Gerhard Cromme 2017 bei der Berliner Noah-Konferenz (Bild: Getty Images)

Clearvat erhöht Finanzierung und angelt sich Aufseher Gerhard Cromme

Exklusiv: Das Clearinghaus Clearvat erhöht seine Series A auf 14 Millionen Euro. Neu als Investor an Bord ist der ehemalige Siemens-Chefaufseher Gerhard Cromme – der im Sommer in den bereits prominent besetzten Aufsichtsrat einziehen soll.

Auf seine alten Tage startet Gerhard Cromme eine zweite Aufseherkarriere. Der einst mächtige Stahlmanager und langjährige Siemens-Aufsichtsratschef hat in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe neuer Mandate angesammelt: Er wurde Vorsitzender des Aufsichtsrats beim Berliner Gebrauchtwagen-Startup Auto1, Co-Vorsitzender des Aufsichtsrats der Privatbank Oddo BHF, Beiratsvorsitzender bei der Immobilienfirma Aroundtown und Chairman des Risikokapitalgebers Target Global.

Ab dem Sommer ergänzt ein neuer Sitz Crommes Sammlung: Nach Informationen von Finance Forward wird er Aufsichtsratsmitglied bei Clearvat, dem auf Mehrwertsteuer-Clearing spezialisierten Fintech des schillernden und bestens vernetzten Serienunternehmers Roman Maria Koidl. In dessen Aufsehergremium sitzen bereits prominente Mitglieder wie Ex-Finanzminister Peer Steinbrück, der Koidl 2012 kurzzeitig als Wahlkampfberater engagierte und der als Vorsitzender fungiert, der ehemalige ProSiebenSat.1-Chef Thomas Ebeling, Investmentbanker Oliver Schiller oder der ehemalige Handwerksfunktionär Hanns-Eberhard Schleyer.

Cromme investiert auch in Clearvat, er nimmt an einer Aufstockung der Series-A-Finanzierungsrunde um sechs Millionen auf 14 Millionen Euro teil. Auch die Altgesellschafter von Clearvat, vor allem zwei nicht genannte Family Offices, sind mitgegangen. Neu als Geldgeber an Bord sind neben Cromme der Bankmanager Martin Reitz sowie Ringier-CEO Marc Walder. Die Post-Money-Bewertung des 2016 gegründeten Unternehmens verdoppelt sich mit der Finanzierung laut Koidl auf 50 Millionen Euro.

Der 1967 geborene Unternehmer, der auch Bestseller wie „Warum wir Irre wählen“ geschrieben hat, nahm die Idee für Clearvat aus seiner letzten Firmengründung mit, dem Online-Kunstmarktplatz Fineartmultiple. Er beobachtete dabei, dass viele Onlinehändler über Europas Grenzen hinweg Waren verkaufen – aber häufig gar keine Umsatzsteuer abführen.

In der Branche ist das ein offenes Geheimnis. Doch dem Fiskus entgehen dadurch riesige Summen: Mindestens 18 Milliarden Euro pro Jahr, lautet eine konservative Schätzung – angelehnt an die etwa 90 Milliarden Euro, die innerhalb Europas jedes Jahr grenzüberschreitend online verkauft werden. Und: Viele Unternehmen setzen sich dem Risiko von Betriebsprüfungen und Strafanzeigen aus.

„Elektronik, Sammlerstücke, Mode – man staunt, wie viel doch grenzüberschreitend läuft“, sagt Roman Maria Koidl. Eine Million Händler sind nach seiner Rechnung betroffen. Sie alle müssten sich eigentlich in jedem Zielland registrieren, Mehrwertsteuer zum dort geltenden Satz erheben und an das zuständige Finanzamt abführen. Das ist so schon kompliziert – dazu kommen aber noch europaweit über 7.000 Ausnahmen.

Mit Clearvat will Koidl die Zahlungsmoral der Händler verbessern – und dabei ein gutes Geschäft machen. Er hat eine Software entwickeln lassen, die während des Verkaufsprozesses die richtige Umsatzsteuer für einen Artikel berechnet, diese einzieht und schließlich an die zuständige Behörde abführt. Dafür erhält Clearvat drei bis fünf Prozent Kommission vom Transaktionswert. Für eine technische Sekunde fungiert das Unternehmen als Zwischenhändler zwischen Händler und Kunden, ähnlich einem Zahlungsanbieter. Der Kunde spürt davon nichts – er bleibt direkt mit dem Händler in Kontakt. Clearvat übernimmt für den Händler die Haftung für die geschuldete Mehrwertsteuer. „Gerade polnische und italienische Behörden gehen aggressiv vor, von dieser Gefahr befreien wir die Unternehmen“, sagt der Gründer.

Das Vorhaben ist komplex, die Vorbereitung hat dementsprechend Jahre gedauert. Kern des Produkts ist die sogenannte „VAT-Engine“, eine eigens zusammengestellte Liste mit 550.000 Besteuerungsregeln „für jedes erdenkliche Produkt in Europa und die damit zusammenhängende Besteuerung der Artikel des Händlers“, so Koidl. Erarbeitet hat er sein System mithilfe der Steuerrechtsexpertise von Deloitte und mit technologischer Unterstützung von SAP.

In 28 EU-Ländern sowie der Schweiz ist Clearvat nun verfügbar. Im ersten Halbjahr 2020 sollen mehrere tausend Händler an die Software angebunden werden, vor allem über den E-Commerce-ERP-Anbieter Plentymarkets, mit dem das Startup kooperiert. Über bereits erreichte Kundenzahlen oder abgewickelte Volumina will das Unternehmen noch nichts verraten.

Koidl beschäftigt an Standorten in Berlin, Konstanz, München und Köln mehr als 40 Mitarbeiter (freie eingerechnet). Bis Ende 2020 soll die Zahl auf 70 wachsen. „Recruiting ist unser Hauptthema“, sagt Koidl. Er hat dafür Personalchef Jonathan Silverman vom Karten-Unternehmen Here geholt. Und natürlich dient dafür auch die aktuelle Finanzierungsrunde. „Das sind gute und sehr teure Leute.“ Clearvat, sagt der Gründer, sei eben kein gewöhnliches Fintech. Er nennt es: „ein Erwachsenen-Startup“. Da passt der neue Aufseher dann auch hin.

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