ING-Diba-Chef Nick Jue © Jasper Lensselink

ING-Diba-CEO Nick Jue im Interview: „Es geht mir nur um eines: Speed!“

Etablierte Großbank? Oder agiles Fintech? Wenn es nach Nick Jue geht, dann ist die ING Diba beides. Im Interview mit FinanceFWD spricht der CEO über den Umbau des Geldhaus zum agilen Unternehmen, die Herausforderungen im deutschen Markt und wie seine Bank künftig mit der Fintech-Konkurrenz umgehen will.

FinanceFWD: Herr Jue, die FAZ nannte Sie einst den „Elefantentrainer“. Als CEO der niederländischen ING haben Sie bei einer Großbank agile Prozesse eingeführt. Hierzulande galt die ING Diba doch lange Zeit als Windhund der deutschen Bankenbranche, der mit aggressiven Tageszinsen und konsequentem Onlinebanking der Konkurrenz davoneilte. Elefant? Windhund? Was denn nun?

Jue: Wir hatten in den Niederlanden Prozesse, die einfach zu langsam waren. Man hat ein Thema angestoßen, und nach zwei Jahren hatten wir dann vielleicht drei Produkte verfügbar – oder auch nicht. Das war frustrierend. Mittlerweile entwickeln wir etwa unsere App im 2-Wochen-Rhythmus weiter. Agil eben.

FinanceFWD: In Deutschland gibt es das Sprichwort „Man kann den Hund nicht zum Jagen tragen“. Etablierte Prozesse lassen sich ja nicht von heute auf morgen beschleunigen – vor allem, wenn nicht alle mitziehen. Die Umstellung lief bestimmt nicht reibungslos ab, oder?

Jue: Wir haben die IT und Banker zusammengebracht. Und merkten plötzlich: Viele der Mitarbeiter, die wir in der IT hatten, konnten gar nicht coden. Sie haben in erster Linie Projektmanagement betrieben. So haben wir unsere IT deutlich umgebaut.


FinanceFWD: Nun ist die ING ein Unternehmen mit einer flacheren Hierarchie und weniger Management…

Jue: …, dafür aber viel schnelleren Prozessen. Wir haben agiles Arbeiten freilich nicht erfunden. Für uns ist es aber neu, weil wir eine sehr große Organisation sind. Knapp drei Jahre hat der Change-Prozess in den Niederlanden gedauert.

FinanceFWD: Der ING Diba haben Sie nun ebenfalls ein Modernisierungsprogramm verschrieben. In drei Jahren ist der Change-Prozess dann abgeschlossen?

Jue: Wir haben so viel gelernt, was wir für den deutschen Markt anwenden können. Aktuell ist unser Plan, Mitte kommenden Jahres hierzulande damit durch zu sein.

FinanceFWD: Das klingt ambitioniert. Zumal sich die Frage stellt, ob es schlankere Prozesse in der Produktentwicklung so dringend braucht. Sie erwähnten die App bereits: In den Niederlanden ist die Mobile-Nutzung im Online-Banking extrem hoch. Die Deutschen gelten aber nach wie vor als Mobile-Banking-Muffel.

Jue: Ich bin mir absolut sicher, dass unsere deutschen Kunden zu großen Teilen auf Mobile Banking wechseln werden. Für mich ist aber auch klar, warum es in hierzulande noch nicht so populär ist wie etwa in den Niederlanden: Die Netzabdeckung für mobiles Internet war von Beginn an besser. Da habe ich schlicht keine Geschwindigkeitseinbußen, wenn ich übers Handy auf mein Konto zugreifen will. Außerdem haben die niederländischen Banken ‚Mobile‘ früher als Trend erkannt.

FinanceFWD: Und deutsche Banken haben ihn verschlafen?

Jue: Letzten Endes muss die gesamte Branche das Thema Mobile Banking pushen. Nur dann wird es für Kunden zur Normalität.

FinanceFWD: Mit dem Trend zu gehen, das erfordert im Mobile-Segment auch schnelle Entwicklungszyklen. Auch wenn Sie mittlerweile agile Produktentwicklung betreiben: Wie wollen Sie als Konzern mit über 4000 Mitarbeitern mit Fintechs konkurrieren?

Jue: Ich habe in früheren Interview gerne das Bild von dem Elefanten gewählt, weil man die Banken oft so sieht. Groß, schwer, unbeweglich. Für eine so große Organisation haben wir unsere Prozesse in den vergangenen Jahren dennoch enorm beschleunigt. Gegen ein Fintech kommen wir natürlich dennoch nicht an. Doch anstatt zu versuchen, den Rückstand mühsam aufzuholen, kooperieren wir lieber mit ihnen. Oder kaufen sie gleich. Das haben wir jüngst mit der Kreditplattform Lendico gemacht. Oder bei Fincompare, an dem wir Anteile halten.“

FinanceFWD: Weil sie sonst den Anschluss verpassen könnten?

Jue: Vor ein paar Jahren habe ich ein Event der Singularity University (Anm. d. Red.: Think-Tank mit Hauptsitz im kalifornischen Silicon Valley) besucht. Was mir als Einziges in Erinnerung blieb war dieses eine Bild aus einem Talk, das das Wachstum des 3D-Drucks darstellte. Damals dachte ich, die Technologie sei brandneu. Tatsächlich aber befand sie sich zu dieser Zeit auf einem Peak. Was ich damit meine: Lange Zeit passierte relativ wenig, bevor es dann schlagartig enorm anzog. Seit diesem Zeitpunkt fühle ich mich getrieben. Jederzeit kann unser Business exponentiell anwachsen. Diesen Zeitpunkt dürfen wir nicht verpassen.

FinanceFWD: So technologisch getrieben dürfte nun längst nicht jeder deutsche Bankenchef sein.

Jue: Es gibt Menschen, dir mir sagen: Nick, wir sind ohne all das immens gewachsen, haben rund neun Millionen Kunden gewonnen: Brauchen wir all die agile Entwicklung und neue Produkte unbedingt? Meine Antwort: Ja, absolut. Denn die Konkurrenz, beispielsweise ein Revolut, schläft nicht. Es geht mir vor allem um eines: Speed. Wir müssen mit unseren Produkten immer vorneweg sein.

FinanceFWD: Ein Revolut bietet den Kunden zudem ein kostenloses Konto.

Jue: Der Kunde muss und will nicht für unsere Ineffizienz bezahlen. Das haben nur noch nicht alle Banken gelernt. Nur mit effizienteren Prozessen können wir garantieren, dass das Girokonto kostenlos bleibt.

FinanceFWD: Ihre Bank profitiert erheblich davon, dass die Konkurrenz nach und nach das Null-Euro-Konto abschafft. Doch ganz ohne Gebühren scheint nicht zu gehen. Zum 1. Juli führt Ihre Bank eine Glücksspiel-Gebühr ein. Auch Abhebungen unter 50 Euro am Geldautomaten kosten künftig.

Jue: Natürlich erheben auch wir mittlerweile Gebühren, aber nur wenn der Kunde für ihn und uns ineffizientere Prozesse wählt. Ein Beispiel: Überweisungen sind bei uns online kostenlos. Ruft ein Kunde aber an und beschäftigt unseren Kundenservice mit zehn oder mehr Überweisungen, dann kostet das.

FinanceFWD: Mit hohen Sparzinsen aufs Tagesgeld hat die ING Diba über Jahre erfolgreich den Markt aufgerollt. Doch zahlten Sie noch vor einem Jahr 0,35 Prozent aufs Tagesgeld, sind es derzeit gerade mal 0,1 Prozent. Möglichst gebührenfrei und Nullzins-Zeiten – wo will Ihre Bank überhaupt Geschäfte machen?

Jue: Aktuell sehe ich, dass wir im Bereich Robo-Advising wachsen können. Bei unserem Partner Scalable Capital etwa investieren Sie nicht selbst in einzelne Aktien, sondern ein Roboter wählt für Sie über diverse Märkte hinweg ETF aus. Und Entwicklungen wie Google Pay oder Apple Pay schauen wir uns natürlich genau an.

FinanceFWD: Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für das Banking im Jahr 2018?

Jue: Das Onboarding von Kunden ist ein Riesenthema. Es muss noch viel einfacher werden, ein Konto anzulegen. Es gibt da Beispiele, dass sowas online mit der Identifikation des Nutzers in knapp zwei Minuten möglich ist.

FinanceFWD: Sie spielen etwa auf Revolut an. Wenn Sie solche Entwicklungen sehen, was denken Sie dann? Nachbauen? Oder einkaufen?

Jue: Wir verfolgen den Markt natürlich ganz genau und haben ein Auge auf neue Entwicklungen. Da ist es für uns auch vorstellbar, demnächst mit passenden Fintechs zu kooperieren. Das Gute ist: Wenn wir etwas sehen, was uns gefällt und es kaufen wollen, dann können wir das auch.