Typisches Straßenbild in Maltas Hauptstadt Valletta © Ferenc Horvath / Unsplash

Die Mär vom „Blockchain Island“: Warum Malta doch (noch) kein Krypto-Paradies ist

Kryptobörsen wollen ihren Hauptsitz dorthin verlegen, Startups werden mit wenig Regulierung gelockt: In den Medien präsentiert sich Malta gerne als europäisches „Blockchain Island“ für Europa. Doch die Realität für Krypto-Startups im „Blockchain Island“ sieht anders aus. Wie, darüber haben wir mit Daniel Neetzel vom Krypto-Startup NOS gesprochen.

Das ganze Jahr über zwischen 15 und 23 Grad: Das Klima in Malta ist angenehm. Auch für internationale Geschäfts, so scheint es. Seit jeher gilt die das kleinste Land der EU als Steueroase. Wer seine Gewinne hierhin verlagert, profitiert von sehr niedrigen Steuersätzen. Weil die Mittelmeer-Insel mit gerade einmal 450.000 Einwohnern aber ansonsten keinen relevanten Markt für Unternehmen bietet, will sich die Regierung auch zukünftig als Ökosystem mit lascher Regulierung positionieren. Da kam der Hype um Kryptowährungen gerade recht.

Und so hatte das maltesische Parlament tatsächlich Anfang des Jahres drei Gesetze über Kryptowährungen, Blockchain und Distributed Ledger Technology (DLT) verabschiedet und damit theoretisch als eine der ersten Regierungen weltweit eine spezifische Gesetzgebung rund um die Technologie verabschiedet. Das Ziel: der Aufbau eines internationalen Krypto-Hubs, an dessen wirtschaftlichem Erfolg das kleine Eiland profitiert. Große Unternehmen, allen voran die weltgrößte Kryptobörse Binance, wollten im Zuge dessen ihren Hauptsitz verlegen. In der Praxis scheinen diese neuen Regularien aber nicht zu greifen. Im Juli erklärte man, dass das Rahmenwerk an sich komplett sei, aber eben noch nicht verabschiedet und deswegen auch noch nicht in Kraft. Kann man die vollmundigen Versprechen, mit denen man die „New Economy“ ins Mittelmeer locken wollte, schlussendlich doch nicht halten? Wir sprachen dazu mit Daniel Neetzel, Co-Gründer von Trademachines, der für sein Krypto-Startup NOS auf die Insel gezogen ist.

FinanceFWD: Daniel, Du bist für Dein Business vor einigen Monaten nach Malta gewechselt. Warum?

Neetzel: Wir haben einen regulierten Stablecoin (Anm. d. Red.: Ein Stablecoin ist eine Kryptowährung, die an einen stabilen Vermögenswert gebunden ist, beispielsweise an Gold- oder Fiat-Währungen) mit kostenlosen und sofortigen Transaktionen gelauncht. In Deutschland und Liechtenstein wurde mir seitens Regulatoren mitgeteilt, dass ein Stablecoin als E-Geld klassifiziert werden würde. Deswegen habe ich mich andernsorts auf die Suche nach einem E-Geld Institut als Partner gemacht. Malta hat ein Gesetz verabschiedet, welches sogenannte „Virtual Financial Assets“ reguliert. Das heißt: Ein Stablecoin oder ein ICO können hier mit weniger rechtlichen Unsicherheiten gelauncht werden. Ich habe hier ein E-Geld Institut gefunden, welches von deutschen Gesellschaftern betrieben wird. Zudem ist die Versteuerung von Einnahmen durch ICOs noch uneindeutig. Viele Firmen haben deshalb Stiftungen gegründet, die sich präzise an ihren Stiftungszweck halten müssen, um ihre Steuerbefreiung aufrecht zu erhalten, ein Pivot ist also schwer möglich. In Malta würde im schlimmsten Fall ein effektiver Steuersatz von 5% (nach 4 bis 6 Wochen) auf die ICO-Erlöse anfallen.

FinanceFWD: Was plant Ihr mit Eurem Startup?

Neetzel: Die Herausgabe von einem regulierten Stablecoin auf Basis einer neuen Blockchain Technologie namens „Blocklattice“, welche durch ihre Effizienz kostenlose, instante und umweltfreundliche Transaktionen erlaubt. Durch den regulierten Charakter wird der Stablecoin risikolos nutzbar für lizenzierte Finanzinstitute und Konzerne.

FinanceFWD: Was ist Dein erstes Fazit? Anders gefragt: Wie läuft’s?

Neetzel: In Malta ist ein Stablecoin kein E-Geld, sondern ein „Virtual Financial Asset“. Die Einschätzung der Regulatoren widerspricht hier also etwa der BaFin. Ein Euro-Stablecoin ist beim aktuellen Negativzins von 0,4 Prozent unmöglich. Somit wären wir entweder ein „Negative carry“-Coin oder ein „Low-risk Asset Management“-Coin, wenn du die Euro investierst. Wir haben vor Kurzem den NOLLAR, einen an den US-Dollar geknüpften Stablecoin, gelauncht. Hier lassen sich Zinsen auf die Einlagen verdienen. Die generelle ICO-Stimmung ist eher schlecht für Utility-Token. Deswegen haben wir zum einen eine kleineres Private Placement gemacht, das überzeichnet war und warten mit dem Public Offering. Zum anderen prüfen wir gerade, ob wir einen Security-Token anbieten. Ein Handel davon wäre möglich über eine potenzielle Partnerschaft zwischen Binance und der Malta Stock Exchange.

FinanceFWD: In den Medien spricht man ja vom neuen Krypto-Paradies. Wie ist Deine Meinung dazu?

Neetzel: Malta fehlt besonders die Banken-Infrastruktur. Ganz ehrlich: Es gibt in Litauen, Deutschland und Großbritannien mehr Banken, die mit Blockchain-Unternehmen zusammenarbeiten als in Malta. Außerhalb des FIAT-Gateways gibt es für Kryptobörsen wenig Anreiz, von Offshore in einen regulierten Markt zu wechseln. Deswegen passt Malta sehr gut zur Kryptowelt: Overpromise, underdeliver. Ich kenne bis heute keine einzige größere Blockchain-Firma, die ihren Hauptsitz tatsächlich nach Malta verlegt hat. Nur ein Beispiel: Binance, die größte Kryptobörse der Welt, launcht einen FIAT Exchange in Liechtenstein und Singapur.

FinanceFWD: Gibt es denn dort überhaupt eine Kryptoszene? Seid Ihr im Austausch mit anderen Companies?

Neetzel: Es gibt ein paar Events, aber wie immer in der Kryptoszene ist die Qualität der Teilnehmer sehr dünn. Den besten Austausch hatte ich bisher mit einem direkten Wettbewerber.

FinanceFWD: Auch wenn das Wetter in Malta ein Traum ist: Spürt Ihr als Startup den sogenannten Krypto-Winter bzw. vor welchen Herausforderungen steht Ihr gerade?

Neetzel: Ganz kurios: Der Sommer in Deutschland war wärmer als in Malta. Im ICO-Bereich herrscht bereits verdientermaßen Krypto-Winter. Ich würde mich freuen, wenn der Markt um weitere 90 Prozent einbricht, sodass er nicht mehr attraktiv für beispielsweise ehemalige TimeShare-Vertriebler ist, die jetzt ICOs an Retail-Investoren verkaufen. Erst wenn #BUIDL statt #HODL herrscht, kann der Krypto-Markt sich wieder erholen.

FinanceFWD: Traktion auf ein Krypto-Projekt zu bekommen, ist gerade sehr schwierig. Wieso eigentlich? Und was ist Euer Ansatz?

Neetzel: Niemand nutzt Kryptowährungen gerade für legale oder nicht spekulativ getriebene Use-Cases. Für den normalen Verbraucher sind sie einfach unpraktisch. Eines der Hauptprobleme ist die hohe Volatilität. Der Bitcoin liegt bei sieben Prozent in Volatilitätsindex, Dollar und Euro bei 0,5 Prozent. Hinzu kommen hohe Transaktionskosten und die damit verbundene Energie-Verschwendung für Miner sowie lange Wartezeiten und eine umständliche „Private key“-Verwahrung. Deswegen gibt es immer noch zu wenig Händler, die Kryptowährungen als Zahlungsmittel akzeptieren. Und Größere haben sie wieder aus dem Sortiment genommen, etwa Stripe oder Steam.

FinanceFWD: Was ist Euer Ansatz?

Neetzel: Blocklattice ermöglicht kostenlose und sofortige Transaktionen, die achtmillionenfach weniger Energie verbrauchen als Bitcoin. Der NOLLAR ist 1:1 mit USD hinterlegt, also voll gegen Dollar umtauschbar. Blocklattice ist zudem eine asynchrone Kette – wie ein Baum mit vielen Ästen – bei der jeder Account eine eigene Blockchain ist. Jede Transaktionen hat zwei eigene Blöcke, die unabhängig von anderen Transaktionen bestätigt werden. Bei Bitcoin oder Ethereum existiert eine limitierte Anzahl an Transaktionen pro Block, die Block nach Block bestätigt werden müssen. Zudem wird beim dPoS (Delegated Proof of Stake) das Mining überflüssig – und damit auch die massiven Energiekosten. Das stärkste Incentive ist deswegen das Sparen von Zahlungsgebühren und Dezentralisierung des Netzwerks.

FinanceFWD: Hilft der Staat Malta dabei? Bzw. wie ist die Infrastruktur vor Ort für Krypto-Companies?

Neetzel: Die Politiker in Malta scheinen ein Interesse zu haben, neben dem iGaming-Markt – ein schöneres Wort für Online-Casinos und Wettanbieter – den Kryptomarkt nach Malta zu holen. Irgendwie ja auch eine Form des Gamblings, oder? Leider haben sie bisher keine sonderlich praktische Infrastruktur auf Banken- oder Regulator-Ebene geschaffen.

FinanceFWD: Deiner Einschätzung nach: Woran fehlt es? Und machen das andere Länder derzeit besser? Die Schweiz will sich ja auch als Krypto-Valley etablieren.

Neetzel: Die USA haben die meisten Krypto-Companies mit Fiat-Zugang, also scheint dort etwas zu funktionieren. Die Schweiz oder Liechtenstein probieren essentiell dasselbe wie Malta, aber arbeiten ironischerweise nicht mit maltesischen Unternehmen zusammen – obwohl Malta ein vollwertiges EU-Mitglied ist und sie selbst nur im EWR. Simpel gesprochen: Viele EU-Direktiven oder Leitlinien der EZB sind einfach nicht krypto-kompatibel. Ewa die Geldwäsche-Richtlinie 5, die DSGVO oder die Empfehlungen der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde EBA.

FinanceFWD: Was heißt das für Euer Business: Bleibt Ihr oder zieht Ihr eventuell bald wieder um?

Neetzel: Ein großer Vorteil in Malta ist eine sechs bis zwölf-monatige „Grandfathering period“, bei der man sich an Interpretationen der MFSA anpassen kann z.B. eine Lizenz beantragen, sondern man vor dem 1. Oktober seine Geschäftstätigkeit aufnimmt. Diese Freiheit erlaubt die BaFin nicht, Malta ist also (erstmal) ein guter Standort. Und auch wenn in Malta noch entscheidende Infrastruktur zum Krypto-Paradies fehlt, sind sie bemühter als alle anderen EU-Staaten, besonders auf persönlicher Ebene.

FinanceFWD: Danke für das Interview.