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Don’t panic, liebe Banken! Warum die Blockchain mehr Chance als Risiko ist

War Bitcoin eigentlich angetreten, die Banken überflüssig zu machen, entpuppt sich die zugrundeliegende Technologie zunehmend als Liebling der Finanzbranche. Warum das Thema Blockchain für Banken so spannend ist, erläutert Jan Kühne, Chief Digital Officer bei der unabhängigen Privatbank M.M.Warburg & CO, in einem Gastbeitrag:

Spätestens als Bitcoin 2017 sogar der Bild-Zeitung einen Aufmacher auf der Titelseite wert war, wurde die Blockchain-Technologie auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Grundidee der im Jahr 2008 entwickelten Technologie war die Schaffung einer Währung, die ohne Banken auskommt. Die Vertrauensbildung, bis dato Aufgabe der Geldhäuser, sollte durch das Führen dezentraler Transaktions-Register durch die Nutzer selbst erfolgen.

Das Problem: Aufgrund des enormen Erfolgs von Bitcoin wurden Zahlungen aber ziemlich teuer und verlangsamten sich. Die spekulationsgetriebene Nachfrage untergrub so den ursprünglichen Geschäftszweck. Mit Einsetzen der massiven Kurseinbrüche zum Jahreswechsel stimmten viele einen allgemeinen Abgesang auf die Technologie an. Wie steht es also um das disruptive Potenzial der Blockchain?


Um diese Frage zu beantworten, möchte ich den Terminus „Pivot“ bemühen. Aus dem französischen kommend – frei übersetzt mit „Drehpunkt“ – findet er im Investment-Banking dann Anwendung, wenn ein Unternehmen einen strategischen Parameter des Geschäftsmodells grundlegend verändert, die Unternehmensvision jedoch praktisch beibehält. Ein Beispiel ist Paypal, das bereits 2000 als Bezahldienst zwischen Nutzern des Palm Pilots (einem stiftbasierten Taschencomputer) gestartet war und erst durch den Wechsel auf Online-Zahlungen so richtig erfolgreich wurde. 

„Tokenization“ als Blockchain-Pivot

Bei der Blockchain-Technologie liegt dieser Pivot darin, dass man die Problemlösung von Bitcoin, Vertrauen zu bilden, auf andere Anwendungsbereiche übertragen hat. Vertrauensbildung mag sich trivial anhören, ist im Geschäftsleben aber eine tagtägliche Aufgabe. Vertrauen herzustellen zwischen Parteien, die sich nicht kennen oder wegen gegenläufiger Interessen misstrauen sollten. Der Blockchain-Pivot überträgt anstelle von Bitcoins reale Gegenstände oder Rechte als Token auf die Blockchain. Diese Tokenization von Assets jedweder Art zu digitalen Assets erweitert die Anwendungsbandbreite der Technologie erheblich.

Wie so etwas in der Praxis aussehen kann, zeigen zwei Praxisbeispiele von IBM: Gemeinsam mit der Reederei Maersk wird die „Global Trade Digitilization“ Plattform entwickelt, die den Belegfluss der Logistikkette in eine von allen Teilnehmern genutzte blockchainbasierte Datenhaltung überführt. Mit der Einzelhandelskette Walmart wiederum wird „Food Safety Alliance“ vorangetrieben, die die Dokumentation der Lebensmittelversorgungskette durch alle beteiligten Parteien zum Ziel hat. Beiden Ansätzen gemeinsam ist der offene Plattformansatz und die dezentrale Organisation über Unternehmensgrenzen hinweg.

Rütteln an den Grundfesten des Selbstverständnis‘

Trotz der Öffnung der Blockchain für Anwendungen über die Finanzindustrie hinaus verbleibt die Frage nach der Relevanz für Banken? Schließlich ist der Grundgedanke der Blockchain ja die Disintermediation, also der geplante „Verlust“ von Vermittlern. Und Banken sind klassische Vermittler bzw. Intermediäre, indem sie etwa Kapitalsuchende und Kapitalanleger zusammenzuführen. Insofern rüttelt die Blockchain an den Grundfesten des Selbstverständnis von Banken.

Diese Disintermediaton wurde bereits sichtbar beim Hype um sogenannten Initial Coin Offerings, kurz ICOs. Wie bei einem IPO geht es hierbei um die initiale Herausgabe von Rechten gegenüber einem Unternehmen, nur online über die Blockchain, ohne Banken und Clearingstellen. Die Volumina waren zwar im Vergleich noch klein, das Wachstum aber beeindruckend. Allerdings sorgte fehlende Regulierung für eine Reihe von Betrugsfällen, woraufhin der ICO-Hype sich zum Jahreswechsel hin abkühlte.

Bank trifft auf Open-Source

Wo Risiken liegen, befinden sich aber auch Chancen. Für Banken liegen diese insbesondere bei Infrastrukturlösungen für die Finanzindustrie. Die von VC-Investoren getriebene Blockchain Ripple ist eine derartige Innovation. Deren Kryptowährung XRP dient aber weniger der Wertaufbewahrung, sondern als Brückenwährung zu beispielsweise Euro oder US-Dollar im Handelsverkehr. Die Beweisführung steht noch aus, aber der Anspruch ist klar: eine Alternative zur marktbeherrschenden Zahlungsabwicklung SWIFT. 

Welche Möglichkeiten sich in der Handelsfinanzierung bieten, illustriert auch der Erklärfilm von MarcoPolo. Realisiert wird MarcoPolo auf der Plattform Corda, hinter der wiederum die Initiative R3 steht, zu der eine Vielzahl von Banken wie ING und Commerzbank zählen.

Hyperledger ist ein weiteres Konsortium, deren ebenfalls auf dezentrale Register aufbauende Software-Plattform Prozesse unterstützen soll. Der Ansatz ist hier weiter gefasst und adressiert unterschiedlichste – wie das obige auf Hyperledger aufsetzende Beispiel, Prozesse aus dem Logistikbereich. Das Potenzial ergibt sich aus dem Open Source Ansatz, der allen Interessenten offensteht und einlädt, kommerzielle Lösungen umzusetzen. Ein Blick in die Mitgliederliste, darunter American Express, Airbus oder die Deutsche Bank, offenbart die Attraktivität für die Finanzbranche. Den frühen Nutzern dieser Plattformen eröffnen sich Wettbewerbsvorteile. Noch besser natürlich ist es, wenn man Miteigner einer Infrastruktur ist, die sich langfristig durchsetzt. Wem es gelingt, seine spezifische Beratungskompetenz um sinnvolle Blockchain-Anwendungen zu erweitern, der wird profitieren.

Danke, Fintechs!

Worin liegen dabei aber die Herausforderungen für Banken? Erstens in der noch sehr neuartigen Technologie. Lösungen können nicht als fertiges Produkt bestellt, sondern müssen agil entwickelt werden – mit den verbundenen Unsicherheiten. Zweitens in der Regulierung. Die BaFin entscheidet bisher ausschließlich auf Einzelfallbasis unter Heranziehung der bestehenden Gesetzgebung. Die grundsätzliche Offenheit der obersten Finanzaufsicht gegenüber Blockchain-Innovationen eröffnet aber auch Raum, den bestehenden Regulierungsrahmen auf den sinnvollen Einsatz von Blockchain-Anwendungen hin zu überprüfen. Drittens muss die vermeintliche Kannibalisierung bestehender Erlösquellen verhindert werden. Hier ist unternehmerisches Handeln gefordert, um sich nicht neuen effizienteren Abwicklungs- und Vertriebsplattformen zu verschließen und so das Potenzial anderen zu überlassen.

Aber derartige Herausforderungen – an dieser Stelle Dank an all die Fintechs da draußen – sind für Banken ganz neu dann ja nun auch nicht mehr.