Die Hypofriend-Gründer: Pavel Jurasek, Nick Mulder und Chris Mulder (von links)(Bild: PR)

Pensionfriend: Das neue Fintech der Hypofriend-Gründer

Exklusiv: Die Baufinanzierungs-Plattform Hypofriend startet einen Ableger. Mit Pensionfriend wollen die Macher eine kostengünstige private Rentenversicherung verkaufen. Doch die ambitionierten Pläne werfen Fragen auf.

Nick Mulder gründet ein neues Startup. Dem Unternehmer ist es gemeinsam mit seinem Vater schon einmal gelungen, ohne Millionen von Investoren ein Fintech aufzubauen. Seine Baufinanzierungsplattform Hypofriend, die sich früh auf Expats in Deutschland fokussierte, beschäftigt mittlerweile 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Berlin, bei einem Umsatz von 4,1 Millionen Euro. Eine der kleineren Erfolgsgeschichten, die auffallen, weil sie aus dem Raster fallen. Auf dem Karrierenetzwerk Linkedin folgen dem niederländischen Gründer und seinen Beiträgen über den Immobilienmarkt mehr als 25.000 Menschen.

Seit dem Frühjahr ist klar, dass Mulder im Hintergrund an einem neuen Projekt werkelt. Im Februar teilte er bei Linkedin mit, dass er Mitgründer von einem Fintech im „Stealth“-Mode sei.

Jetzt lüftet Mulder das Geheimnis, er startet als Vater-Sohn-Gespann eine weitere Plattform. Bei dem Altersvorsorge-Startup Pensionfriend handelt es sich um einen ETF-Sparplan im Rentenversicherungsmantel.

Hypofriend leidet unter Rezession

Für Nick Mulder und seine Mitstreiter kommt Pensionfriend zu einem wichtigen Zeitpunkt. Das Geschäftsmodell des 2018 gegründeten Hypofriend ist derzeit stark unter Druck, seit der Markt für Immobiliendarlehen in diesem Sommer eingebrochen ist. „Unser Umsatz betrug im vergangenen Jahr 4,1 Millionen Euro, wir waren auf dem besten Weg, ihn zu verdoppeln“, sagt der Gründer im Gespräch, „aber die derzeitige Rezession macht uns leider zu schaffen.“ Er gehe aktuell davon aus, dass das Fintech 2022 bei etwas mehr als fünf Millionen Euro Umsatz landen werde – statt der anvisierten acht Millionen Euro.

Hypofriend ist von Anfang an eigenfinanziert, der Großteil des Geldes stammt dabei vom Vater und Mitgründer Chris Mulder, der mehr als 20 Jahre als Ökonom beim Internationalen Währungsfonds tätig war. Am Anfang richtete sich das Angebot vor allem an sogenannte Expats, denen die deutsche Bürokratie beim Immobilienkauf zu komplex ist. Denn das war auch ein Problem, mit dem sich Nick Mulder selbst herumschlagen musste.

Eine halbe Milliarde pro Jahr vermittelt Hypofriend

Nach und nach soll Hypofriend aber auch weitere Interessenten anlocken. Ziel ist, die Kunden nicht nur bei der Immobiliensuche zu unterstützen, sondern eine langfristige Bindung aufzubauen. Besonders die Frage, welche Immobilie sich die Kundinnen und Kunden mit Gehalt und Rücklagen leisten können, soll das eigene Tool besser beantworten können als die Konkurrenz, heißt es vom Fintech. Dafür ist die Plattform mit vielen Banken verbunden und führt den Beratungs- und Antragsprozess der Kunden zusammen.

Bislang hätten sich rund 150.000 potentielle Kundinnen und Kunden bei Hypofriend angemeldet, „mehrere tausend“ davon seien Hypothekenkunden, sagt Mulder. Das Startup vermittle Kredite im Wert von etwa 500 Millionen Euro pro Jahr. Eine kleine Vermittlungsprovision erhält Hypofriend am Ende.

Um das eigenfinanzierte Wachstum nun weiter zu befeuern, folgt mit dem Altersvorsorge-Angebot das nächste Produkt. Einerseits kann man es der bereits bestehenden Kundenbasis ohne einen erneuten Identifikationsprozess vertreiben, andererseits bietet es die Möglichkeit, neue Kundengruppen zu erschließen.

Ein Produkt, das Steuern sparen soll

Die Innovation von Pensionfriend sei eine Mischung aus Finanzberatung und Technologie in Verbindung mit einem kostengünstigen Produkt, sagt Mulder. Weil durch die gesetzliche Rente für viele Millionen Kundinnen und Kunden eine Rentenlücke entsteht, die sich durch die Alterung der Bevölkerung immer weiter vergrößert, sieht das Unternehmen den Bedarf für das neue Produkt.

Das Angebot könne „die Renten im Vergleich zu anderen Lösungen wie der direkten betrieblichen Altersvorsorge mehr als verdoppeln“, behauptet der Gründer. Im Vergleich zu herkömmlichen Versicherungslösungen vermeide es hohe Abschlussgebühren, die „zu unehrlichen Beratern und betrogenen Kunden“ führen würden. „Um Kunden anzulocken, bietet unsere Lösung auch einen klaren Steuervorteil gegenüber ETFs“, heißt es.

Die Kundinnen und Kunden würden nur einmal Kapitalertragssteuer zahlen, nämlich dann, wenn sie das Geld entnehmen, da „die private Rentenversicherung als Klammer um die Steuer fungiert“. Bei einem ETF-Portfolio über einen Broker hingegen fallen jedes Jahr Steuern auf die Gewinne oberhalb des Sparerpauschbetrags an, wenn die Kunden ihr Portfolio neu ordnen. Das Unternehmen wirbt: „Der große Nachteil dabei ist, dass die von dir gezahlte Steuer dann nicht mehr in deinem Portfolio investiert ist und keine Rendite mehr für dich erarbeitet.“ Außerdem müssen Pensionfriend-Kunden nur die Hälfte der Kapitalertragssteuer zahlen, wenn sie sich ihr Kapital nach dem 62. Geburtstag auszahlen lassen.

Rente auf den Cent genau berechnen?

Sind die Werbeversprechen zu groß? Auf der Webseite heißt es: „Unser Team aus Ökonomen, Versicherungs-, Rechts- und Finanzexperten hat das beispiellos komplexe deutsche Renten- und Steuersystem entschlüsselt, so dass wir über die genauen Formeln verfügen, die nötig sind, um Steuern und Leistungen auf den Cent genau zu berechnen.“ Auf Nachfrage von Finance Forward sagt Mulder, die Formulierung sei eine „direkte Übersetzung“, sie werde angepasst. Etwas, das rund 30 Jahre in der Zukunft liegt, „auf den Cent genau“ zu berechnen, ist nahezu unmöglich.

Insgesamt lässt sich derweil schwer beurteilen, ob die Pläne des Unternehmens in Zukunft aufgehen. „Die Versprechen auf der Webseite sind sehr vertriebsorientiert, sie nennen riesige Steuervorteile“, sagt Thomas Mai, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Bremen. Das klinge zu schön, um wahr zu sein. Die Webseite beantworte noch nicht alle Fragen, die man dazu habe. Zum Beispiel, wie das Produkt ausgestaltet ist. „Ich kaufe die Katze im Sack“, sagt der Verbraucherschützer.

Besonders bei Altersvorsorgeprodukten, die auf Jahrzehnte angelegt sind, kann niemand vorhersehen, welche Steuerregeln in 20 Jahren gelten und dann womöglich wieder alles zunichte machen. Historisch gesehen haben sich fast alle Anlageprodukte, deren Alleinstellungsmerkmal Steuersparen waren, später als nachteilig für den Sparerinnen und Sparer erwiesen. Ein Beispiel sind Schiffs- und Medienfonds. 81 Prozent der Schiffs- und 96 Prozent der Medienfonds hätten „einen vollständigen oder zumindest teilweisen Verlust des eingesetzten Kapitals“ eingefahren, heißt es in einer Rechnung von Stiftung Warentest.

Schlauer als der Gesamtmarkt, lautet die Werbung

Pensionfriend gibt sich mit seinem Modell optimistisch: Um eine „Überrendite im Vergleich zu allen anderen ETFs“ und im Vergleich zum MSCI World zu erzielen, will Pensionfriend die ETFs umschichten, eigenen Angaben zufolge könne es damit den MSCI World um zwei Prozentpunkte schlagen.

Wissenschaftliche Auswertungen zeigen indes, dass Hin- und Herschichten nur dazu führt, dass Langfristanleger Rendite verlieren, weil sie die entscheidenden Hochrenditetage in aller Regel verpassen. Pensionfriend wirbt indes damit, in den kommenden 30 Jahren schlauer als der Gesamtmarkt zu sein.

Eine genaue Produkterklärung oder ein Produktblatt inklusive der Kostenstruktur der Partnerversicherung Liechtenstein Life ist auf der Webseite bislang allerdings noch nicht zu finden. Die erhalten Kunden nach der Anmeldung, sagt Mulder. Im Rahmen des Launches in den kommenden Tagen sollen weitere Informationen folgen, auch zur generellen Investmentphilosophie.

Versicherungspartner ist bisher negativ aufgefallen

Auch die Partnerwahl wirft Fragen auf, denn die Liechtenstein Life ist hierzulande bislang eher negativ aufgefallen. 2019 kürte der Bund der Versicherten ein Produkt des Anbieters zum „Versicherungskäse des Jahres“. Das per App vertriebene Produkt der Liechtenstein Life Assurance sei demnach besonders intransparent. „Außer wohlklingenden und verlockenden Werbeaussagen“ seien auf der Website „keinerlei konkrete Produktinformationen zu finden“, heißt es in der Laudatio für den Preis. Der Bund der Versicherten stieß sich außerdem an irreführenden Aussagen zu einer „Altersvorsorge ohne Kostenwirrwar“ und versteckte Kosten.

Das neue komplizierte Produkt von Pensionfriend wird also nach dem Start auch weiter unter Beobachtung bleiben. Im Gegensatz zu Hypofriend lässt sich der Erfolg erst in ein paar Jahrzehnten konkret bemessen – und auch, ob die großen Versprechen eingehalten werden konnten. Im Frage-Bereich der Webseite heißt es derweil über die Konkurrenz: „Lass dich von anderen Angeboten nicht blenden“. Das sollten sich potentielle Kundinnen und Kunden auch für Pensionfriend vornehmen.

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