Fabio De Masi kommentiert einmal im Monat Entwicklungen aus der „neuen Finanzwelt“ für Finance Forward (Bild: imago/Andre Lenthe)

Fintech-Ambitionen von Apple und Facebook – ein digitaler Euro als Antwort?

Apples Vorstoß in den Kreditmarkt zeigt, dass die Big Techs weiter in die Finanzwelt drängen. Ein digitaler Euro ist eine Lösung, die Marktmacht einzuhegen – und ein „Konto für Jedermann“ zu schaffen, gleichwohl muss auch Bargeld geschützt werden, kommentiert der ehemalige Abgeordnete und Wirecard-Aufklärer Fabio De Masi.

Apple greift die Banken an. Vor wenigen Tagen hat der Smartphone-Hersteller ein „Buy now, pay later“-Produkt angekündigt, es ist der Einstieg in den Markt für Konsumentenkredite. Die Besonderheit: Bei diesem neuen Großprojekt startet Apple ohne einen Bankpartner, wie es bei anderen Bezahl-Projekten bislang üblich war.

Der Tech-Konzern verfügt über eine enorme Bilanzsumme, eine kaufkräftige Kundschaft und vor allem über Echtzeit-Verhaltensdaten etwa zur Nutzung von Apps, die Rückschlüsse auf das verfügbare Einkommen und Kreditausfallrisiken zulassen. Das teure Smartphone ist schon ein Bonitätsnachweis für sich.

Die Meldung ruft Erinnerungen an die Fintech-Ambitionen der großen Tech-Konzerne wach, die schon länger auf den Finanzmarkt schielen. Denn dieser ist nicht nur unglaublich groß, sondern die Daten lassen sich auch ausgezeichnet vermarkten. Seit Jahren prognostizieren Expertinnen und Experten den Angriff auf die traditionelle Bankenwelt von Google, Apple, Facebook und Amazon. Denn während aus der Krypto-Blase die Luft entweicht, Tech-Aktien sich unter Druck befinden und es Entlassungswellen bei Fintech-Anbietern gibt, werden die Umwälzungen am Finanzmarkt durch Datentechnologie eine Finanzkrise überdauern – gerade durch die Tech-Unternehmen.

Den ersten großen Aufschlag wagte Facebook mit seinem eigenen digitalen Asset namens Libra – mit den Plänen ist das Unternehmen vorerst gescheitert. Denn Facebook rief damit die Zentralbanken auf den Plan. Denn ein Drittel der Menschheit ist über Dienste wie Instagram, Whatsapp oder Facebook selbst Kunde des Konzerns. Politik und Zentralbanken befürchteten zu Recht, dass mit Facebook eine mächtige Schattenbank entstehen könnte, die irgendwann womöglich auch Kredite schöpfen oder Kapitalflucht aus Entwicklungs- oder Schwellenländern mit instabilen Währungen anheizen würde.

Aber der Tech-Konzern wird nicht aufgeben. Laut Berichten arbeitet Facebook etwa an einem neuen Vorhaben für eine interne digitale Währung, der von Mitarbeitern in Anlehnung an den Facebook-Gründer Mark Zuckerberg nur „Zuck Buck“ genannt wird. Denn Teile der zwei Milliarden Menschen, die „un-banked“ sind und über kein Bankkonto verfügen, haben womöglich einen Facebook- oder Instagram-Account.

Bargeld ergänzen, nicht abschaffen!

Es ist daher höchste Zeit, dass wir eine Debatte über die öffentliche Daten- und Finanzinfrastruktur führen. Aus meiner Sicht muss diese einen digitalen Euro umfassen, der von der EZB garantiert wird, und im Alltag für Bezahlvorgänge nutzbar ist. Nur so können wir ein eigenes Datenschutzniveau durchsetzen, die Marktmacht und das Systemrisiko der Big Techs auf dem Finanzmarkt einhegen.

Nun mag man zu Recht einwenden, dass das meiste Geld bereits heute digital ist. Geldscheine und Münzen machen nur einen Bruchteil der Geldmenge aus. Der überwiegende Teil sind Zahlen auf Computern von Banken, die per Knopfdruck geschaffen werden. Doch Banken können trotz Sicherungssystemen Pleite gehen. Eine Zentralbank geht in eigener Währung nie Pleite, auch wenn die Währung selbst an Wert verlieren kann. Denn sie verfügt über das Notenmonopol.

Ein digitaler Euro wäre daher „digitales Bargeld“. Er wäre von der EZB garantiert. Im Idealfall hätten alle Bürgerinnen und Bürger ein Konto bei der EZB. So sind der Bundesbank laut Bundesbankgesetz „Geschäfte mit Jedermann“ erlaubt. Die EZB und die schwedische Reichsbank erproben bereits die Nutzung des Target Instant Payment Settlement (TIPS), das für den Echtzeit Zahlungsverkehr innerhalb der Euro-Zone genutzt wird, für den internationalen Zahlungsverkehr zwischen Zentralbanken mit unterschiedlichen Digital-Währungen.

Man könnte die Konten zentral verwalten, die Geschäftsbanken verpflichten das separate Konto im Auftrag der EZB zu führen oder die dezentrale Distributed-Ledger-Technologie der Blockchain zum Einsatz bringen. Riskante Geschäftsmodelle von Geschäftsbanken würden so unter Druck kommen, und diese wären den geforderten Einlagen angemessen zu verzinsen. Um zu vermeiden, dass die EZB zur regulären Hausbank der Bürgerinnen und Bürger wird und es zum digitalen „Bank Run“ kommt, weil Kunden ihre Einlagen bei Geschäftsbanken zum sicheren Hafen der Zentralbank umschichten, könnte man Obergrenzen für den digitalen Euro einführen oder die Einlagen auf dem EZB-Konto nicht verzinsen.

Denn es ist die Aufgabe von lokalen Geschäftsbanken und nicht von Zentralbanken Kredite zu vergeben, Geschäftsvorhaben einzuschätzen oder Angebote zum sicheren Sparen anzubieten. Gleichwohl würde sich dann die Frage stellen, welchen Nutzen ein digitaler Euro neben dem Angebot der Banken und Fintechs überhaupt hätte? Was wäre etwa im internationalen Zahlungsverkehr der Vorteil gegenüber PayPal?

Dystopische Internet-Milliardäre dürfen uns nicht beherrschen

Daher ergibt ein digitaler Euro nur Sinn, wenn er mit einer Zahlungsinfrastruktur einhergeht, die Daten angemessen schützt. Statt die Daten aus der Hand zu geben, könnten Fintechs dann über Apps und anderen Anwendungen zum kontaktlosen Bezahlen, um die besten technologischen Lösungen zur Integration des digitalen Euros in unseren Alltag konkurrieren.

Die Fähigkeit der Zentralbanken technologisch im Finanzmarkt mitzuspielen, ist unerlässlich, um zu verhindern, dass die Zentralbanken das Monopol über die Geldschöpfung an die neuen Tech-Banken oder Krypto-Nerds verlieren. Denn während Tech-Firmen oder Banken mit Krediten Profite erzielen wollen, müssen Zentralbanken erkennen, wenn Finanzblasen entstehen oder Märkte überhitzen.

Der digitale Euro darf aber nicht in der vollständigen Abschaffung des Bargelds münden. Denn die vollständige Enteignung unserer Privatsphäre ist ja gerade die Gefahr, die durch bereits durch die Big Techs an der Supermarktkasse droht. Denn auch der Staat wünscht sich den gläsernen Bürger und muss daher jenseits legitimer Ziele, wie der Bekämpfung der Finanzkriminalität durch Bargeldobergrenzen, auch immer wieder in die Schranken verwiesen werden.

Das Experiment in Indien in einer Nacht- und Nebelaktion das Bargeld abzuschaffen, mündete in einer Katastrophe, da Millionen Menschen plötzlich vom Zahlungsverkehr abgeschnitten waren. Gerade im Daten-Kapitalismus steigt das Risiko digitaler Meltdowns und von Cyber-Attacken. Mit der vollständigen Abschaffung des Bargelds wäre jeder Einkauf im Alltag für Finanzinstitute, Datenkraken oder staatliche Behörden nachvollziehbar.

Es hilft kein digitaler Eskapismus gegen die neue Welt des Geldes. Wir müssen öffentliche Alternativen wie digitales Zentralbankgeld schaffen, damit wir Technologien beherrschen und nicht Technologien oder dystopische Internet-Milliardäre uns.


Fabio De Masi war Mitglied des Deutschen Bundestages sowie des Europäischen Parlaments und machte sich dort bei der Aufklärung von Finanzskandalen – etwa um den Zahlungsdienstleister Wirecard – einen Namen. Der Finanzdetektiv wird zukünftig einmal im Monat Entwicklungen aus der „neuen Finanzwelt“ für Finance Forward kommentieren. Der Ökonom ist Fellow für digitale Finanzmärkte bei der Nichtregierungsorganisation Finanzwende und am Financial Innovation Hub der Universität Kapstadt (Südafrika). Er schreibt in seiner persönlichen Eigenschaft.

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