Jascha Samadi über den Dächern Hamburgs

Dieses Hamburger Mobile-Marketing-Urgestein startet einen Appstore für die Blockchain

Einen Appstore, ob Android-Smartphone oder iPhone, hat jeder von uns auf dem Smartphone. Wir verbringen täglich Stunden mit Apps wie Instagram, Facebook und Co.. Aber dApps? Auf der Blockchain? Die „dezentralen Apps“ sind noch vor allem Kryptonerds ein Begriff. Jascha Samadi will das ändern: mit EveryDapp, einer Art Appstore für die Blockchain. Wir haben mit dem ehemaligen apprupt-Gründer über die Chancen und Hürden im Blockchain-Business und seine ungewöhnliche Geschäftsidee gesprochen.

10 Jahre wurde Apples App Store vor Kurzem „alt“. Einst mit wenigen Hunderten Programmen gestartet, sind „Apps“ heute eine, wenn nicht sogar die größte Erfolgsgeschichte der Digital Economy. Rund 6,2 Millionen Apps gibt es mittlerweile auf den Plattformen von Apple, Google und Amazon. Allein der Konzern aus Cupertino hat 20 Millionen registrierte Developer, an die er jedes Jahr einen Milliardenbetrag ausschüttet. Die Plattform allein kommt wöchentlich im Schnitt auf 500 Millionen Besucher. Aus den kleinen Programmen, die unsere Homescreens bevölkern, wurde ein riesiger Wirtschaftszweig.

„Das Ökosystem erinnert aktuell an die Anfänge des App-Business 2009“

Während Apps für Smartphones und Tablets weiterhin das Mittel sind, um sein Device mit mehr Funktionen auszustatten, fristen dApps noch ein Nischendasein. Wer sich jetzt immer noch fragt, ob damit diese komische Armbewegung gemeint ist, die vergangenes Jahr durch die sozialen Netzwerke ging: Nein, um den „Dab“ soll es hier nicht gehen. dApps, das steht für „dezentralisierte Apps“. Während mobile Software zumeist von großen Anbietern wie Apple, Google oder Amazon in der Cloud gehostet werden und wiederum über das Internet eine Verbindung zwischen dem Smartphone und den Servern der App-Betreiber aufbauen, laufen dApps komplett auf der Blockchain. Dezentral eben. Zudem gehört das, was ein Nutzer hier erwirbt, auch ihm, während er sonst nur Nutzungsrechte hält. Virtuelles Eigentum kann er genauso gut wieder über die Blockchain verkaufen. Mit „Cryptokitties“ schafften es dApps 2017 sogar schon in die Massenmedien. Die dApp, bei der man virtuelle Kätzchen kaufen und verkaufen konnte, hatte vergangenes einen regelrechten Hype erlebt. Fans zahlten bis zu 12.000 Euro für die Sammlerobjekte – und legten damit fast die Etherum-Blockchain lahm.


Einen Nachteil hat die Dezentralität aber: Die zentrale Anlaufstelle, über die „der Markt“ in Form von Anbietern bzw. Developern und Nutzern aufeinandertrifft, fehlt. Hier kommt EveryDapp ins Spiel, das neue Projekt von Jascha Samadi. „Für mich ist das dApp Ökosystem zum aktuellen Zeitpunkt in Teilen vergleichbar mit dem Mobile App und Developer Ökosystem 2009, als wir damals apprupt gestartet haben – wenn gleich technologisch alles natürlich vollkommen neu ist“, teilt uns der Unternehmer auf Anfrage mit. „Die Erfahrung aus der Zeit hilft an der ein oder anderen Stelle aber schon.“

„Für mich entsteht hier die Infrastruktur für das Web von morgen“

Samadi gründete apprupt 2008, als es zwar Apps, aber noch kein wirkliches App-Business gab. Die Firma mit Sitz in Hamburg entwickelte sich schnell zu einem der erfolgreichsten Unternehmen für mobile Vermarktung in der DACH-Region. 2013 kürte die Next den gebürtigen Hamburger mit persischen Wurzeln zu einem der zehn wichtigsten Köpfe der europäischen Digitalindustrie. 2014 kaufte Opera Software die Firma auf. „Ich bin dann bis Anfang 2017 im Konzern geblieben und habe mich anschließend komplett auf Blockchain fokussiert“, so Samadi. „Für mich entsteht dort gerade die neue Infrastruktur für das Web von morgen.“

Mit EveryDapp ist das Team um Samadi, der sich in der Rolle als „aktiver Investor“ sieht, und CEO Peter Mitchell vor wenigen Tagen „soft“ gestartet. Optisch erinnert das Interface schon sehr an die Vorbilder von Apple und Google: eine „dApp der Woche“, diverse Kategorien sowie nach einem Klick ins Angebot weitere Informationen zur Software mit Screenshots und Download-Link. Doch das war’s auch schon mit den Gemeinsamkeiten: „In dieser neuen Welt wird es per Definition keinen zentralisierten App Store geben, der quasi als Gateway oder Schaufenster zwischen Usern und Developern fungiert“, erklärt Samadi. „Wir wollen mit EveryDapp aber Nutzern einen Anlaufpunkt geben, sich über neue dApps zu informieren.“ Gleichzeitig sollen Developer die Möglichkeit bekommen, Zugang zu relevanten Nutzern über die Plattform zu gewinnen.

Glückspiel-dApps sind ein Megahype

Noch ist der dApp-Markt aber vergleichsweise klein: Einige zehntausend bis hunderttausend Nutzer verteilen sich auf einige tausend dApps, die auf der Etherum-Blockchain laufen. Nach wie vor wird diese vor allem für Transaktionen und den Handel mit Kryptowährungen benutzt. Interessant: Auch wenn das Volume der Transaktionen in Sachen Exchange weiterhin dominiert, erzeugen Spiele auf der Blockchain schon jetzt zahlenmäßig mehr Transaktionen. Tatsächlich scheint mit dem Ende des ICO-Hypes ausgerechnet Glücksspiele auf der Blockchain an Fahrt aufzunehmen.  Bei Fomo3D etwa, das erst vor drei Wochen gestartet ist, können sich Spieler in einen Pool einkaufen. Die letzte Person, die ein Ticket kauft, bevor der Countdown abläuft, bekommt den gesamten Topf. Letzte Woche waren das 488.000 Dollar, diese Woche schon zehn Millionen Dollar.

„Man muss allerdings auch anmerken, dass das ganze Ökosystem noch stark in den Anfängen ist“, so Samadi. „Es gibt teilweise noch große Baustellen auf Ebene der Infrastruktur, wenn man sich etwa die Leistungsfähigkeit von Plattformen wie Ethereum anschaut. Hier werden erfolgreiche dApps schnell an die Grenzen der Skalierbarkeit kommen.“

Damit nicht genug: „Gleichzeitig ist der User Flow auf App-Ebene bei weitem noch nicht so klar und einfach, wie wir das aus dem traditionellen Desktop- oder Mobile-Web kennen. Die UI vieler dApps ist oftmals unterirdisch und der Prozess, den ein ‚Otto-Normal-Nutzer‘ durchlaufen muss, ist für viele gerade am Anfang eine große Hürde.“ Offenbar sucht die dApp-Industrie noch ihren Platz und ihre Zielgruppe.

Das Geschäftsmodell: „CryptoKitties für die Advertising Branche“

Betrugsfälle bzw. Meldungen über tausendfache Schadsoftware – gerade auf Googles App-Plattform Play immer wieder ein Problem – wären in diesem frühen Stadium fatal. Apple unterhält deswegen einen Riesenapparat, der jede App zuvor komplett durchleuchtet, um die Nutzer zu schützen. Wie löst man dieses Problem bei einer dezentralen Plattform? Samadi: „Das Schöne an dieser neuen Welt ist, dass im Grunde fast alles open-source ist. Jeder Nutzer kann sich zu jeder Zeit den Quellcode einer auf der Blockchain „lebenden“ dApp anschauen und die Logik dahinter verstehen, bevor er etwa eine Transaktion in einem Game auslöst. Das tun wir natürlich auch, wenn gleich wir hier keine Sicherheit garantieren, noch nicht.“ Man teste zwar „so gut wie alle dApps“, die auf der Plattform landen. „Ausschließen, dass der vom jeweiligen Developer „deployte“ Code einen Bug hat, können wir aber natürlich nicht.“ Mittelfristig will man eine Zertifizierung einführen.

Die Dezentralität der Blockchain und die Neudefinition von virtuellem Eigentum erzeugt aber auch neue Möglichkeiten der Monetarisierung. Bei EveryDapp wollen die Gründer mehrere Ansätze testen. „Unter anderem ein neues Advertising Model. Dabei haben wir drei prominente Werbeflächen geschaffen, die wir mit einem speziellen Token verknüpfen.“ Entgegen klassischer Werbemodelle (CPM, CPC, CPO, etc) hätte der Käufer dann tatsächlich „Ownership“ über den Werbeplatz – und könnte ihn entweder selbst bespielen oder weitervermieten. „Wir testen hier also CryptoKitties für die Advertising Branche“, scherzt Samadi.

Dennoch: dApps sind nach wie vor vor allem ein Hype in der Kryptoszene. Um den Mainstream zu erreichen, müssen die Entwickler noch einige Hürden nehmen. Dass es dennoch nicht die schlechteste Idee ist, sich früh in einem noch kleinen Markt mit disruptivem Potenzial zu positionieren, weiß wohl kaum jemand besser als Samadi. Wenn auch erstmal klein: Neben Samadi und Mitchell kümmert sich noch eine Person um den Content, zwei Entwickler bauen die Plattform. „Das Ganze ist also noch super lean.“ Aktuell kuratiert das Team noch selbst. „Im aktuellen Marktstadium ist das alles also noch intern super gut abbildbar“, so Samadi. „Mittelfristig gibt es den Plan, die Plattform zu öffnen und selbst zu dezentralisieren – also aus einer zentralisierten Kuratierung in eine dezentralisierte Kuratierung zu migrieren. Aber wie gesagt, das ist alles noch absolut in den Kinderschuhen.“