraising unter neuen Vorzeichen

In der ganzen Startup-Szene wird über den Umgang mit russischem Geld gesprochen. Einen großen Anteil macht es bislang nicht aus. Wie eine Finance-Forward-Umfrage bei rund einem Dutzend Geldgebern ergab, sind es nur wenig in Deutschland aktive Fonds, die russisches Geld verwalten. Verifizieren lassen sich die Angaben nicht, weil die Investoren der Wagniskapitalgeber nur teilweise öffentlich sind. Unter den wenigen Ausnahmen befinden sich Target Global (Finance Forward berichtete) und Impulse VC.

Wie geht man künftig damit um? Einer der führenden Frühphasen-Investoren befindet sich zurzeit im Fundraising. Im neuen Fonds wolle man keine russischen Geldgeber mehr aufnehmen, selbst wenn diese nicht auf Sanktionslisten auftauchen, heißt es von einem Insider. Gleichzeitig versuche man, russische Investoren bei den Beteiligungen herauszukaufen. „Das ist hart und tut einem in Einzelfällen auch weh“, sagt die Person: „Aber moralisch muss man sich aktuell von allem lösen.“

Den Namen des Fonds möchte sie nicht genannt wissen – und da ist sie nicht die einzige. Viele ziehen es vor, zu dem Thema generell zu schweigen oder lassen sich nur anonym zitieren. Denn russisches Geld ist toxisch geworden in der deutschen Gründerszene. Das liegt auch daran, dass sich aktuell drei Probleme abzeichnen:

1. Probleme bei zukünftigen Finanzierungsrunden

„Startups könnten Schwierigkeiten haben, Folge-Investments von US-Risikokapitalgebern zu bekommen, wenn sie mit russischem Geld finanziert werden”, sagt eine Investorin. Denn für einige wird das zu einem No-Go. Auch Index Ventures, einer der bekanntesten Venture Capitalists der Welt, hat klargemacht, welche roten Linien künftig bei ihm gelten: „Wir werden keine Co-Investitionen mit Unternehmen und Personen tätigen, die Verbindungen zum russischen Regime haben“, heißt es in einem Statement, das Index auf seiner Internetseite veröffentlicht hat. Außerdem werde man keine Investments mehr in Russland tätigen und Unternehmen gleichzeitig dabei helfen, Teams und Geschäfte aus Russland zu verlagern.

Ein anderer Risikokapitalgeber berichtet von Gesprächen mit einem Portfolio-Unternehmen, bei dem Target Global investiert ist. Der Berliner Risikokapitalgeber ist aktuell das prominenteste Beispiel hierzulande, wenn es um russische Geldgeber geht. Denn Target Global, das in führende deutsche Startups wie Wefox, Flink oder auch Auto1 investiert ist, wurde von Alexander Frolov mitgegründet. Dessen Vater, der ebenfalls Alexander Frolov heißt, ist ein russischer Oligarch, der sein Vermögen mit Stahl gemacht hat – und einer der Geldgeber von Target Global ist, allerdings nicht auf der Sanktionsliste steht.

„Die Start-ups müssen selbst entscheiden, ob sie aktuell Geld von jemandem wie Target Global nehmen“, sagt ein bekannter deutscher Risikokapitalgeber, der ebenfalls nicht namentlich zitiert werden möchte: „Aktuell würde ich aber davon abraten.“

2. Probleme mit der Finanzierung

Beispiele wie Truphone sind der Extremfall: Das 2006 vom Deutschen Alexander Straub mitgegründete britische Mobilfunk-Startup hat Millionen von Investoren eingesammelt und dabei auch auf Fonds gesetzt, bei denen ein Großteil des Geldes offenbar vom russischen Oligarchen Roman Abramowitsch stammt. Bei dem Wagniskapitalgber Impulse VC, den Abramowitsch mitfinanziert hat, sind auch deutsche Startups im Portfolio. Darunter laut Crunchbase die Schlaf-App Endel oder die Health-App Abc Doc.

Abramowitsch, ein Geschäftspartner von Frolov, muss aktuell um große Teile seines Vermögens bangen, nachdem er auf der Sanktionsliste gelandet war. Der Oligarch hat bereits angekündigt, den Fußballclub FC Chelsea verkaufen zu wollen. Außerdem bemüht er sich aktuell offenbar, seine Jachten vor dem Zugriff der EU-Regierungen in Sicherheit zu bringen. Kurzum: Beteiligungen an Startups dürften bei Abramowitsch aktuell nicht die höchste Priorität genießen.

Doch das könnte selbst bei weniger prominenten Beispielen der Fall sein, warnt ein deutscher Risikokapitalgeber. Es sei schon in der Vergangenheit so gewesen, dass Gründer von Fonds teilweise keine Rückmeldung mehr bekommen hätten, wenn sie in der Gunst gesunken wären. Eine ähnliche Gefahr sieht der Investor auch jetzt: Es könnte passieren, dass man als Gründer keine Entscheidung mehr fällen könne, weil man den russischen Investor nicht mehr erreiche oder keine Antwort mehr bekäme.

Fonds wiederum könnten das Problem haben, dass die russischen Limited Partners ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen können. Denn das Geld, was diese für einen Fonds bereitstellen, wird üblicherweise in Tranchen überwiesen und nicht auf eine Schlag. Durch die Sanktionen und die Einschränkungen bei Finanztransaktionen drohen nun jedoch Probleme.

Viele Risikokapitalgeber haben daher in den vergangenen Wochen nicht nur ihre Portfolio-Firmen überprüft, sondern auch ihre Geldgeber. Denn gerade bei sogenannten Fund-of-Funds, bei denen die Anleger nicht direkt als Limited Partner in einen Fonds investieren, sondern über einen dazwischen geschalteten Dachfonds, seien die Wege des Geldes noch schwieriger nachzuverfolgen.

3. Probleme mit den Mitarbeitern

Einige deutsche Startups haben in der Ukraine Mitarbeiter. So erzählte der Gründer des Inkubators Finleap, Ramin Niroumand, kürzlich im OMR Podcast, dass allein die Unternehmen aus dem Finleap-Portfolio rund 100 Mitarbeiter in der Ukraine hätten. So hatte beispielsweise die Solarisbank 2021 einen Tech-Hub in der Hauptstadt Kiew eröffnet. Entsprechend groß ist vielerorts aktuell die Sorge.

Risikokapitalgeber würden versuchen, ihren Portfolio-Firmen zu helfen, in dem sie etwa die Mitarbeiter aus der Ukraine bringen. Portugal sei beliebt, weil es möglich wäre, unkompliziert weiterzuarbeiten, heißt es bei einem Risikokapitalgeber, der mehr als 200 Unternehmen im Portfolio hat. Die Startups würde vor Ort ein Unternehmen gründen, wodurch ein Touristen- in ein Arbeitsvisum gewandelt werden könnte.

Doch die Hilfe ist nur die eine Seite der Medaille. Denn andererseits fragen sich viele Mitarbeiter plötzlich, von wem ihr Arbeitgeber finanziert wird. Russisches Geld kann da, nicht nur bei ukrainischen Mitarbeitern, schnell zu Spannungen führen.

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